Dortmunds 4:0 gegen Atlético "Wir haben einen Rausch"

Vier Tore gegen die wohl beste Abwehr Europas: Der Auftritt gegen Atlético machte sogar die BVB-Profis euphorisch. Der Klub hat den Umbruch im Eiltempo vollzogen.

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Von , Dortmund


Manchmal fehlen Lucien Favre noch Vokabeln, um die Sätze zu beenden. "Wie sagt man das?", fragt der Trainer aus dem Französisch sprechenden Teil der Schweiz dann den Mediendirektor von Borussia Dortmund, oft hängt er einen Vorschlag an. "Reifen?" Der Sprecher nickt, der Satz wird daraufhin vervollständigt: "Ein junger Spieler braucht zwei bis drei Jahre Zeit, um reif zu sein."

Es passt zu dem Umbruch, den der BVB schon länger geplant hatte und im Sommer dann umsetzte, wenn der Trainer immer wieder zur Geduld mahnt. Die Ergebnisse deuten aber weiter darauf hin, dass die Dortmunder den Findungs- und Reifeprozess im Hauruckverfahren erfolgreich abgeschlossen haben. Ein 4:0 gegen Atlético Madrid müsste locker reichen, um ein Zertifikat in die Hand zu bekommen mit einer hervorragenden Note.

"4:0 ist viel"

Favres Musterschüler wehrte ab. "Wir haben jetzt seit einigen Wochen einen Rausch, der wird so nicht anhalten", sagte Marco Reus, dem zuvor ein paar Vokabeln herausgerutscht waren, die für Favre tabu sind, etwa "sensationell" oder auch "Wahnsinn". Der Trainer sagte: "4:0 ist viel."

Zum Auftakt der Champions League würgte sich der BVB einen 1:0-Sieg beim FC Brügge heraus, und es war die Frage, wie künftig mal mehr Tore geschossen werden sollen. Der Offensivplan blieb verborgen, ein abschlussstarker Mittelstürmer fehlte. Gut vier Wochen später gewinnt jener BVB 4:0 gegen Atlético, das als eine der ausgebufftesten, fiesesten und defensivstärksten Mannschaften des Planeten gilt. Dabei fehlte wieder ein abschlussstarker Mittelstürmer, denn Paco Alcácer ist verletzt. Statt des Spaniers spielte Mario Götze im Zentrum des Angriffs.

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BVB-Erfolg gegen Atlético: So jung, so reif

Götze, 26, schoss keinmal aufs Tor, fügte sich aber dennoch glänzend in das - "wie sagt man das?" - reife, weil taktisch hervorragend geplante Spiel ein. Götze spielte den Regisseur mit dem Rücken zum Tor, war die Anspielstation für seine Kollegen, die mit Tempo auf den gegnerischen Strafraum zustürmten. "Mir gefällt die Borussia mit ihrer Schnelligkeit und ihrem vertikalen Spiel. Das war schön anzusehen", sagte Atléticos Trainer Diego Simeone, der es ansonsten gerne sieht, wenn der Gegner verzweifelt, weil er weder Raum noch Zeit für seine Angriffe findet.

Götze gefiel auch in der Defensive, wenn er vorne an der Seite von Marco Reus den Gegner früh störte und ihn in die Zonen lenkte, in denen es weniger gefährlich wird. Dieses Abdrängen ist ein Markenzeichen von Favres Taktik. Atlético fand dagegen nur für eine gute Viertelstunde nach der Pause ein probates Mittel, indem Simeone die Mannschaft im Block nach vorne schieben und früher stören ließ.

"Weiß nicht, was passiert, wenn das 1:1 fällt"

"Wir träumen nicht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn das 1:1 fällt", wies Favre auf die schwierige Phase für seine Mannschaft hin. Dank der Einwechslung von Raphaël Guerreiro gewann der BVB aber die Kontrolle über das Spiel zurück. Der Portugiese half entscheidend dabei, Dortmunds linke Seite gegen Atléticos Druck zu stabilisieren. "Er kommt rein und weiß sofort, was er machen muss", lobte Favre den Europameister von 2016, der sogar noch zwei Tore schoss.

"Wir haben zusammen angegriffen, zusammen verteidigt. Ich glaube, das ist das Entscheidende", analysierte Götze und stellte seinem Trainer damit eine hervorragende Note aus.

Tabellenführer in der Bundesliga, nach drei Spielen fast schon sicher im Achtelfinale der Champions League: Der BVB geht den Umbruch rasant an.

Junge Spieler wie Achraf Hakimi und Dan-Axel Zagadou, beide erst 19 Jahre alt, überzeugen konstant. Zugänge wie Axel Witsel (Favre: "Er bringt die Ruhe rein") und Thomas Delaney zeigen genau das, was von ihnen erwartet worden war. Delaney musste allerdings ausgewechselt werden. "Ich wollte erst nicht raus, weil es so ein geiles Spiel war", sagte der Däne, die Schmerzen seien aber zu heftig gewesen.

Delaney zeigte sich auch überrascht von dem schnellen Findungsprozess seiner neuen Mannschaft. Er mahnte allerdings auch: "Wir müssen auf dem Boden bleiben mit beiden Füßen." Zur Sicherheit fragte er nach: "Sagt man das so auf Deutsch?"

Borussia Dortmund - Atlético Madrid 4:0 (1:0)
1:0 Witsel (38.)
2:0 Guerreiro (73.)
3:0 Sancho (83.)
4:0 Guerreiro (89.)
Dortmund: Bürki - Piszczek, Diallo, Zagadou, Hakimi - Delaney (35. Dahoud), Witsel - Pulisic (79. Sancho), Reus, Bruun Larsen (63. Guerreiro) - Mario Götze
Madrid: Oblak - Juanfran, Godín, Lucas, Filipe Luís - Thomas (46. Rodrigo), Saúl (70. Correa) - Lemar, Koke - Diego Costa, Griezmann
Schiedsrichter: Anthony Taylor (England)
Zuschauer: 66.099 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Diallo, Zagadou - Thomas, Lemar, Filipe Luís, Diego Costa (2), Correa



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prince62 25.10.2018
1. Seltsam, letztes Jahr ganz ähnliche Artikel
Das hatten wir doch schon mal im letzten Jahr, nach 7 Spieltagen gab es ähnlich lautende Artikel hier im SPON, der Rest ist ja dann bekannt und auch bei L. Favre war es bislang immer - Betonung auf immer - so, daß es mit seinen Mannschaften erst hoch und dann sehr tief geht, die Frage ist nur in welchem Zeitraum.
Papazaca 25.10.2018
2. Trainer, junge Mannschaft, Vereinsstruktur - im Moment passt alles
Mir gefällt die gegenwärtige Momentaufnahme, weil der BVB einen sehr guten Fußball spielt, damit auch überzeugend gewinnt, und das mit viel Freude. Dazu gehört viel: nicht nur talentierte, hochmotivierte Spieler und ein exzellenter Trainer sondern auch die Scoutingabteilung, Kehl als Ansprechpartner, aber auch Sammer, Zorc und Watzke, die sich auffällig zurückhalten. Früher war das schon mal anders. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt und es nicht zu überraschenden Pressekonferenzen kommt. Lernfähigkeit ist alles!
nixproblem 25.10.2018
3. Zeit zu reifen
Ich freue mich über die Spielweise und den Erfolg des BVB, Meine Bitte an die Presse: Bitte lasst der Mannschaft Zeit und zettelt keinen ungesunden Hype an.
muellerthomas 25.10.2018
4.
Zitat von prince62Das hatten wir doch schon mal im letzten Jahr, nach 7 Spieltagen gab es ähnlich lautende Artikel hier im SPON, der Rest ist ja dann bekannt und auch bei L. Favre war es bislang immer - Betonung auf immer - so, daß es mit seinen Mannschaften erst hoch und dann sehr tief geht, die Frage ist nur in welchem Zeitraum.
naja, letztes Jahr gab es viele zu Recht warnende Stimmen, da jeder gesehen hat, wie anfällig die Abwehr ist. Wenn Sie die Spiele damals und heute vergleichen, werden Sie eher wenig Parallelen erkennen.
Papazaca 25.10.2018
5. Stimmt, schon seltsam dieser Zweckpessimismus!
Zitat von prince62Das hatten wir doch schon mal im letzten Jahr, nach 7 Spieltagen gab es ähnlich lautende Artikel hier im SPON, der Rest ist ja dann bekannt und auch bei L. Favre war es bislang immer - Betonung auf immer - so, daß es mit seinen Mannschaften erst hoch und dann sehr tief geht, die Frage ist nur in welchem Zeitraum.
Wobei es wahrscheinlich schon einen Zweck gibt? Oder nur Wunschdenken? Das erinnert mich an die Betrachtungsweise einiger Zeitgenossen, die die Geburt als Vorstufe des Todes sehen. Aber wollen wir diesen Kommentar mit seiner offensichtlichen Absicht nicht zu hoch hängen. Der BVB und seine Fans freuen sich, andere freuen sich weniger und bringen das auch zum Ausdruck. Klar, das ich mich freue, zu der optimistischen Fraktion zu freuen. Und wenn es anderen nicht so gut geht und das sich in solchen pessimistischen Kommentaren ausdrückt, haben ich dafür volles Verständnis. Also, nicht traurig sein!
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