Schalkes 4:4 in Dortmund "Den Tag wird man im Leben nicht vergessen"

Ein Punktgewinn nach vier Toren Rückstand: Schalke hat in Dortmund Historisches geleistet - und feiert das Unentschieden wie einen Derbysieg.

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Aus Dortmund berichtet


Traditionell mischt sich Clemens Tönnies beim Revierderby in Dortmund unter die Schalker Fans auf der Nordtribüne. Ein wackliges Video im Internet zeigt, wie der Aufsichtsratsvorsitzende der Gelsenkirchener nach dem Ausgleich zum 4:4-Endstand ausgelassen jubelte, klatschte und andere Zuschauer umarmte. Deutlich zu hören ist die Stimme eines anderen Schalker Fans, der in das Mikrofon brüllt: "Wir haben noch drei Minuten."

Es war die Gier, die aus der Ekstase erwuchs, versehen mit einer realistischen Einschätzung. Borussia Dortmund war auf dem Tiefpunkt, mit den Kräften am Ende, zudem in Unterzahl. Schalke hingegen war in der Stimmung und in der Lage, dieses verrückte Spiel vielleicht sogar noch zu gewinnen. Aber auch ohne den Siegtreffer machte diese in der Bundesliga historisch einmalige Leistung, den Platz nach einem 0:4-Rückstand zur Pause nicht als Verlierer zu verlassen, glückselig: "Das ist ein Tag, den wird man im Leben nicht vergessen", sagte Leon Goretzka.

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4:4-Spektakel in Dortmund: Drama, Baby!

Der Nationalspieler war schon in der 33. Minute eingewechselt worden, zusammen mit Amine Harit. Da stand es bereits 4:0 für Dortmund. Beide gingen also in ihrer persönlichen Bilanz als 4:0-Derbysieger vom Platz. Wobei "gehen" im Fall von Harit nur bedingt zutrifft. Der 20 Jahre alte Franzose humpelte. Nach einem üblen Tritt von Gonzalo Castro in die Wade, der für das Foul die Rote Karte hätte bekommen müssen, wurde er lange behandelt.

Tedesco wollte "zumindest die zweite Halbzeit gewinnen"

Weil Schalke nicht mehr wechseln konnte, war so kurzzeitig Gleichzahl hergestellt. Die Dortmunder hatten Pierre-Emerick Aubameyang zuvor mit Gelb-Rot verloren (72.). Schalkes Schwung war dahin. Und als Harit, gestützt von zwei Betreuern, zur Bank geführt wurde, sah es nach einem Spiel mit zehn gegen zehn bis zum Schluss aus.

Aber der Franzose machte weiter. "Ich hatte starke Schmerzen. In den letzten zehn Minuten war es natürlich hart. Aber ich wollte unbedingt auf dem Feld bleiben, um der Mannschaft zu helfen", sagte Harit, der die Hoffnung der Gäste auf eine historische Leistung mit dem Treffer zum 2:4 (65.) genährt hatte.

In diesem Moment dürfte Domenico Tedesco zuversichtlich gewesen sein, das Ziel zu erreichen, das er in der Pause ausgegeben hatte. Schalkes Trainer wollte "zumindest die zweite Halbzeit gewinnen". An einen Punktgewinn habe er in der Kabine nicht mehr geglaubt. "Keine Chance."

Dortmunder Taktikänderung hat Schalke überrascht

Zu übermächtig sei der BVB zuvor gewesen, auch weil sein Kollege Peter Bosz ihn mit der Dreierkette und einem entsprechend veränderten Spielaufbau überrascht habe. "Das war ein cleverer Schachzug der Dortmunder. Sie haben uns in der Anfangsphase überrollt. Wir waren konsterniert, ein 0:4 nach 25 Minuten ist die Hölle." So sprach der Trainer, der beim 4:4 ähnlich abging wie Clemens Tönnies, allerdings am Spielfeldrand wesentlich mehr Auslauf genoss: "Die zweite Halbzeit war auch fußballerisch top. Das fühlt sich sehr, sehr gut an."

Die Bewährungsprobe bei einem Gegner mit hochwertiger Offensive gelang also, obwohl zunächst ein Debakel drohte. Schalke, eine Mannschaft, die in den sieben Bundesligaspielen zuvor vier Treffer kassiert hatte, benötigte dazu in Dortmund eine knappe Viertelstunde.

Die Dreierkette mit dem häufiger überforderten Benjamin Stambouli, dem auch ein Eigentor unterlief, und dem jungen Thilo Kehrer, der - mit Gelb vorbelastet - trotz eines zweiten gelbwürdigen Fouls von einem Platzverweis verschont blieb, zeigte viele Schwächen. Weston McKennie war in seinem ersten Derby so voller Adrenalin, dass er überdrehte und früh vom Feld musste, weil auch ihm Gelb-Rot drohte. Goretzka, der wegen einer gerade erst überstandenen Verletzung anfangs auf der Bank saß, brachte zunächst Ordnung ins Spiel, nach der Halbzeitpause dann auch Dynamik.

"Wahnsinn, einfach Wahnsinn", strapazierte Naldo wie viele Schalker ein Wort. Der Innenverteidiger hatte in der 94. Minute zum 4:4 eingeköpft. Drei Minuten hatte S04 noch für das fünfte Tor, aber es blieb bei einem Punkt. Aus der Schalker Kabine schallte es trotzdem: "Derbysieger, Derbysieger, hey, hey."



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Seite 1
joe.micoud 26.11.2017
1.
4-4-Sieger! Wahnsinnsspiel war das. Das Foul von Castro nicht mit Rot zu bestrafen, ist absurd. Da unterstelle ich volle Absicht den Gegner zu verletzen.
ortibumbum 26.11.2017
2. Dank an den Schiedsrichter
....zwei rot-würdige Fouls von Kehrer nicht geahndet. Aber rot für Borussia. Was ist da noch denkwürdig oder historisch?? Schalke hat wohl doch vorher dem Schiedsrichter besser "gefallen"; wer mir erzählen will, dass Schiedsrichter unparteiisch sind, der verkennt die Realität. Also auch Schiedsrichter müssen 'rausgeschmissen werden können, genau wie Spieler und Trainer. Und bei Dortmund sollte man sich - schon seit Wochen - von Watzke trennen; ein Intrigant höchster Güte und verantwortlich für den Niedergang der Borussia. Schalke wird absolut überschätzt.
rösti 26.11.2017
3. ja
Jetzt den Trainer in Frage zu stellen, finde ich zu einfach. Die Herren Profis beschweren sich immer wieder,das man sie Bitte als erwachsene Personen behandeln soll! Jetzt zu sagen wir sind nicht Fit, ist einfach nur eine faule Ausrede. Die Spieler selbst merken doch, das sie nicht Fit sind und tun anscheinend nicht genug dagegen. Man geht zum Trainer und fragt nach Sonder-Training. Ich Glaube kaum das der Trainer etwas dagegen hat! Einige Spieler sind einfach mit sich und der Mannschaft nicht zufrieden--- Götze immer noch nicht der Spieler, der er sein könnte----Marco Reus mehr im Krankenhaus wie auf dem Platz---Obe.. schiesst zwar viele Tore (vielleicht könnten es mehr sein ) ist aber sonst ein "Clown"und ohne Diziplin, welcherMann möchte so einen Arbeitskollegen in der Gruppe-----Die Deutsche Sprache sprechen noch viele nicht und das seit Jahren in Deutschland----- Team Geist scheint zu fehlen, der Leitwolf fehlt--- eine schwere Last für den Trainer und Vorstand! Die "Jung Stars" müssen einfach in die Spur kommen.(Götze und Reus ) Lukasz Piszczek und Sebastian Rode sind auch ein Steinchen im System die fehlen.
rainerheinrich 26.11.2017
4. Sie sind ein schlechter "Verlierer".
Als Schalke-Fan, nicht zu verwechseln mit Schalke-Fanatikern stimme ich Ihnen zu, dass die Schalker Mannschaft noch einen langen Weg zu einer absoluten Spitzenmannschaft gehen muss. Ob die zweite Attacke von Kehrer zu einem Platzverweis, aufgrund einer 2. gelben Karte, führen musste ist grenzwertig zu beurteilen. Dagegen war das Foul von Castro ohne wenn und aber absichtlich und damit rotwürdig. Verloren hat nicht der Schiedsrichter sondern die Leistung der Dortmunder Mannschaft in der 2. Halbzeit.
chico11mbit 26.11.2017
5. natürlich war das Rot für Castro
Herr Miku, natürlich war das Rot für Castro. Die volle Absicht den Gegenspieler zu verletzen erkennt man 1.) in der Laufrichtung und 2. in der dazu nach rechts abgewandten Trittrichtung, mit voller Absicht und Kalkül in Richtung Achillessehne. Das er nur die Wade getroffen hat, ist ein großes Glück für Hamri. Da Schalke schon dreimal wechselte, wird er versuch haben, die zahlenmässige Überlegenheit wieder gerade auszugleichen. Dieses absolut brutale Foul wird in seiner Hinterhäligkeit nur von Andoni Goikoetxea gegen Maradonna überboten.
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