BVB-Spieler Raphael Guerreiro Der Alleskönner

Thomas Tuchel hat mal gesagt, Raphaël Guerreiro sei zu gut, um nur eine Position zu spielen. Unter Lucien Favre blüht der Portugiese nun auf - weil er eine feste Aufgabe gefunden hat.

BVB-Star Raphael Guerreiro
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BVB-Star Raphael Guerreiro

Von Tobias Escher


Die Liste der besten Torschützen der aktuellen Champions League-Saison ist eine illustre Runde. Bayern-Torjäger Robert Lewandowski führt sie mit acht Treffern an, Barcelona-Star Lionel Messi folgt ihm mit sechs Toren. Fünf Tore haben unter anderem Neymar (Paris St. Germain), Edin Dzeko (AS Rom) und Paulo Dybala (Juventus) erzielt.

Auf Rang zehn der Liste folgt ein Spieler, der heraussticht: Raphaël Guerreiro ist mit vier Toren Borussia Dortmunds Toptorjäger. Im Sommer standen die Zeichen bei Guerreiro noch auf Abschied. Der BVB und der Portugiese, das war nicht die Erfolgsgeschichte, die sich die Klubbosse erhofft hatten. Unter dem neuen Trainer Lucien Favre hat Guerreiro jedoch endlich eine feste Position gefunden, die seine Stärken vollends zur Geltung bringen. Im Achtelfinal-Hinspiel bei Tottenham Hotspur (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kommt es auch auf ihn an.

Aber der Reihe nach. Guerreiro wuchs in Frankreich auf. Zum Profi reifte er im Centre technique national Fernand-Sastre, jener sagenumwobenen Jugendakademie des französischen Verbands, die Spieler wie Thierry Henry, Nicolas Anelka und Kylian Mbappé hervorbrachte.

Unter Tuchel musste er jede Position spielen

Er entschied sich jedoch dafür, für das Geburtsland seines Vaters aufzulaufen. 2016 gewann er mit Portugal den Europameister-Titel, ausgerechnet in Frankreich. Bei dem Turnier überzeugte er vollauf. Borussia Dortmund verpflichtete ihn bereits während des Turniers für zwölf Millionen Euro vom FC Lorient.

Dortmunds damaliger Trainer Thomas Tuchel dachte aber gar nicht daran, Guerreiro auf seiner angestammten Linksverteidiger-Position einzusetzen. Guerreiro sei zu gut, um nur eine Position zu spielen, erklärte Tuchel. Er erkannte Guerreiros Fähigkeiten als Ballverteiler sowie dessen taktisches Geschick, das er in der Jugendakademie erworben hat. Ein halbes Dutzend Positionen bekleidete er unter Tuchel: Linksverteidiger einer Dreierkette, Linksverteidiger einer Viererkette, Linksaußen, Sechser, Achter, Zehner. Fast immer fand er einen Platz in der Startelf.

Diese Flexibilität sollte in seinem zweiten Dortmunder Jahr zu seinem Fluch werden. Nachdem ihn Verletzungen zurückwarfen, kam er unter Peter Bosz und Peter Stöger kaum zum Einsatz. Stöger testete ihn auf verschiedenen Positionen, schenkte dem Portugiesen jedoch nie dauerhaft sein Vertrauen. Die "Sport Bild" mutmaßte, Guerreiros unsteter Lebenswandel und sein rüpelhaftes Betragen hätten ihn aufs Abstellgleis befördert. Guerreiro nannte diese Berichte auf Twitter "Fake News".

Im Sommer war nicht klar, ob Guerreiro in Dortmund eine Zukunft hat. Den Saisonstart verpasste er verletzt. Gegen Atlético Madrid feierte Guerreiro Ende Oktober seine Rückkehr. Beim 4:0-Erfolg erzielte er nach seiner Einwechslung zwei Tore. Favre belohnte ihn mit Startelf-Einsätzen in der Bundesliga und in der Champions League.

Spätestens im Dezember entpuppte sich Guerreiro als wichtige Ergänzung für das System von Favre. Der gelernte Linksverteidiger kommt unter Favre fast ausschließlich als Linksaußen zum Einsatz. Er bringt für diese Position Stärken mit, die den jungen Außenstürmern Jacob Bruun Larsen, Jadon Sancho und Christian Pulisic fehlen.

Dies belegt der SPIX, unsere Methode, Spielerleistungen mithilfe von Statistiken zu bewerten. Guerreiro sticht im Vergleich zu seinen Konkurrenten in zwei Bereichen heraus:

  • Sein Wert im Bereich Chancenkreation (89) ist höher als der seiner Konkurrenten. Hier zeigen sich Guerreiros Stärken im Passspiel sowie seine Übersicht, die Tuchel einst dazu inspirierte, ihn im zentralen Mittelfeld aufzustellen.
  • Vor allem aber liegt Guerreiro in der Kategorie Balleroberungen vor seinen Konkurrenten. Die eher jugendlichen Außenstürmer versprühen viel Kreativität, gerade Jadon Sancho narrt in dieser Saison Verteidiger um Verteidiger. Defensiv agieren sie nicht ganz so sattelfest. In dieser Kategorie überzeugt Guerreiro.

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Guerreiro hilft damit, die Stärken eines anderen Offensivkünstlers zum Vorschein zu bringen: Achraf Hakimi. Der von Real Madrid ausgeliehene Marokkaner spielt auf dem Papier zwar Linksverteidiger. Sein Offensivdrang sorgt aber dafür, dass er ständig in der gegnerischen Hälfte zu finden ist. Im letzten Drittel zieht er häufig zum Tor. Guerreiro sichert die Vorstöße seines Hintermanns ab. Er hat ein Gespür dafür, wann er die Kombination mit Hakimi suchen muss und wann er sich eher zurückfallen lassen sollte. Dortmund steht mit Guerreiro auf den Flügeln defensiv stabiler.

Im Champions League-Achtelfinale gegen Tottenham hoffen die Dortmunder indes auf Guerreiros Torriecher, gerade jetzt, wo Marco Reus und Paco Alcácer verletzt ausfallen. Guerreiros Tore in der Königsklasse waren alles andere als spektakulär, oft musste er nur den Ball ins leere Tor schieben. Der Portugiese weiß, wie man sich im Strafraum frei stiehlt. Er kann eben fast jede Position spielen - auch Stürmer.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels stand, Borussia Dortmund habe Guerreiro nach der Europameisterschaft 2016 verpflichtet. Tatsächlich wurde der Vertrag schon während des Turniers unterzeichnet.



insgesamt 10 Beiträge
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bernharddietz 13.02.2019
1. Liebe SPON Redaktion
guter Artikel, enthält nur einen Fehler, R. Guirrero wurde nicht erst nach der EM 2016 verpflichtet, bei der er Europameister wurde, sondern bereits vorher. Ansonsten hätte der BVB ihn sich damals nie leisten können.
hileute 13.02.2019
2. Trotz der verletzten
sollte der bvb in der Lage sein gegen die Spurs zu gewinnen, außerdem fehlt meines Wissens ja Kane auch verletzt
shrufu 13.02.2019
3.
Der dauernde frühe Positionswechsel hätte auf Dauer auch nicht gut gehen kõnnen. Egal wie gut jemand ist, die Positionen im Fussball sind mE im Grunde nicht endlos variabel wenn andere Faktoren wie Erfahrung hineinspielen. Dort musste guerreiro, der sicherlich schnell Strategien im Kopf entwickelt gegen bereits ausgestandene und überzeugte antreten.. auch die dauernde Umstellung Stelle ich mir wie ein Schichtbetrieb im Hirn vor.
andymoreno 13.02.2019
4.
Zitat von bernharddietzguter Artikel, enthält nur einen Fehler, R. Guirrero wurde nicht erst nach der EM 2016 verpflichtet, bei der er Europameister wurde, sondern bereits vorher. Ansonsten hätte der BVB ihn sich damals nie leisten können.
Genau das ist mir auch sofort aufgefallen. 12 Millionen waren ein Schnäppchen, nach der WM hätte er 40 oder mehr gekostet und wäre wohl eher nach England oder Spanien zu einem Topclub gegangen.
golfstrom1 13.02.2019
5. Positionen
Normalerweise ist es auch nicht gut, wenn ein Profi stets und ständig auf anderen Positionen eingesetzt wird. Man muss auch dazu sagen, dass Guerrero auch unter Tuchel sehr häufig verletzt war und sehr unregelmäßig nur gespielt hat. Nun gibt es die Konstellation, dass Guerrero endlich dauerhaft gesund ist und durch die vielen Einsätze sich im Rhythmus befindet. Gerade auf der aktuellen Position Linksaußen ist er für den BVB wie ein Neuzugang. Und im Zweifel steht er für andere Positionen aufgrund seiner Vielseitigkeit eben auch zur Verfügung. Er ist ein echter Glücksfall für den BVB.
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