Trainersuche Warum Favre nicht zu Dortmund passt

Lucien Favre gilt beim BVB als logischer Nachfolger von Peter Stöger. Taktisch wäre das die richtige Wahl, doch die verunsicherte Mannschaft braucht einen speziellen Trainertyp. Diese Namen sind im Gespräch.

Lucien Favre
AFP

Lucien Favre

Von


Der FC Bayern hat mal wieder Maßstäbe gesetzt. Innerhalb eines Tages soll der neue Trainer Niko Kovac verpflichtet worden sein, inklusive erster Kontaktaufnahme, Vertragsangebot, Zusage und der - eilig dementierten - Lancierung in den Medien. So schnell ist Borussia Dortmund nicht.

Seit der Beurlaubung von Peter Bosz und der Verpflichtung von Peter Stöger steht nicht fest, mit welchem Trainer der BVB in die Saison 2018/2019 gehen wird. Der Vertrag des Österreichers läuft nur bis zum Ende der Saison.

Nach den Leistungen der vergangenen Wochen ist klar, dass es die wichtigste Saison der jüngeren Vereinsgeschichte wird. In anderen Bereichen hat der BVB mit der nahenden Besetzung von Sebastian Kehl als Teammanager und der beratenden Funktion von Matthias Sammer bereits reagiert. In der Trainerfrage ist die abwartende Haltung von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke trotzdem verständlich. Die Anforderungen an den neuen Coach sind immens - und dabei geht es nicht nur um Taktik, sondern auch um die Verpflichtung eines emotionalen Anführers.

Der Kader benötigt viele Veränderungen, eine Personalpolitik ohne Trainer macht aber keinen Sinn. Deshalb herrscht beim BVB diesbezüglich gerade Stillstand, wertvolle Zeit für die Kaderplanung verfließt. Aktuell werden mit dem offensiv ausgerichteten Dribbler Mitchell Weiser und dem taktisch gut geschulten Jonas Hector zwei sehr unterschiedliche Außenverteidiger gehandelt. Doch passen die genannten Spieler überhaupt in das System des neuen Trainers? Allzu lange sollte der BVB deshalb nicht mehr warten.

Die Trainer-Kandidaten in Dortmund

Es gab in Dortmund in den vergangenen Monaten viele Gerüchte, wer Nachfolger des von vielen verehrten Jürgen Klopp, des unbeliebten Thomas Tuchel, des gescheiterten Bosz und des zuverlässigen Stöger werden könnte.

  • Julian Nagelsmann wäre Watzkes Wunschlösung gewesen, doch das junge Trainer-Talent mit Ausstiegsklausel für das Jahr 2019 erhält keine Freigabe von Hoffenheim.
  • Lucien Favre gilt nun als Favorit, den Coach von OGC Nizza wollte Watzke schon im vergangenen Sommer als Tuchel-Ersatz holen.
  • Hannes Wolf: Viele Fans in Dortmund hoffen auf den ehemaligen Stuttgarter, der im Nachwuchsbereich des BVB erfolgreich gearbeitet hat.
  • David Wagner von Huddersfield Town hat ebenfalls eine BVB-Vergangenheit.
  • Ralph Hasenhüttl (Leipzig) war wohl kein ernsthafter Kandidat in Dortmund.
  • Marco Rose lautet der neueste Name, der Trainer, der den BVB mit Salzburg aus der Europa League warf.

Bei der Borussia wird derzeit nur über einen Namen gesprochen. "Wir haben immer gesagt, dass Peter Stöger unser erster Ansprechpartner sein wird", ließ Dortmund Mediendirektor Sascha Fligge Anfang dieser Woche zu den Gerüchten, Stögers Ablösung sei beschlossen, ausrichten. "Bislang gab es nicht einmal ein Gespräch darüber, wie sich beide Seiten die Zukunft vorstellen, folgerichtig gibt es auch keine Entscheidung." Bei aller Kritik an der Kommunikation des FC Bayern, mit dieser Agenda bewegt sich der BVB ebenfalls auf dem Gebiet der Folklore. Denn selbstverständlich klärt ein Verein wie Borussia Dortmund die Trainerfrage nicht erst nach Saisonende.

Es gibt auch Überlegungen, Stöger könne als Platzhalter für Nagelsmann ein weiteres Jahr in Dortmund bleiben. Das wäre die denkbar schlechteste Lösung für den BVB, der sich als Nummer zwei in Deutschland definiert und die Bayern in den kommenden Jahren mal wieder angreifen möchte.

Stögers Punkteschnitt (1,70; siehe Grafik) litt unter den beiden Niederlagen in München und auf Schalke. Das ist nicht das Hauptproblem. Vielmehr hatten die anfangs gefeierten Siege unter Stöger die gleiche Wirkung wie eine eilig eingegangene Affäre nach dem Ende einer langen Partnerschaft: für den Moment perfekt, auf lange Sicht aber eine Zwischenbeziehung ohne Zukunft. Dabei spielen die Probleme der durch verschiedene Aspekte verunsicherten Mannschaft eine wichtige Rolle. Es war auch eine Fehlentscheidung, Stöger nur sieben Tage nach seiner Beurlaubung in Köln zu verpflichten. Der BVB wollte den Typen Stöger, der beim FC wegen seiner Eloquenz, der Identifikation mit dem Klub und der sympathische Außendarstellung geschätzt wurde. Bekommen haben sie in Dortmund nur Stögers Idee vom defensiven Fußball, die nicht zum Kader passt.

Watzke sollte mal wieder etwas wagen

Das dürfte bei den oben genannten Kandidaten nicht drohen. Deren Pressing-, Gegenpressing- oder Ballbesitz-Ansätze sind unterschiedlich, sie präferieren aber allesamt offensive Systeme. Ginge es für Borussia Dortmund nur darum, in Sachen Fußballtaktik und Mannschaftsentwicklung eine ideale Lösung zu finden, wäre Lucien Favre tatsächlich die beste Wahl. Der 60-Jährige ist ein hervorragender Taktiker, ehrgeizig, er setzt auf abwechslungsreiche Trainingsinhalte und ist ein erfahrener Entwickler, der Talenten wie Christian Pulisic, Jadon Sancho, Alexander Isak oder Sergio Gómez entscheidende Dinge beibringen könnte.

Favre war bei seinen Stationen in der Schweiz, bei Hertha BSC, in Mönchengladbach und nun in Nizza jedoch nicht dafür bekannt, besonders kommunikativ gewesen zu sein. Der BVB benötigt aber mehr als nur einen guten Trainer, er braucht eine Identifikationsfigur. In Dortmund ist vieles kaputt, innerhalb der Mannschaft, aber auch im Umfeld und im Verhältnis zu den Fans. Unzufriedenheit und Misstrauen haben ein fragiles Gebilde entstehen lassen, das mehr als Erfolg benötigt.

Watzke ist Teil dieser Gemengelage. Er kann sich keine weitere Fehlbesetzung auf der Trainerbank leisten. Deshalb ist der unumstrittene Fachmann Favre die logische Wahl - und die, bei der der geringste Widerstand aus dem Umfeld zu erwarten ist.

Wenn der BVB-Boss den unbequemen Weg geht, verpflichtet er Marco Rose vom FC Salzburg. Der 41-Jährige ist zwar unerfahren, lässt aber eine interessante Mischung aus Ballbesitz und Gegenpressing spielen und ist ein kommunikativer Motivator, der mit seiner emotionalen Art nach Dortmund passen würde. Rose selbst hat bei Sky Sport Austria zumindest nicht dementiert: "Ich kann das ja nicht beeinflussen. Wir haben hier noch 41 Tage Arbeit, und da legen wir alle unseren Fokus drauf."

Klingt wie Kovac, der Eintracht Frankfurt nach einer nach allen Seiten offenen Aussage ("Stand jetzt.") für den Ruf der großen Bayern verlässt.

insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pela1961 21.04.2018
1. Ach, eine neue Sau gefunden,
die durchs Dorf gejagt werden kann? Diesmal nicht der Fc Bayern, sondern der BVB und diverse Trainer? Geht da jetzt das gleiche Theater los? Vergesst nicht, liebe Journalisten, jedem BVBler bei jeder Gelegenheit ein Mikro unter die Nase zu halten, Peter Stöger möglichst noch Minuten vor den Spielen mit der Frage nach seiner Zukunft zu belästigen und dann Krokodilstränen zu vergießen, dass so viel Unruhe im Verein ist.
doppelnass 21.04.2018
2. Anderes Dorf, gleiche Säue
Nun heißt das Dorf nicht mehr München, sondern Dortmund, durch das viele Säue getrieben werden. Klopp war gestern auf Sky in einem langen Interview. Er sagte was schönes: "Es ist lustig, wie diese Experten, die überhaupt keinen Einblick haben, sich immer zu allem äußern." Die Liste der Namen der potenziellen Trainer ist auch ziemlich sinnbefreit, wenn man zwei Namen drauf wirft und gleich dazu schreibt, dass sie gar nicht Trainer werden, wie Hasenhüttl oder Nagelsmann. Und, by the way: Wenn ihr schon FC Salzburg statt FC Red Bull Salzburg, wie es richtig heißt, schreibt, dann müsst ihr das auch bei anderen machen: "04 Leverkusen".
Papazaca 21.04.2018
3. Interessante Überlegungen, aber letztlich Spekulationen
Guter Bericht, leuchtet ein. Ich kann mich noch erinnern, wie Fabre bei Gladbach plötzlich hinwarf, weil er die Spieler nicht mehr erreichte. Und bei der Hertha hatte er Probleme mit dem Management. Aber um alle Infos entsprechend zu gewichten, braucht man mehr Infos. Wie gut arbeitete Fabre bei Nizza? Das der BVB sich bei Tuchel und Bosz nicht gerade professionell verhalten hat, ist inzwischen sonnenklar. Tuchel schied in Mainz im Unfrieden, der BVB hätte genug Informationen bekommen können, auch von Klopp. Und die Verpflichtung von Bosz war von Anfang an wegen der schlechten Dortmunder Abwehr eine Verpflichtung, die nicht zum Kader paßte. Dazu kamen dann noch die Verkäufe von Bender und Ginter. Damit schwächte der BVB sich selbst. Ich hoffe, das Sammer und weitere Experten diesmal für eine überzeugende Lösung sorgen. Ein dritte Schlappe bei der Trainerwahl wäre für Watzke sehr problematisch. Auf den ersten Blick scheint Rose eine gute Wahl zu sein. Ich kann aber nicht einschätzen, wie gut er sofort arbeitet, denn der BVB hat viele Baustellen. Das gilt auch für den Kader. Spieler müssen gehen, andere müssen verpflichtet werden. Und vor allem ist Schmelzer als Kapitän eine Fehlbesetzung, der hat genug mit seiner eigenen Spielform zu tun. Aber letztlich weiß keiner was genaues, das galt auch bei den Bayern mit Ancelotti und auch bei Kovac gibt es keine Erfolgsgarantie. Ich hoffe, das der dritte Trainer nach Klopp endlich passt.
swandue 21.04.2018
4.
"Der FC Bayern hat mal wieder Maßstäbe gesetzt." Bei der tendenziösen Berichterstattung pro Bayern München werden mal wieder Maßstäbe gesetzt. Seit wann wissen sie in München, dass sie für die neue Saison einen neuen Trainer brauchen? Wie viele Wochen vergingen bis zur Verpflichtung von Kovac?
Münchner73 21.04.2018
5. Wo sind sie denn?
Wo sind die ganzen Borussen, die jeden Artikel über den FCB kapern mit ihren Vorschlägen und Kommentaren? Ich finde der BVB sollte vielleicht mit einem Trainer der die Jugend fördert, einen Schritt zurück gehen um dann wieder neu, mit einem Fußball der zum BVB passt, um die oberen Plätze mit zu spielen. So wie es zur Zeit läuft, gehts, glaub ich, nicht weiter. Und ich als FCB Fan würde mich, ganz ehrlich, um eine ernsthafte Konkurrenz in der Bundesliga , richtig freuen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.