Von Christian Paul
Jürgen Klopp hat zuletzt viel ferngesehen. Mit einem ganzen Stapel DVDs zog sich der Trainer von Borussia Dortmund am Montag zurück. Auf dem Programm stand kein gemütlicher TV-Abend mit Ehefrau Ulla, stattdessen studierte der 44-Jährige stundenlang Männer in rot-weißen Trikots. Klopps Video-Analyse des FC Arsenal soll am Mittwochabend im Duell mit dem Premier-League-Club den zweiten Sieg in der Champions League bringen - und die minimale Chance auf das Achtelfinale erhalten (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).
Dortmund liegt in der Gruppe F mit nur vier Punkten aus vier Spielen auf Rang drei, hinter Olympique Marseille (sieben) und dem FC Arsenal (acht). Bei noch zwei ausstehenden Partien bleiben also wenig Alternativen zu Siegen. "Wenn wir in der Champions League überwintern wollen, müssen wir gewinnen", sagt Mittelfeldspieler Kevin Großkreutz. Immerhin kennen er und seine Kollegen diese Situation, denn in der Königsklasse geht es für Dortmund spätestens seit der 1:3-Pleite bei Olympiakos Piräus im Oktober um alles.
Doch selbst ein Sieg in England könnte am Ende zu wenig sein. Der BVB ist darauf angewiesen, dass die Konkurrenz mitspielt. Der Grund sind die Partien in Griechenland und in Frankreich gegen Marseille (0:3), die desaströs endeten. Dabei fällt die Erklärung dafür schwer. Denn in der Bundesliga läuft es seit Wochen bestens. Sechs der vergangenen sieben Spiele hat die Borussia gewonnen, dabei 19 von 21 Punkten geholt. Inzwischen gilt der BVB wieder als ernstzunehmender Titelkandidat.
Arsenal ist rechtzeitig in Form
Als Einstimmung für den Europapokalabend am Mittwoch braucht Trainer Klopp seinen Spielern eigentlich nur die Aufzeichnung des Bundesliga-Duells mit dem FC Bayern zu zeigen. Das 1:0 beim Rekordmeister am vergangenen Samstag war das Ergebnis einer mannschaftlichen Glanzleistung. Durch ein erneut hohes Laufpensum wurden die Ribérys, Robbens und Müllers nahezu ausgeschaltet. Vorne reichte eine Aktion von Jungstar Mario Götze zum Siegtreffer. Anschließend wurde Dortmund für seine Taktik gefeiert.
Gegen die Offensive des FC Arsenal, angeführt von Torjäger Robin van Persie (13 Saisontreffer in zwölf Einsätzen), braucht der BVB eine Leistung auf ähnlichem Level. Denn wie der BVB haben auch die "Gunners" nach holprigem Saisonstart wieder zu alter Stärke gefunden. Mit dem 2:1 am Wochenende beim Aufsteiger Norwich City landete Arsenal in der Premier League seinen fünften Sieg in Folge und kletterte auf Platz sieben. Dortmund steht vor einem "extrem schweren Spiel", wie Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt.
Dortmund muss sich in der Champions League beweisen
Schwierige Spiele hat die Borussia in den kommenden Wochen noch einige vor sich. In der Bundesliga warten nacheinander Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach. Im Kampf um die Europacupplätze sind das wichtige Partien, doch national traut man dem BVB ohnehin wieder alles zu. Nach dem Sieg vom vergangenen Samstag wirkte es, als sei der Club endgültig zurück im Meister-Modus. Auf der Jahrehauptversammlung am Sonntag begrüßte Geschäftsführer Watzke die Mannschaft mit "Bayern-Bezwinger".
Auch einen Seitenhieb in Richtung München konnte sich Watzke nicht verkneifen. Genüsslich verglich er den Millionengewinn des FC Bayern im Geschäftsjahr 2010/2011 mit dem der Borussia: "Da, wo bei uns eine 9,5 steht, steht bei denen eine 1,2." Von derartigem Selbstvertrauen war man in der Champions League bisher weit entfernt. Selbst das 1:0 gegen Piräus vor drei Wochen, der erste Sieg in der Gruppenphase, war mehr erzittert als erspielt. Dortmund braucht endlich auch auf der großen europäischen Bühne den Befreiungsschlag, einen überzeugenden Sieg, ein Zeichen der Stärke. Trainer Klopp sieht seine Elf dazu in der Lage: "Seit Wochen stabilisiert sich die Mannschaft, kommt immer besser mit den Gegebenheiten dieser Saison zurecht."
Tatsächlich finden immer mehr Akteure ihre alte Form wieder - oder blühen auf. Der Techniker Shinji Kagawa meldet sich nach schwachem Start mit sieben Scorer-Punkten aus den vergangenen sechs Einsätzen zurück. Hinter ihm spielt Sven Bender seit Wochen groß auf, glänzt neben seinen gewohnten Defensivqualitäten sogar als Vorbereiter (schon vier Assists). Selbst Dauerpatient Sebastian Kehl zeigt sich an seiner Seite wohltuend stabil.
Die Aussagen von Spielern und Verantwortlichen vor dem Spiel in London klingen deshalb nicht nur nach den üblichen Parolen. "Wir brauchen noch keinen Abgesang anzustimmen, die Chancen sind nach wie vor da", sagte Sportdirektor Michael Zorc. Abwehrspieler Mats Hummels ergänzte: "Unser Ziel ist ein Sieg." Was sie nicht erwähnen: Läuft es an diesem Mittwoch ganz blöd, droht Dortmund selbst die Teilnahme an der Europa League zu verspielen. Und das wäre dann doch ein bisschen wenig für ein Team von der Klasse des BVB.
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