Gladbach-Sieg mit neuer Taktik Gefühl für die Gefahr

Sie können auch anders: Statt Offensive ohne Absicherung zeigte Borussia Mönchengladbach beim Sieg gegen Stuttgart ein neues Gesicht.

Aus Mönchengladbach berichtet

Jubelnde Gladbacher Spieler
Getty Images

Jubelnde Gladbacher Spieler


Torsten Knippertz hatte in der 68. Minute einen Moment der Erleuchtung. Mit Thorgan Hazard verlasse der Torschütze zum 1:0 das Feld, dafür spiele nun Patrick Herrmann, "der nächste Torschütze?", rief der Stadionsprecher erwartungsvoll in sein Mikrofon. 32 Sekunden später konnte er das Fragezeichen streichen.

Herrmann, der Mann, der am vorigen Sonntag in Augsburg erstmals nach einer fünf Monate langen Verletzungspause eingewechselt wurde, hatte mit seinem ersten Ballkontakt zum 3:0 getroffen und dieses Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem VfB Stuttgart endgültig entschieden. "Geil, das kann man gar nicht beschreiben, ich wusste gar nicht mehr, wie das wirklich ist mit dem Toreschießen", jubelte Herrmann, der nach dieser bemerkenswerten Performance liebevoll von den Fans gefeiert wurde.

Nach dem völlig ungefährdeten 4:0-Sieg wurde natürlich auch Trainer André Schubert für sein glückliches Händchen bei dieser Einwechslung gelobt. Aber in Wahrheit war es weniger dieser Spielertausch, als ein ausgeklügeltes taktisches Gesamtkonzept, das den Mönchengladbacher Fußball-Lehrer zum heimlichen Helden dieses Abends machte.

"Sehr wichtig"

Neben den beiden Stammstürmern Lars Stindl und Raffael tauchte auch Hazard immer wieder im Angriffszentrum auf, diese permanenten Rotationsbewegungen des unberechenbaren Trios überraschten die Stuttgarter ganz offensichtlich. Zudem bekämpfte Schubert mit einer Dreierkette aus Innenverteidigern die Anfälligkeit bei schnellen Gegenangriffen und nicht zuletzt spielte Granit Xhaka "eine andere Rolle", wie der Schweizer selbst erzählte. "Vielleicht nicht so auffällig wie in anderen Spielen, aber sehr wichtig."

Fotostrecke

19  Bilder
24. Spieltag: Hattrick für Pizarro, Niederlage für Bayern
Mit viel Verantwortungsbewusstsein verzichtete Xhaka oft auf seine Vorstöße und hielt stattdessen dem brillanten, aber bisweilen etwas übermütigen Mo Dahoud den Rücken frei. Xhaka sicherte ab und verrichtete die Arbeit in der defensiven Mittelfeldzentrale. "Wir haben heute eine Balance gefunden zwischen Offensive und Defensive", sagte der Schweizer. Und darin lag der entscheidende Fortschritt gegenüber vielen Partien der vergangenen Wochen, der seinen Ursprung in einigen Ideen des Trainers hat.

Kritiker hatten zuletzt ja moniert, Schuberts Fußball sei zu riskant, denn die Borussia hatte vor diesem Spieltag mehr Gegentreffer zugelassen als Hoffenheim oder Hannover, die Klubs von den direkten Abstiegsrängen. Und die Misserfolge hatten sich auch gehäuft. "Ich weiß, dass es im Umfeld manchmal ein bisschen unruhig wird durch das eine oder andere Gegentor oder durch eine Niederlage", sagte Schubert nun. Und dann hielt er ein Plädoyer für seine Art des Fußballs: Zwar müsse die Mannschaft "manchmal ein besseres Gefühl für Gefahren" entwickeln, aber die Stärken dieses Kaders liegen in der Offensive, sagte er. "Wir werden weiter nach vorne spielen und wollen uns diese Qualität nicht nehmen lassen."

Das waren klare Worte nach einem Sieg, der gemessen an den Chancen auch drei, vier Tore höher hätte ausfallen können. Diese tiefe Überzeugung von einer offensiven Herangehensweise gehört zu den Prinzipien dieses Trainers. Und das Publikum könnte sich auch einfach darüber freuen, statt nörgelnd auf Defensivschwächen hinzuweisen. Bemerkenswerte 89 Treffer sind in den Spielen der Borussia in dieser Saison bereits gefallen, so aufregend ist kein anderes Team. Und den Erfolg gegen erschreckend schwache Stuttgarter haben sie endlich mal mit einer überzeugenden Defensivleistung veredelt.

Weniger reif, aber unterhaltsamer

Irgendwann fragte jemand, ob dieser Abend der Beweis gewesen sei, dass Spektakel und defensive Sicherheit sich nicht ausschließen. Schubert lächelte und verkündete: "Das ist für mich viel weniger Thema als für alle anderen drumherum." Er selbst schaue weniger auf die Anzahl der Gegentreffer als auf die Punktebilanz. Und die sieht prächtig aus.

Seit dieser Trainer die Mannschaft vor 18 Spieltagen von Lucien Favre übernommen hat, habe sie "39 Punkte geholt, das ist Platz drei in der Liga für diesen Zeitraum, außerdem haben wir ein deutlich positives Torverhältnis, das ist alles vollkommen in Ordnung", sagte Schubert. Vor allem jedoch hat er dem Publikum mit seinem Team großartige Fußballaufführungen präsentiert. Vielleicht wirkte das Spiel der Gladbacher unter Vorgänger Lucien Farve manchmal etwas reifer, aber unterhaltsamer ist Borussia Mönchengladbach eindeutig mit André Schubert. Und der Erfolg ist ebenfalls beachtlich.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bigmitt 03.03.2016
1. Wenn jetzt auch....
....Auswärts stabiler und ausgeglichener agiert wird könnte Borussia doch noch mal unter die Top 4 kommen. Hertha , Schalke und Leverkusen kommen noch in den Borussia Park. Die Schubert Elf gat noch alle Möglichkeiten.
ducyam 03.03.2016
2. Passt
Dieser Trainer Schubert macht das vollkommen richtig mit einem feinen Händchen zieht er die Mannschaft auf seine Seite die setzt dann um was Schubert so ausarbeitet..klasse. Freuen wir uns einfach an dem schönen fussball..soll doch Spass machen..also...weitermachen
hibee 03.03.2016
3. Hauptverantwortlich
für dieses Ergebnis war ein VfB, der von allen guten Geistern verlassen war, der vom Torhüter bis zum Stürmer völlig neben sich stand und unfähig war einen Pass über 5 Meter zum Mitspieler zu bringen. Dokumentiert wird das durch die Slapstickeinlage von Tyton vor dem 0:2 und dem grotesken Eigentor von Grosskreutz zum 0:4. Als Gladbacher würde ich vorsichtig sein zu viel in dieses Spiel hinein zu interpretieren, denn gestern war schlicht kein Gegner auf dem Platz, zumindest keiner, der Fussball spielte. Ein korrektes Ergebnis wäre ein 8 oder 9:0 für Gladbach gewesen, so schwach war der VfB.
heisenberg! 03.03.2016
4.
@bigmitt: Borussia muss allerdings NACH Schalke!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.