Kölns Sieg über Gladbach Frust in der rheinischen Tiefebene

Köln hat das Rheinderby gegen Mönchengladbach gewonnen. Bei der Borussia gab es öffentliche Schuldzuweisungen wegen des Gegentors. Doch nicht nur die Verlierer schoben Frust.

Aus Köln berichtet

Enttäuschte Gladbacher: Fünf Spiele, fünf Niederlagen
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Enttäuschte Gladbacher: Fünf Spiele, fünf Niederlagen


Eigentlich bot dieser Nachmittag von Köln-Müngersdorf beste Voraussetzungen für eine ganz große Party. Mit 1:0 hatte der 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach gewonnen, es war der erste Heimsieg in einem Derby gegen den Erzrivalen seit mehr als zehn Jahren, und die Kunst des Feierns wird in dieser Stadt ohnehin meisterhaft beherrscht. Doch nach dem Spiel stand Jörg Schmadtke mürrisch im Stadion und sagte, die Fans hätten sich "nicht so angehört, als ob das hier wichtig wäre".

Dann warf jemand ein, auch er, Schmadtke, mache den Eindruck, diesen Derby-Sieg "völlig unemotional" hinzunehmen, und der Manager erwiderte: "So wie ich das heute hier erlebt habe: Ja!". Der Mann war mächtig verärgert über die Kölner Ultras, die zwar anwesend waren, aber auf Gesänge und alle anderen Anfeuerungsmaßnahmen verzichteten. Aus Protest, weil nach Ausschreitungen rund um die Derbys der Vorsaison Ticketkontingente für Auswärtsfans reduziert wurden und für die Gästeblocks nur personalisierte Eintrittskarten ausgegeben werden.

Die Gladbacher Kurve war fast leer, die Kölner wollen im Rückspiel wegbleiben, diese Maßnahmen der Fans hatte Schmadtke unter der Woche kritisiert. Daraufhin wurde auf der Südtribüne ein Transparent entrollt, auf dem "Schmadtke: Ruhig, ganz ruhig" stand. Als der Manager das Banner sah, winkte er und hob ironisch den Daumen. Er ist offenbar mehr und mehr genervt von einem Teil der Fans, deren Verhalten tatsächlich schwer nachvollziehbar ist.

"Von der Stimmung her etwas traurig"

Denn kaum ein anderer Klub führt einen ähnlich wohlwollenden Dialog mit seinen Fans, die trotz gegenteiliger Ankündigungen und Versprechungen immer wieder und wieder Grenzen überschreiten. Die Strafen wurden übrigens nicht von den Klubs verhängt, dafür ist der Deutsche Fußball-Bund verantwortlich, und die Herren beim Verband in Frankfurt dürften überaus zufrieden mit ihrer Maßnahme sein. Denn so ein friedliches Duell zwischen diesen beiden Klubs hat es schon lange nicht gegeben. Aber das Fußballerlebnis hatte gelitten, das empfanden auch die Spieler so.

Kölns Marcel Risse fand es "von der Stimmung her etwas traurig", er war enttäuscht, dass so ein "Erfolg nach so vielen Jahren nicht so gefeiert wird, wie es eigentlich sein sollte", und Gladbachs Manager Max Eberl meinte: "Es war kein besonderes Derby, denn die Stimmung war dementsprechend bescheiden." So wie übrigens auch der Unterhaltungswert des Spiels auf dem Rasen.

Gladbach-Profi Xhaka: Im Hintergrund schwelt der Fan-Zorn
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Die Kölner standen defensiv gut, die Borussia hatte meist den Ball, fand aber keine Lücken. "Wir haben kein schlechtes Spiel gemacht", sagte Gladbachs Trainer Lucien Favre, und tatsächlich sah der Fußball des Tabellenletzten etwas besser aus als bei den beiden jüngsten 0:3-Niederlagen gegen den Hamburger SV und den FC Sevilla. Die Pässe waren präziser und schärfer, zumindest so lange es sich um Querpässe handelte. Torgefahr erzeugten die Gladbacher nicht. "Wir hatten keine Torchance", räumte Ibrahima Traoré ein, und irgendwann stachen die Kölner dann zu.

Xhaka sauer auf Teamkollege Jantschke

Tony Jantschke ließ eine Flanke von Leonardo Bittencourt zu, in der Mitte verlor Andreas Christensen ein Kopfballduell gegen Anthony Modeste, der per Kopf traf (64.). Granit Xhaka war so wütend über dieses Tor, dass er sich zu einer öffentlichen Kritik an seinem Kapitän hinreißen ließ. "Wir müssen irgendwann mal lernen, ein Duell Eins-gegen-Eins zu gewinnen, das war heute spielentscheidend", sagte der Schweizer in Anspielung auf Jantschkes Zögerlichkeit.

Die Borussia ist an einem Punkt angelangt, an dem die vielen Misserfolge auch das Zusammenleben der Spieler auf eine harte Probe stellen. "Wenn wir jetzt anfangen, uns auseinanderdividieren zu lassen, dann haben wir ein Problem", sagte Eberl, der die Gefahr offenbar sieht. Wobei auch er kritische Worte gegenüber Jantschke formulierte. Die "Flanke zu verhindern ist das beste Mittel, um Tore zu verhindern", sagte er. Man müsse in solchen Situationen den "Mut haben, einen Meter näher ran zu gehen".

Dieser Mut fehlt - ein typisches Symptom der hinterlistigen Dynamik des Misserfolgs, in der die Borussia mittlerweile feststeckt. Und von der auch die Offensive befallen ist. Es handle sich um einen "ominösen Dominoeffekt", erklärte Eberl: "Du hast kein Selbstvertrauen, dann gehst du nicht ins Dribbling, und dann kommst du nicht vorbei". Das müsse nun "durchbrochen" werden.

Um diesen Durchbruch zu schaffen, hatte Trainer Favre die Mannschaft schon in Köln grundlegend umgebaut. Lars Stindl und Harvard Nordtveit saßen 90 Minuten auf der Bank, dafür spielten Mahmoud Dahoud und Granit Xhaka im zentralen Mittelfeld. Außerdem standen Andreas Christensen und Josip Drmic erstmals seit dem ersten Spieltag in der Startelf. Geholfen hat es wenig. Und am Ende blieb das Gefühl, dass es auch in Köln eine höhere Niederlage hätte geben können. Wenn das Spiel nicht von dieser seltsamen Aura der Lähmung umgeben gewesen wäre, die der Protest der Ultras erzeugt hatte.

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kopfballungeheuer 20.09.2015
1. Was könnt Ihr eigentlich?
Kirchenbau? U-Bahn - Bau? Bierbrauen? Fußi? Und diese beknackte Sauf/Hacken-Arie, die Ihr Karneval nennt, ist nur peinlich. Schämt Euch! Das hat auch alles nix niedliches mehr.
Mähtnix 20.09.2015
2.
Schmadtke hat Recht: Die Ultras stellen sich über den Verein. Es ist ok, dass sie sich gegen aus ihrer Sicht repressive Maßnahmen wehren. Allerdings: Zu vergessen, dass - sie diese Maßnahmen verschuldet haben, - diese Maßnahmen die Fans von MG trafen und - der DFB - und nicht der EffZeh - diese Maßnahmen verhängt hatten, zeigt, wie selbstverliebt und hohl diese Leute sind.
Uzala 20.09.2015
3.
Wenn man den ganzen Auskennern hier Glauben schenken darf, kommt Stimmung ja auch wunderbar ohne Ultras zustande. Das Spiel heute hat demonstriert, dass dem nicht so ist. Ich bin selbst kein Ultra, aber ohne Ultras ist halt nichts los im Stadion, in Köln und auch anderswo. Die vielbeschworenen Familien, die die Foristen gern im Stadion sehen wollen, erzeugen eben keine Stimmung. Als Kind wäre es für mich auch total langweilig, solch ein Spiel live im Stadion zu sehen. Da ist mit Familienfreundlichkeit alleine nichts gewonnen.
Lelas 20.09.2015
4.
FC, Herr Schmadtke, DFB: ruhig, ganz ruhig hart bleiben. Pöbelnde und randalierende Straftäter (romantisierend Ultras genannt) dürfen nicht die Herrschaft in und auf dem Weg ins Stadion bekommen. Lieber ein paar Choreos und Gesänge weniger, dafür aber auch keine abschreckenden Gewaltszenen. Väter mit Kindern oder gar ganze Familien, die sich wieder in Richtung Stadion trauen, sind auch tolle Fans!
Sal.Paradies 20.09.2015
5. Absurde Forderungen
Soso, Hr.Schmadkte ist also sauer. Warum? Weil die Stimmung nicht angemessen war? Diese Erwartungshaltung von Schmadtke ist absurd. Bezahlt er die Ultras für Choreographie und Gesänge? Nein ! Dieser Mensch glaubt er habe einen permanenten Anspruch darauf, dass bezahlende Gäste für ihn singen und tanzen?! Davon abgesehen war dieses Spiel dermassen grottig anzugucken, dass kein normaler Mensch frenetischen Applaus und feiern bis zum umfallen fordern würde. Viele Vereine + Manager haben sich an Choreographie und Stimmung ihrer Fans so gewöhnt, dass sie jetzt schon einen Anspruch darauf ableiten. Schmadtke braucht jetzt keine Fresse ziehen, die Fans haben jegliches Recht jetzt einfach mal den Mund zu halten. Wenn Schmadtke mehr Stimmung möchte soll er mal sein Sauergurkengesicht einpacken und selbst in die Kurve und seine Spieler auffordern ordentlich Fussball abzuliefern..... ;-)
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