Boulahrouz-Wechsel: Die Transfer-Trickser

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Der "Fall Boulahrouz" sorgt für eine hitzige Debatte unter Deutschlands Fußball-Fans: Sind alle Profikicker charakterlose, geldgierige Söldner, die ihre Vereine austricksen?

Plötzlich ging gar nichts mehr. Gestützt von Masseur Uwe Eplinius humpelte Khalid Boulahrouz mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Fußball-Platz. Wenige Minuten vor dem so wichtigen Hinspiel in der Champions-League-Qualifikation vor 14 Tagen brach der Innenverteidiger des Hamburger SV die Aufwärmübungen ab. "Bänderdehnung" lautete die offizielle Diagnose. Die HSV-Fans haben nach dem Blitztransfer des niederländischen Nationalspielers zum FC Chelsea ihre Zweifel. "Jetzt ist auch klar, warum er plötzlich im Hinspiel ausgefallen ist", schreibt User "Henne" im Fanforum des HSV und schiebt nach: "Wird man hier denn nur noch verarscht?"

Die Zweifel an der Verletzung des Abwehrspielers sind berechtigt. Schließlich hätte Boulahrouz in dieser Saison nicht mehr in der Champions League für den FC Chelsea spielen dürfen, wenn er bereits eine Partie in der Königsklasse für den Hamburger SV bestritten hat. Das hätte den Marktwert erheblich gesenkt. Die HSV-Verantwortlichen sollen bereits am Tag des Osasuna-Spiels von dem Angebot der Engländer gewusst haben. Eine Erklärung für die plötzliche Verletzung sei dies nicht: "Wir können dem Spieler so etwas nicht unterstellen", sagte HSV-Sprecher Jörn Wolf SPIEGEL ONLINE. Für Thomas Doll, als Trainer derzeit der Leidtragende des Hamburger Schluss-Verkaufs, wäre eine Simulation des Spielers "eine Riesenenttäuschung. Ich mag gar nicht daran denken", so Doll.

Offene Worte wie diese sind derzeit Mangelware bei den Verantwortlichen, die nach dem Verkauf ihrer in der vergangenen Saison so erfolgreichen Innenverteidiger Boulahrouz und Daniel van Buyten (für zehn Millionen Euro zum FC Bayern) bei den Fans in der Kritik stehen. Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer spricht von einem "Gesamtpaket Boulahrouz", das letztlich zu der Verkaufsentscheidung geführt hat. In dieses Paket könnte neben den 10,5 Millionen Euro Transfererlös auch eingeflossen sein, dass der Holländer als schwieriger Charakter gilt.

Mit Streik zum Erfolg

Der Fall Boulahrouz hat eine Diskussion entfacht, deren Ausgangsthese keine neue ist: Profi-Fußballer sind mit einer Söldnermentalität ausgestattet. Zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit sprechen dafür. Auch ein anderer prominenter Kicker, der vom FC Chelsea gelockt wurde, setzte sich gegen seinen Arbeitgeber durch. Vor der Saison 2004/2005 trat der französische Nationalspieler Claude Makelele in den Streik. Er fühle sich von seinem Verein Real Madrid mit 1,5 Millionen Euro im Jahr unterbezahlt und forderte eine sofortige Gehaltsverdopplung.

Der damals 30-Jährige verlieh seiner Forderung Nachdruck, in dem er mehrere Tage das Training schwänzte. Die Real-Ärzte schrieben den defensiven Mittelfeldspieler daraufhin aufgrund einer "leichten emotionalen Störung" krank. "Es wird bald was Gutes für alle passieren", verkündete Makelele. Kurze Zeit später überwies der FC Chelsea 20 Millionen Euro nach Spanien und der Franzose konnte endlich mit seinen längst gepackten Koffer auf die Insel fliegen.

Arbeitsverweigerung zahlt sich offenbar aus, wenn sich Profisportler um die Erfüllung ihrer Verträge drücken wollen, weil sie woanders die bessere Perspektive sehen oder schlichtweg mehr Geld verdienen können. Makelele ist zumindest kein Einzelfall. Vor fast genau einem Jahr streikte der damalige Cottbus-Profi Youssef Mokhtari. Der marrokanische Nationalspieler wurde dabei keineswegs von den Kollegen gemobbt oder von den Fans beleidigt, was eine solche Maßnahme vielleicht noch gerechtfertigt hätte. Der 27-Jährige wollte vom damaligen Zweitligisten trotz gültigen Vertrages bis 2007 zum 1. FC Köln wechseln. Zuvor war Mokhtari seitens Energie bereits die Freigabe für einen Transfer zum Bundesligisten Frankfurt verweigert worden.

Wenige Tage später meldete sich der Mittelfeldspieler drei Stunden vor einer Zweitliga-Begegnung bei seinem Verein ab: "Mir geht es richtig dreckig. Ich konnte mich mental einfach nicht auf das Spiel einstellen. Psychisch stand ich neben mir", so seine Begründung. Eine Woche nach dem versäumten Ligaspiel konnte der Seelenfrieden wiederhergestellt werden, Mokhtari durfte den Club gen Köln verlassen. "Ein normaler Arbeitnehmer kann fristlos gekündigt werden, wenn er eine Tätigkeit verweigert, die in seinem Vertrag steht", sagt der Hamburger Rechtsanwalt Thomas Pristin, Experte für Arbeitsrecht. Das gelte auch für Fußball-Profis – zumindest in der Theorie.

20 Millionen aus eigener Tasche

Die Praxis sieht anders aus. Dabei ist Streik bei weitem nicht die einzige Möglichkeit der Profis, um erfolgreich aus einem gültigen Vertrag herauszukommen. Dietmar Hamann beispielsweise wechselte zwei Mal binnen 48 Stunden den Verein. Der Vertrag des ehemaligen Nationalspielers beim FC Liverpool, mit dem er 2005 die Champions League gewann, war vor der Saison ausgelaufen. Hamann unterschrieb daraufhin im Juli beim Premier-League-Club Bolton Wanderers, entschied sich dann noch am selben Tag anders. "Obwohl Hamann einen Vertrag mit uns hatte, sprach sein Herz eine andere Sprache. In 24 Stunden wird er woanders unterschreiben", kündigte ein Bolton-Sprecher direkt nach der Vertragsunterzeichnung an. Einen Tag später wurde Hamann als Neuzugang bei Liga-Konkurrent Manchester City vorgestellt. Der 32-Jährige soll sich aus seinem eigenen Vertrag herausgekauft haben.

Auch der brasilianische Nationalspieler Robinho hat Geld bezahlt, um den Verein wechseln zu dürfen. Laut eigener Aussage verzichtete der 22-jährige Stürmer auf seinen Transferanteil von 20 Millionen Euro, als er vor der Saison 2005/2006 vom brasilianischen Erstligisten FC Santos zu Real Madrid wechselte. Der dänische Nationalspieler Christian Poulsen, der vor dieser Spielzeit vom FC Schalke zum FC Sevilla wechselte, soll gar drei Vorverträge bei europäischen Spitzenclubs unterschrieben gehabt haben. Unter anderem sowohl beim AC als auch bei Inter Mailand.

Derlei Vertrags-Verwirrspiele sind allerdings kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Bereits 1978 gab es einen prominenten Streitfall. Bernd Schuster hatte damals seine ersten beiden Profiverträge unterschrieben – dummerweise parallel in Mönchengladbach und beim 1. FC Köln. Ein Arbeitsgericht sprach Schuster schließlich den Kölnern zu. Dort wurde der "blonde Engel" kurze Zeit später Nationalspieler.

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