Brasiliens Schlüsselspieler Casemiro Der Türsteher

Seit jeher steht Brasilien für zauberhaften Offensivfußball. Hinter Neymar sorgt Casemiro für Ruhe. Für die Mannschaft ist er unverzichtbar - als Bulldozer im Mittelfeld.

Brasiliens Casemiro
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Brasiliens Casemiro

Aus Rostov am Don berichtet


Natürlich warten alle auf Neymar. Brasiliens Superstürmer ist eine Art wahr gewordener Traum kindlicher Fußballfans. Er trickst, tunnelt und trifft in einer Weise, dass man als Zuschauer meint: So und nicht anders müsste Fußball aussehen, immer.

Man muss schon ein wenig verquer sein, um auf den gleichen Gedanken zu kommen, wenn man Casemiro zuschaut. Dabei steht niemand so sinnbildlich für das neue Brasilien wie der 26-Jährige.

Casemiro spielt bei der Seleção im defensiven Mittelfeld, er wird das auch am Abend gegen die Schweiz tun (20 Uhr; TV: ZDF; Liveticker SPIEGEL ONLINE). Wobei "spielen" etwas zu kurz greift, er bulldozert vielmehr durchs Mittelfeld, erobert Bälle, läuft Lücken zu, bringt Bälle in die Spitze. Es gibt sogar Momente, in denen er am gegnerischen Strafraum auftaucht und zeigt, dass er über einen mächtigen Torschuss verfügt. "Oho, der Casemiro, der kann ja kicken", heißt es dann gerne spöttisch.

Zidanes Trumpf

Es gibt derzeit wohl nur wenige Fußballprofis auf der Welt, bei denen die Lücke zwischen öffentlicher Wahrnehmung und sportlicher Relevanz so weit auseinanderklafft wie bei Casemiro. Dabei braucht es keine Tiefenanalyse, um zu erahnen, dass der Profi von Real Madrid ziemlich gut sein muss. Wie sonst ließe sich erklären, dass jemand, der technisch nicht brillant ist, bei gleich zwei technisch so brillanten Mannschaften wie Real und Brasilien als unverzichtbar gilt?

Rückblick: Madrid im Januar 2016, Zinédine Zidane wird Trainer bei Real. Es ist der Startschuss zu einer, man muss das so nennen: Ära. Unter Zidane wird Real nach fünf Jahren hinter Barcelona und Atlético wieder Meister, das Team gewinnt dreimal in Folge die Champions League. Die vielleicht prägnanteste taktische Neuerung Zidanes war es, Casemiro als Stammspieler im Mittelfeld einzubauen.

Der Gleichgewichtspieler

Casemiro spielt unter Zidane in allen wichtigen Spielen auf der Sechs, direkt vor der Abwehr. Weil um ihn herum so viele aufbaustarke Spieler versammelt sind, wird Casemiro bei Madrider Ballbesitz weiter nach vorne beordert. Die Entscheidung, wann der Ball wohin soll, treffen Luka Modric und Toni Kroos; Casemiros Aufgabe ist es, Gegenspieler zu binden und den Kollegen dadurch Platz zu verschaffen. Eine Statistenrolle. Umgekehrt wird er umso wichtiger, wenn Real den Ball nicht hat. Trainer sprechen dann gerne vom Gleichgewicht, das Spieler wie Casemiro einer Mannschaft verleihen.

Die Favoriten, die Stars, die Außenseiter - alle Gruppen in der Analyse

Im Champions-League-Finale gegen Liverpool (3:1) war gut zu erkennen, was das heißt, ebenso bei Länderspielen der Seleção, etwa beim letzten Test gegen Österreich (3:0). Sobald die brasilianische Innenverteidigung in Unterzahl gerät, verlässt Casemiro seine eigentliche Position und füllt die Abwehrreihe auf. Er gibt dann eine Art Libero, mal Mittelfeldspieler, mal Verteidiger; eine Sonderrolle, die nur er allein ausfüllt. Das ist ziemlich effektiv.

Auch dadurch ist es für Brasiliens Gegner insgesamt sehr viel schwerer geworden, zu Chancen zu kommen. Trainer Tite, der im September 2016 den erfolglosen Carlos Dunga beerbte, setzt auf Stabilität, häufig sichern fünf Spieler eigene Angriffe ab. In 21 Länderspielen unter dem Coach kassierte die Mannschaft fünf Gegentore. Es spricht nicht viel dafür, dass gegen die Schweiz welche hinzukommen.

Probleme unter Gegnerdruck

Defizite hat Casemiro dennoch. Selbst in seinem Kerngeschäft Abwehrarbeit kann er sich noch verbessern und häufiger via Schulterblick die Umgebung scannen. Sein Passspiel ist zwar besser als dessen Ruf, Casemiros Vertikalbälle finden regelmäßig Zielspieler Gabriel Jesus im Sturm. Die Passtechnik selbst ist aber ausbaufähig, das gilt auch für Casemiros Freilaufverhalten, wenn der Gegner Druck macht, und für seine Pressingresistenz.

Casemiro, Luka Modric
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Casemiro, Luka Modric

Meist sind es aber die Brasilianer, die pressen, den Ball erobern und angreifen. Hier wirkt Casemiro oft geradezu unbeteiligt und schaut seinen Teamkollegen zu, wie sie ein paar Meter weiter vorne den gegnerischen Strafraum belagern; er selbst sucht sich einen Gegenspieler und deckt ihn.

Der Moment, auf den es ankommt, ist der Ballverlust eines Mitspielers. Dann greift Brasiliens neue Stabilität, dann greift das Gegenpressing, mit Casemiro im Fokus. Er wird zum Impulsverteidiger, er ist es, der die Bälle erobert. Tites Türsteher. Kein Vorbeikommen. Er prescht vorwärts in den Zweikampf, und zwar so geschickt, dass er jenen Spieler, den er eben noch gedeckt hat, in seinem Rücken behält und damit den Passweg verstellt. Der Konter wird verhindert, Neymar und seine Sturmpartner dürfen weiter tricksen.

Ziemlich clever für einen Bulldozer.



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