Übergriff in Braunschweiger Fanszene: Keine Eintracht gegen rechts

Von Christoph Ruf

Antifaschistische Ultras sind im Fanblock von Eintracht Braunschweig während eines Auswärtsspiels verprügelt und rassistisch beleidigt worden. Der Verein spricht von "vereinzelten rechtsradikalen Äußerungen", verspricht weitere Aufklärung - kritisiert aber auch die angegriffenen Fans.

Braunschweiger Fans (in Mönchengladbach): "Völlig inakzeptabel" Zur Großansicht
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Braunschweiger Fans (in Mönchengladbach): "Völlig inakzeptabel"

Sie wurden beschimpft, bespuckt und getreten. Und irgendwann haben sie aufgehört, Worte wie "Antifahure" oder "Judenfotze" zu zählen. Als das Spiel am Freitagabend in Mönchengladbach vorbei war, stürmten etwa 60 rechte Hooligans auf die Mitglieder der Gruppe "Ultras Braunschweig" (UB) zu - Polizei und Ordnungsdienst verhinderten Schlimmeres. So zumindest schildern UB-Mitglieder, was ihnen im Gästeblock bei der 1:4-Auswärtsniederlage widerfahren ist.

Die Spannungen in der Fanszene des Aufsteigers haben offenbar auch einen politischen Hintergrund. UB hatte vor etwa einem Jahr öffentlich einige Gruppen beim Namen genannt, die ihrer Meinung nach für Rassismus und Gewalt verantwortlich sind. Es sind Zusammenschlüsse wie die "Alten Kameraden" oder die "Fetten Schweine", die UB als "rechte Hooligan-Gruppe" bezeichnet. Fakt ist, dass Mitglieder der "Fetten Schweine" bei den Aufstiegsfeierlichkeiten im Mai randaliert und sich Prügeleien mit der Polizei geliefert haben.

"Wir hoffen jetzt, dass die Masse der Eintracht-Fans erfährt, was dort wirklich passiert ist", sagt ein UB-Sprecher SPIEGEL ONLINE. Man erfahre viel Zuspruch aus der Fanszene, andere sähen UB als Querulanten und Nestbeschmutzer. Dass die Gruppe wegen Stadionverboten jahrelang nicht im Stadion war, erhöht ihr Standing in der Braunschweiger Szene allerdings nicht.

Bei dem Konflikt geht es also nicht ausschließlich um Politik, aber sie spielt eine große Rolle. Schließlich fordert UB rechte Gruppen heraus, die seit Jahren fester Bestandteil der Eintracht-Fanszene sind. Allein die bloße Existenz von UB ist für sie eine Provokation. Schließlich hat die Gruppe in Mönchengladbach offenbar weder die "Internationale" gesungen, noch hat sie irgendwelche politischen Transparente entrollt.

"Um nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten"

Nachdem sie schon eine halbe Stunde vor Anpfiff immer wieder angegangen worden waren und sich Ordner und Polizei zwischen die UB-Mitglieder und einen Pulk von 35 Hooligans stellen musste, verließen sie durch ein enges Spalier von Ordnern den Stehplatzbereich und gingen zu den Sitzplätzen. "Alles, um nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten", wie der UB-Sprecher sagt.

"Wir haben uns nach diesen Erlebnissen dann auch entschieden, auf organisierte Unterstützung der Mannschaft zu verzichten". Nach dem Spiel musste die Polizei erneute Angriffe der Hooligans vereiteln. "Wir fragen uns, was noch passieren muss, bis Verein, Fanprojekt und Polizei ihren Umgang mit der rechten Hooligan-Szene ändern."

Dabei kann man dem Verein sein Bemühen nicht absprechen. In mehreren Interviews hatte sich Geschäftsführer Oliver Voigt ("Wir distanzieren uns von Rassismus und Rechtsextremismus und gehen dagegen vor") klar positioniert und im Sommer dadurch aufhorchen lassen, dass sie dem NPD-Chef und Eintracht-Fan Holger Apfel ein Stadionverbot erteilten. Von vielen Beobachtern wurde das allerdings als populistische Alibi-Handlung interpretiert.

Detaillierte Erklärung des Vereins folgt bald

Auch die Ereignisse vom Freitag werden aufgearbeitet: "Es gibt Hinweise darauf, dass vereinzelte rechtsradikale Äußerungen getätigt wurden, die völlig inakzeptabel sind", heißt es. Allerdings - und hier widerspricht der Verein der Darstellung von UB - sei "der Beginn der Auseinandersetzung keiner bestimmten Gruppe zuzuordnen." Die UB-Ultras seien absprachewidrig "in der Mitte des Stehplatzbereiches" erschienen. "Das wurde von der gesamten Fanszene als Provokation empfunden. Im Folgenden wurden gegenseitig verbale Provokationen ausgetauscht."

Die Mitglieder von "Ultras Braunschweig" würden sich nun freuen, wenn es nicht bei allgemeinen Bekenntnissen bliebe. "Was bringen mir symbolische Aktionen wie der Rauswurf von Holger Apfel, wenn mich Leute als Antifa-Juden beschimpfen und mir in den Rücken treten?"

Die Eintracht-Fans, die in ihrer großen Mehrzahl nicht mit in Mönchengladbach gewesen seien, hätten ein Recht darauf zu erfahren, aus welchen Gruppen die rechten Parolen und die gewalttätigen Übergriffe kamen. "Der Verein muss das Kind jetzt beim Namen nennen." Mit einer detaillierteren Erklärung, heißt es bei der Eintracht, sei in der kommenden Woche zu rechnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
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1. Differenzieren
Kleiner_Nachdenker 26.09.2013
Die Neigung einiger Fangruppen beim Fussball zur Rechtsradikalität ist nicht hinnehmbar und sollte bekämpft werden. Allerdings ist nicht grundsätzlich jeder, der sich diesem Ziel annimmt automatisch ein "Guter". Die "Ultras Braunschweig" gehören mit ihren aggressiven Aktionen sicherlich nicht zu den "Guten", sondern sind aus Sicht des "normalen" Fans genauso "böse" wie die Rechten, nur eben anders. Die UB zu loben wäre so, als wenn man Erich Honecker wg. seines Kampfes gegen den Faschismus feiern würde.
2. Die Ignoranz der Vereinsverantwortlichen......
waigelghost 26.09.2013
Wenn es um den Umgang mit rechtsextremen und Nazi-Fans geht, gibt es kaum einen unglaubwürdigeren Verein als diesen...
3. Sympathie
Gimmel Guffo 26.09.2013
Langsam verliert Eintracht alle Sympathien. Es wird höchste Zeit das rechte Volk raus zu werfen.
4.
bert1966 26.09.2013
Es geht beim Fußball doch eigentlich um Sport und nicht um Politik. Wer das Stadion zum Vehikel seiner Gesinnungsübertragung macht hat nichts dort zu suchen, das gilt für Extremisten beider Seiten. Extremismus kann man nicht in "guten" und "schlechten" Extremismus teilen.
5. Also
Lankoron 26.09.2013
wenn man ein Interview gegen rechte Fangewalt gibt, ist das ein Bemühen...ah ja. Keinter der Vereinsverantwortlichen hat sich offen von Rechtsradikalen oder seinen rechten Fans losgesagt...immer nur leichte Worte "im Namen des vereins" gefunden. Und das nicht nur bei Eintracht Braunschweig. Aber sinnfreie Presseäußerungen oder Verlesen von Botschaften des Fair-Play (Minuten, bevor man seinem Gegner umgrätscht)...das ist alles, was da kommt.
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Unser Autor Christoph Ruf lebt in Karlsruhe, hat ein großes Herz für diverse kleine Vereine und treibt sich gerne auch in unterklassigen Ligen herum.

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