Streit um Risikospiele Wer soll für die Polizei beim Fußball zahlen?

Das Land Bremen will die Deutsche Fußball Liga für Polizeikosten zur Kasse bitten. Nun droht die DFL mit juristischen Schritten - außerdem soll Bremen als Länderspielort wegfallen. Die wichtigsten Fakten zum Streit über Risikospiele.

Von und Tim Scholz

Polizisten, Werder-Fans: 300.000 Euro Personalkosten bei Risikospielen
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Polizisten, Werder-Fans: 300.000 Euro Personalkosten bei Risikospielen


SPIEGEL ONLINE Fußball
Wer muss zahlen, wenn sich Fußballfans daneben benehmen? An wen geht die Rechnung für Polizeieinsätze bei sogenannten Risikospielen in der Bundesliga? Bislang tragen die Bundesländer die Kosten. Das gefällt nicht jedem, immer wieder kommt aus der Politik der Vorschlag, den Fußball an den Kosten zu beteiligen. Die Debatte wabert seit Jahren.

Das Land Bremen wird nun konkret. Die Landesregierung, der Senat, hat beschlossen, dass die Deutsche Fußball Liga (DFL) künftig einen Teil der Kosten bei sogenannten Risikospielen übernehmen soll. Die Reaktion der DFL kam umgehend - sie droht mit dem Gang vors Gericht, will außerdem, dass Bremen das für den 14. November geplante Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Gibraltar entzogen wird.

SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen zum Streit.

Für welche Spiele gilt der Beschluss des Bremer Senats?
Ob es sich bei einer Partie um ein Risikospiel handelt, entscheidet letztlich die Polizei in Bremen. So könnte die DFL laut Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) erstmals nach dem Nordderby zwischen Werder und Hannover 96 am 13. Dezember 2014 im Weserstadion zur Kasse gebeten werden. Auch die Partie gegen den Hamburger SV gilt als Risikospiel. In der Vergangenheit galt die Regel zum Beispiel auch für Spiele gegen Hertha BSC Berlin.

Welchen Aufwand bedeutet ein Risikospiel?
Bei Risikospielen sind nach Angaben des Innensenats etwa 1200 Polizisten rund um das Weserstadion im Einsatz - und damit tausend mehr als bei gewöhnlichen Ligaspielen. Die Personalkosten steigen den Angaben zufolge von 80.000 auf 300.000 Euro. Die Kosten, die der Bremer Senat der DFL berechnen will, sollen für jedes Spiel einzeln festgelegt werden.

Was erhofft sich Bremen?
Der Senat sieht nicht ein, die Rechnung für Fußballspiele mit erhöhten Sicherheitskosten allein zu zahlen. Innensenator Mäurer sagt, oberstes Ziel sei es, Gewalt beim Fußball zu verhindern. Er verweist aber auch auf die schlechte Finanzlage des kleinsten deutschen Bundeslandes. Tatsächlich erließ der Bremer Senat erst Anfang Juli eine Haushaltssperre. Dem Land fehlen insgesamt 60 Millionen Euro.

Was halten die Fans vom Bremer Vorstoß?
Nichts. "Das ist blanker Populismus und rechtlich nicht machbar", sagt Philipp Markhardt, Sprecher des überregionalen Bündnisses Pro Fans. "Fußballvereine beteiligen sich schon an den Kosten für Polizeieinsätze. Sie zahlen Steuern - und das nicht gerade in geringem Maße", sagt Markhardt. Die Aufgabe der Polizei sei nun einmal, "auch bei Großveranstaltungen für die öffentliche Ordnung zu sorgen". Genau so sieht das Thomas Vorberger vom Dachverband der Bremer Fanklubs: "Der Beschluss ist überzogen und geht an der Realität vorbei." Die Polizei könne mit besserer Einsatzplanung selbst zu geringen Kosten beitragen.

Planen andere Bundesländer eine ähnliche Initiative?
Im Moment deutet alles auf einen Bremer Alleingang hin. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius ließ auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE ausrichten: "In den Stadien sind die Vereine für die Sicherheit verantwortlich, im öffentlichen Raum aber die Polizei. Die meisten Gewalttaten im Zusammenhang mit Fußballspielen passieren aber eben nicht in den Stadien, sondern auf den Zufahrts- und Reisewegen, wo nun einmal die Polizei verantwortlich ist." Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wies darauf hin, dass die Polizei für die öffentliche Sicherheit zuständig sei: "Wenn HSV-Fans am Marienplatz randalieren, kann man nicht den FC Bayern dafür verantwortlich machen", sagte er. Ralf Jäger, Innenminister in Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der Innenministerkonferenz, sagt: "Wir haben das gemeinsame Interesse, Chaoten und Gewalttäter aus den Stadien herauszuhalten. Das erreichen wir nicht durch das Ausstellen von Rechnungen."

Was bedeutet der Senatsbeschluss für Werder?
Die Werderaner verurteilten den Vorstoß des Senats "aufs Schärfste" und bezeichneten ihn als "Schildbürgerstreich" und "verfassungswidrig". Der Verein befürchtet, die Kosten selbst tragen zu müssen: "Zwar heißt es immer, dass die DFL belangt werden soll, doch es gibt klare Signale der DFL, dass dann vor allem der SV Werder dafür zur Kasse gebeten würde", sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Klaus Filbry. "Einen derartigen Wettbewerbsnachteil oder damit verbundene steigende Ticketpreise kann keiner in Bremen wollen."

Welche Konsequenzen drohen Bremen?
Die DFL will sich an den Kosten für die Polizeieinsätze nicht beteiligen. Ligapräsident Reinhard Rauball kündigte an, beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) einen Länderspielentzug für Bremen zu beantragen; konkret das EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Gibraltar am 14. November im Weserstadion. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sicherte ihm Rückendeckung zu. Der Verband dementiert gegenüber SPIEGEL ONLINE allerdings einen Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach die Entscheidung schon gefallen sei, Bremen das Gibraltar-Spiel wegzunehmen. So oder so kündigt auch der Deutsche Olympische Sportbund Konsequenzen an: Wo es möglich sei, Bremen zu meiden, würde er das tun, sagt DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Er bezeichnet das Bremer Vorgehen "als sportpolitische Geisterfahrt".

Wie geht es weiter?
Über den Beschluss des Senats muss die Bremer Bürgerschaft befinden, das Landesparlament des Stadtstaats. Sollte das Land der DFL nach dem Hannover-Spiel im Dezember tatsächlich eine Rechnung übermitteln, dürften sich die Parteien vor Gericht treffen. "Falls Bremen diesen Weg beschreitet, wird der Ligaverband in Abstimmung mit dem SV Werder Bremen alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen", sagt Ligapräsident Rauball. Innensenator Mäurer gibt sich gelassen: "Wir sind überzeugt, dass wir gute Argumente haben." Eine gerichtliche Klärung dürfte Jahre dauern.

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mactor2 23.07.2014
1. DFB bitte zahlen!
Der DFB verdient Millionen über Millionen mit den Spielen und dem ganzen Fankram. Da müssten der DFB sich doch wohl auch an der Sicherheit beteiligen können.
kascnik 23.07.2014
2. Dfb/dfl
Zitat von mactor2Der DFB verdient Millionen über Millionen mit den Spielen und dem ganzen Fankram. Da müssten der DFB sich doch wohl auch an der Sicherheit beteiligen können.
der Unterschied ist Ihnen schon bewusst?
mohsensalakh 23.07.2014
3. Die Fussballclubs haben doch genug Geld
Zitat von sysopDPADas Land Bremen will die Deutsche Fußballliga für Polizeikosten zur Kasse bitten. Nun droht die DFL mit juristischen Schritten - außerdem soll Bremen als Länderspielort wegfallen. Die wichtigsten Fakten zum Streit über Risikospiele. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bremen-gegen-dfl-und-dfb-polizeieinsaetze-bei-risikospielen-a-982466.html
Ein Spieler für 10 Mil. kaufen, aber den Polizeieinsatz nicht zahlen wollen. So Leute, wie Uli Hoeneß kriegen aber auch den Hals nicht voll. Das ersparte Geld kann man, woanders gut gebrauchen.
Sundown 23.07.2014
4.
Zitat von mactor2Der DFB verdient Millionen über Millionen mit den Spielen und dem ganzen Fankram. Da müssten der DFB sich doch wohl auch an der Sicherheit beteiligen können.
Das tut der DFB (oder eben die DFL, je nach Zuständigkeit) doch indirekt sowieso schon. Das nennt sich "Steuern". Man schaue sich einfach mal die WM an. Was da mit dem Fussball umgesetzt wurde. Und auf mehr oder weniger alles fallen Steuern an. Abgesehen davon gibt es ein aus meiner Sicht prinzipielles Problem: die Polizei hat das Gewaltmonopol für den öffentlichen Raum und ist verantwortlich für die Sicherheit - das ist auch gut und richtig so. Wieso soll dann der Veranstalter dafür aufkommen? In welchen Fällen noch? Und ironischerweise befindet die Polizei selber darüber, was ein Risikospiel ist... also dann darüber, ob sich der Verein beteiligen muss, oder nicht... klingt doch seltsam, oder?
muellerthomas 23.07.2014
5.
Zitat von mactor2Der DFB verdient Millionen über Millionen mit den Spielen und dem ganzen Fankram. Da müssten der DFB sich doch wohl auch an der Sicherheit beteiligen können.
Das alleine kann ja nicht das Argument sein, sonst könnten Sie auch verlangen, dass Polizeieinsätze allgemein von den Betroffenen gemäß Einkommen bezahlt werden müssen.
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