Von Frank Hellmann
Nichts löst im Bremer Weserstadion größere Glücksgefühle aus als Siege über den Erzrivalen Hamburger SV. Das vergleichsweise reservierte Werder-Publikum gibt in solchen Momenten alle Zurückhaltung auf. Und wenn dann die Emotionen noch durch das märchenhaft klingende Comeback des lange verletzten Brasilianers Naldo befeuert werden, dann spricht selbst so ein nüchterner Kaufmann wie Clubchef Klaus Allofs von einer "Krönung".
"Das war ein Zeichen für viele andere, sich nicht aufzugeben und immer wieder versuchen, ranzukommen", sagte Cheftrainer Thomas Schaaf, der erst kürzlich in Sachen Naldo Geduld angemahnt hatte. Schließlich hatte der Abwehrchef 16 lange Monate aussetzen müssen.
Naldo nun zu dessen 29. Geburtstag einen ersten Kurzeinsatz zu schenken, war die Schlussnote für einen aus Werder-Sicht perfekten Tag, der mit einem verdienten 2:0 über den HSV endete. "Ich fühle eine unglaubliche Freude. Es war ein ganz besonderer Moment", ließ der grinsende Naldo seinen Dolmetscher Roland Martinez übersetzen, um sodann den Blick aufs grün-weiße Ganze zu richten: "Dieser Sieg zeigt: Wir haben aus den Fehlern der Vorsaison gelernt."
Selbst Schöngeister üben sich in der Grätsche
Werder Bremen, in der Vorsaison in eine tiefe Sinnkrise gestürzt, ist auf bestem Wege, sich wieder als Spitzenmannschaft zu etablieren. Der Profikader hat sich zusammengerauft. "Wir hatten eine schwierige Zeit", gab Allofs zu, "jetzt machen wir weniger Fehler, wir spielen und arbeiten besser miteinander."
Plötzlich stellt sein oft für mangelnden Einsatz gescholtenes Aufgebot sogar das laufstärkste Ensemble eines Spieltags. Schöngeister wie Marko Marin oder Aaron Hunt sind sich für die Grätsche in der Defensivarbeit oder den Sprint in die eigene Hälfte nicht zu schade.
Durch das Verfehlen des Europapokals und dem frühen Ausscheiden im DFB-Pokal bleibt den Hanseaten die Terminhatz in dieser Saison erspart - ein Umstand, der bei Werder 2004 den Gewinn der Meisterschaft begünstigte. Ist Werder vielleicht sogar ein Titelkandidat? Meistergesänge der eigenen Anhängerschaft hatte natürlich auch Schaaf nicht überhören können, blockte aber derlei Nachfragen so energisch ab, wie seine neuen Spieler Andreas Wolf, Aleksandar Ignjovksi oder Griechen-Leihgabe Sokratis sich den Hamburger Angriffen entgegen gestemmt hatten. "Der Puls kommt wieder runter - keine Sorge."
Pizarro spuckt schon große Töne
Nur gut, dass Lehrmeister Schaaf, seit Mai 1999 an der Weser im Amt, zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Ansage seines Doppeltorschützen Claudio Pizarro mitbekommen hatte. Der Peruaner hatte nicht nur nach Marin-Freistoß zum 1:0 abgestaubt (52.) und nach Hunt-Ecke mit perfekter Brustannahme und tollem Dropkick zum 2:0 getroffen (78.), sondern auch Parolen geschmettert, die Allofs und Schaaf zu diesem Zeitpunkt eher ungern hören. "Wir wollen eine Topmannschaft werden: Unser Ziel ist, Erster zu werden", so der 32-jährige Matchwinner. "Diese Mannschaft will an die Spitze, das spüre ich in jedem Training."
Nicht jeder ist mit solch forschen Tönen zufrieden. Der nach dem Abgang von Per Mertesacker zum Kapitän gekürte Clemens Fritz empfiehlt, "den Ball flach zu halten"; Torwart Tim Wiese rät sogar, den Begriff Bayern-Jäger nicht zu verwenden, "dafür ist zuletzt hier zu viel Scheiße passiert." Der Keeper, der gegen Mladen Petric zwei starke Paraden zeigte, konnte indes nicht ohne eine feine Spitze gegen den Verlierer seine Dienststelle verlassen. "Wenn man mir das Maul stopfen will, muss man schon früher aufstehen." Eine Replik auf die Ankündigung des HSV-Kapitäns Heiko Westermann, der eben dies angekündigt hatte.
Oenning: "Mannschaft entwickelt sich weiter"
Ansonsten gingen die Hamburger indes trotz der vierten Niederlage im fünften Saisonspiel mit erhobenem Haupt vom Rasen - sagte jedenfalls der HSV-Trainer. "Das Ergebnis geht in Ordnung, aber die Mannschaft entwickelt sich weiter. Darauf lässt sich aufbauen. Uns fehlt nur das nötige Glück und wir machen noch unnötige Fehler", so Michael Oenning, der nicht bereit war, zu viel Kritik zu üben.
Stattdessen lobte der 45-Jährige die disziplinierte Vorstellung in der ersten Halbzeit über Gebühr und glaubt, dass die Belohnung bald folgen werde. "Ich habe die Ruhe, daran zu arbeiten. Diese Mannschaft findet sich und wird immer besser." Die Indizien deuten darauf hin, dass ihm diese Zeit auch gegeben wird.
Sportchef Frank Arnesen sprang seinem Trainer nach der Niederlage wortreich zur Seite: "Ich bin überhaupt nicht in Panik. Was wir brauchen, ist ein 'success'. Der Trainer hat die Kontrolle über die ganze Mannschaft", sagte der Däne. Die Heimpartie gegen Borussia Mönchengladbach am kommenden Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird also nicht zum Ultimatum für den Übungsleiter, auch wenn Kapitän Westermann genau solch eine Formulierung wählte: "Wenn wir das nicht gewinnen, wäre das eine Katastrophe."
Ohnehin traten die Führungsspieler selbstkritischer auf als die sportliche Leitung. "Wir müssen die Geilheit wiederfinden, vorne ein Tor zu machen. Uns hat einer wie Pizarro gefehlt", sagte Marcell Jansen. Und Mittelfeldrenner David Jarolim kritisierte unverhohlen: "Wir haben gar nichts gelernt aus dem Köln-Spiel." Die Laune beim HSV war schon einmal besser.
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