Bremer Triumph: "Das schönste Unentschieden in 20 Jahren"

Aus Mailand berichtet Antonio Neri

Beckham enttäuscht, Werder trumpft auf - mit dem 2:2 beim AC Mailand beweisen die Bremer verloren geglaubte Qualitäten. Völlig verdient ziehen sie in die nächste Runde des Uefa Cups ein. Der Erfolg gibt ihnen Selbstvertrauen für die anstehende Bundesliga-Partie gegen den FC Bayern.

Bei David Beckham weiß man bis heute nicht: Ist dieser Mann nun eher Fußballer oder Popstar? Auch im Bauch des Giuseppe-Meazza-Stadion hat die englische Stilikone in der Nacht zu Freitag keine endgültige Aufklärung betrieben. Klar, der 33-jährige Leihspieler aus Los Angeles hatte beim peinlichen 2:2 (2:0) des AC Mailand gegen Werder Bremen mitgespielt, doch hatte er beim Remis, das den Top-Favoriten des Uefa-Cups gestürzt hatte, auch wirklich mitgefühlt? "Es war eine enttäuschende Nacht", flüsterte Beckham in die Mikrofone - um dann, zack, für die Journalisten sein Ewiger-Junge-Grinsen aufzusetzen, das er für die Laufstege dieser Promi-Welt perfektioniert. Es war ein verräterisches Lächeln, das viel aussagt über den Zwiespalt, in dem sich diese extrem prominente, extrem überalterte und alles andere als erfolgshungrige Milan-Riege befindet. "So etwas passiert im Fußball", gab Beckham noch zu Protokoll, um dann von der Security begleitet in die Nacht zu entschwinden. Wahrscheinlich kommt der Mann nicht mehr nach San Siro zurück - und für den AC Mailand wird es besser sein.

Denn nicht nur die Zeit von Beckham ist mit dem blutleeren Auftritt gegen den Bundesligisten abgelaufen. Kaka, Gennaro Gattuso und Ronaldinho hatten gar nicht erst mitgespielt, dafür wurden Paolo Maldini, 40, Clarence Seedorf, 32, oder Massimo Ambrosini, 31, als untauglich für die internationale Bühne enttarnt. "Wir hatten die Partie nie im Griff", gab Trainer Carlo Ancelotti hinterher zu, "es ist zwar traurig für den AC Mailand, aber die bessere Mannschaft ist weitergekommen." Und sein Fazit glich einem Offenbarungseid seiner Arbeit: "Werder war physisch und taktisch überlegen."

Das Wissen um den Zustand des Gastgebers muss man vorausschicken, um Werders Leistung einzuordnen. Allerdings spielten die Bremer auch endlich mal wieder ihre zweifellos vorhandenen, doch in der Bundesliga oft verschütteten Fähigkeiten aus. "Wer viermal in einer Saison gegen Inter und AC Mailand besteht, muss eine Qualität haben", sagte dann auch Klaus Allofs. Ein 2:1-Sieg gegen Inter in der Champions League hatte Werder erst den Einzug in die Trostrunde Uefa-Cup ermöglicht.

Dort sollte mit dem Achtelfinale nicht die Endstation erreicht sein: Am 12. und 18./19. März gegen den französischen Verein AS St. Etienne befindet sich der fünffache Champions-League-Teilnehmer Werder klar in der Favoritenrolle. Und Spielmacher Diego will den Wettbewerb ja bekanntlich gewinnen. Dreht der Brasilianer so auf wie in Mailand an der Seite des spielfreudigen Mesut Özil, dann darf das nicht als Ding der Unmöglichkeit gelten. Doch die Kombinationen der beiden Bremer Ballkünstler wären fruchtlos gewesen, hätte es nicht ganz vorne den Verwerter Claudio Pizarro gegeben.

"Er hat das getan, wofür wir ihn geholt haben", sagte Allofs trocken. Tore schießen nämlich. Und so egalisierte der Peruaner mit zwei blitzsauberen Kopfballtoren - das erste Mal nach Diego-Freistoß (68.), dann nach Flanke des eingewechselten Sebastian Boenisch (78.) - den unverdienten 0:2-Rückstand zur Pause. Ausgerechnet Pizarro, der sich am vergangenen Wochenende noch selbst aus dem Verkehr gezogen hatte, weil er nach dem Besuch des kleinen Bruders in München erst den Flieger und dann das Abschlusstraining vor dem Spiel bei Energie Cottbus (1:2) verpasst hatte, was ihm eine kurzzeitige Suspendierung einbrachte.

Zwischenrunde Uefa-Cup (gefettete Teams weiter)
BEGEGNUNG HIN RÜCK
Paris SG - Wolfsburg 2:0 3:1
Nijmegen - HSV 0:3 0:1
Bremen - AC Milan 1:1 2:2
St. Pet. - Stuttgart 2:1 2:1
S. Genua - Charkow 0:1 0:2
Braga - St. Lüttich 3:0 1:1
Aston - ZSKA M. 1:1 0:2
O. Piräus - St. Etienne 1:3 1:2
Aalborg- La Coruna 3:0 3:1
Bordeaux - Gal. I'bul 0:0 3:4
Kiew - Valencia 1:1 2:2
Posen - Udine 2:2 1:2
FC Kopenh. - ManCity 2:2 1:2
AC Florenz - Ajax 0:1 1:1
Marseille - Enschede 0:1 7:6 i.E.
Donezk - Tottenham 2:0 1:1
"Ich habe gezeigt, dass ich der Mannschaft helfen kann", sagte Pizarro mit einem breiten Grinsen. Tatsächlich hatte der 30-Jährige den Schaden repariert, den zwei Fehler von Clemens Fritz angerichtet hatten: Andrea Pirlo mit einem umstrittenen Elfmeter (26.) - Torsten Frings hatte mit dem Ellbogen einen Beckham-Freistoß abgewehrt - und Pato per Traumtor aus 20 Metern (33.) bestraften die Stellungsfehler des formschwachen Werder-Rechtsverteidigers.

Auf Fritz' Fauxpas musste aber niemand näher eingehen, weil sich die Mannschaft von Trainer Thomas Schaaf ("Das war ein schönes Zeichen") selbst befreite; weil sie vor gerade mal 23.000 Zuschauern in San Siro immer agierte statt zu reagieren, weil sie ball- und selbstsicherer, psychisch und physisch stärker als der AC Mailand war.

"In den 20 Jahren, in denen ich beim SV Werder bin", sagte Marketing-Geschäftsführer Manfred Müller mit stolzgeschwellter Brust, "war dies das schönste Unentschieden: fürs Image gut, für die Finanzen interessant und für die Psyche wichtig." Das klang schon wieder hanseatisch-abgeklärt. Doch wer sah, wie sich der ewig coole Trainer Schaaf beim 2:2 beinahe ekstatisch freute, wer beobachtete, welches Tänzchen seine Spieler vor den 1700 in die Lombardei mitgereisten Anhängern vollführte, der ahnte, welche Last von den Schultern der zuletzt so schwachen Bremer fiel.

Achtelfinale Uefa Cup (gefettete Teams weiter)
BEGEGNUNG HIN RÜCK
Marseille - Ajax 2:1 2:2 n.V.
Bremen - St. Etienne 1:0 2:2
ZSKA M. - Donezk 1:0 0:2
Udine - St. Pet. 2:0 0:1
Paris SG - Braga 0:0 1:0
Kiew - Charkow 1:0 2:3
ManCity - Aalborg 2:0 6:5 n.E.
HSV - Galatasaray 1:1 3:2
Für Schaaf, die Spieler und die Fans war es das schönste Unentschieden der Welt. "Das haben wir mal gebraucht", sagte Wortführer Frings, "das haben wir uns verdient." Schaaf, der dann doch schnell seine Fassung wiedergefunden hatte ("Soll ich rumspringen wie ein Huhn?"), will die Mannschaft nun nicht so rasch "aus der Pflicht lassen". Der 47-Jährige verlangt genauso "konzentriertes Auftreten für die nächsten Aufgaben."

Die ja rasch folgen: Am Freitag fliegt der Tross bereits zurück nach Bremen, am Samstag wird wieder unaufgeregt trainiert - und dann soll am Sonntag der ewige Rivale FC Bayern geschlagen werden. "Das gibt uns viel Selbstvertrauen", richtete Frings bereits in Richtung München aus.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema Europa League
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Vote
Europa-Pokal

Welches deutsche Team hat eine Chance auf den Uefa-Cup-Sieg?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.


Fotostrecke
Uefa-Cup: Bremen feiert, HSV jubelt, Stuttgart verliert