Von Maximilian Rau
An den Dezember 2010 dürfte Bruno Labbadia keine guten Erinnerungen haben. Zwar wurde der frühere Stürmer am 12. Dezember neuer Trainer in Stuttgart, doch zum Bundesliga-Einstand eine Woche später kassierte der VfB eine 3:5-Niederlage gegen den FC Bayern. Drei Tage später triumphierten die Münchner in einem denkwürdigen Pokalspiel noch einmal, diesmal 6:3. "Damals standen wir mit dem Rücken zur Wand. Jetzt ist viel Freude da, damals war es Druck", sagte Labbadia vor dem Süd-Derby mit dem FCB am Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).
Nur zwölf Punkte hatten die Stuttgarter nach dem 3:5 am 17. Spieltag der Vorsaison, standen auf dem vorletzten Tabellenplatz. Die Fans waren ob der schlechtesten Hinrunde der Vereinsgeschichte aufgebracht, skandierten "Vorstand raus" und verweigerten der Mannschaft die Unterstützung. Dann kam die Partie im DFB-Pokal und mit ihr die Wende - trotz der Niederlage war es Labbadias erster Erfolg beim VfB. Das Team kämpfte unermüdlich und gewann die Fans dadurch zurück. 0:2 hatten die Stuttgarter zurückgelegen, glichen dann zweimal aus (2:2 und 3:3), ehe die Bayern in den letzten zehn Minute gegen nur noch neun VfB-Profis drei Treffer erzielten.
In der Rückserie startete Stuttgart durch, holte 30 Punkte und sicherte die Klasse. Den Schwung rettete Labbadias Team in die aktuelle Saison. Als Tabellensiebter hat der VfB nur vier Punkte Rückstand auf einen Europapokal-Platz. "2011 war ein erfolgreiches Jahr", sagte der 45-Jährige der "Stuttgarter Zeitung": "Schließlich lag der Verein auf der Intensivstation, als ich hier begonnen habe."
Labbadia hat Stuttgarts Hinrundenfluch gebannt
Labbadia war so etwas wie die letzte Chance für den VfB, gleichzeitig galt das auch umgekehrt. Beide haben ihre Chance genutzt. Der Trainer rettete den Club und entwickelte sich selbst weiter. Mehr Geduld zu haben und die eigenen Ansprüche zurückzustellen waren die vielleicht wichtigsten Lektionen, die Labbadia in Stuttgart gelernt hat. Vor allem aber hat er für Konstanz gesorgt. Seit der Meister-Saison 2006/2007 hatte der Club große Probleme in der Hinrunde. So mussten die Trainer Armin Veh (November 2008), Markus Babbel (Dezember 2009), Christian Groß (Oktober 2010) und Jens Keller (Dezember 2010) ihren Posten noch in der ersten Saisonhälfte räumen. Dieses Schicksal wird Labbadia erspart bleiben.
Auch wenn seine Mannschaft in der Vorrunde den einen oder anderen Punkt zu wenig geholt hat, wie Labbadia einräumt. Von den letzten sechs Spielen gewann Stuttgart nur eines (2:1 gegen Augsburg), gegen Mainz (1:3) und Köln (2:2) verspielte der Club Führungen. "Wir müssen auch mal mit dem zufrieden sein, was wir haben - vor einem Jahr hätten wir über einen Punkt gegen Köln gejubelt. Wir wissen, wo wir herkommen", sagt VfB-Sportdirektor Fredi Bobic.
Mittelfristig sind die Ansprüche in Stuttgart jedoch höher. Regelmäßig will der Club international spielen. "Wir müssen ganz kleine Schritte gehen", sagt Labbadia, der bei seinen vorherigen Bundesliga-Stationen in Leverkusen (2008/2009) und Hamburg (2009/2010) nicht unbedingt als zurückhaltender Coach bekannt war. Er scheint aus seinen Fehlern gelernt zu haben. Sowohl bei Bayer als auch beim HSV hatte das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft nach einem halben Jahr nicht mehr gestimmt, die Profis vertrauten ihrem Coach nicht mehr. Die Folgen waren Abstürze in der Rückrunde, die Labbadia letztlich den Job kosteten.
"Alles andere als ein Sieg würde uns schocken"
Eigentlich würde er viel lieber attraktiven Offensivfußball spielen lassen, doch er habe rasch gespürt, "dass ich meine Mannschaft damit ins Verderben schicke". Bis Labbadia seinen Wunschfußball aufziehen kann, wird es wohl noch dauern. Finanziell kann sich der VfB zumindest vorerst keine hochkarätigen Verstärkungen mehr leisten, im Kader fehlt es an herausragender Qualität. Somit geht es für Labbadia weiterhin nur um Ergebnisse und nicht um Ästhetik.
Bis zum Ende der Hinrunde gilt das auch für den FC Bayern. "Damit wir hochzufrieden in die Winterpause gehen können, müssen wir die nächsten drei Spiele gewinnen", sagte Münchens Sportdirektor Christian Nerlinger mit Blick auf die Partien gegen Stuttgart, Köln (16. Dezember) und im Pokal gegen Bochum (20. Dezember).
Allerdings plagen den Tabellenführer einige Sorgen. Arjen Robben und Toni Kroos (beide Grippe) sowie Daniel van Buyten (Magen-Darm-Infekt) und Mario Gomez (Bronchitis) trainierten zwar am Freitag, ihr Einsatz ist aber immer noch fraglich. "Eine Entwarnung gibt es erst, wenn die Spieler auf dem Platz stehen", sagte Bayern-Coach Jupp Heynckes, der 1991 sogar kurzzeitig Trainer des damaligen FCB-Stürmers Labbadia war. Zudem scheint die Mini-Krise - drei Niederlagen in den vergangenen fünf Pflichtspielen - noch nicht endgültig überwunden.
Und so ließ sich Labbadia zu einem kecken Spruch hinreißen: "Alles andere als ein Sieg würde uns schocken." Dann fügte er jedoch schnell an: "Wir wollen die Bayern ärgern und ein gutes Spiel liefern."
VfB Stuttgart - FC Bayern München
(Voraussichtliche Aufstellungen, Spielbeginn 17.30 Uhr)
Stuttgart: Ulreich - Boka, Tasci, Maza, Molinaro - Kvist, Gentner - Harnik, Hajnal, Okazaki - Cacau
München: Neuer - Boateng, van Buyten, Badstuber, Lahm - Timoschtschuk, Kroos - Robben, Müller, Ribéry - Gomez
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