SPIEGEL ONLINE: Herr Labbadia, wenn Sie Bundestrainer wären, wen würden Sie im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark (Sonntag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schonen?
Labbadia: Zunächst mal: Die verantwortlichen Trainer sind immer am nächsten dran. Sie brauchen keine Ratschläge von außen. Trainer überlegen in solchen Situationen sicherlich, ob sie Dauerläufer auf den Halbpositionen, also Müller und Podolski draußen lassen. Oder auch Khedira, der viel gelaufen ist. Jogi Löw überlegt sicherlich auch, ob er Klose bringt - das wäre auch eine Option. Aber Deutschland ist noch nicht weiter, ich bin nicht der Bundestrainer und Joachim Löw wird auf alle Fälle die richtige Entscheidung treffen.
SPIEGEL ONLINE: War es für Sie eine Überraschung, dass Löw bei der EM nicht auf Klose sondern auf Gomez als einzige Spitze gesetzt hat?
Labbadia: Nein, überhaupt nicht. Der Trainer sieht alles, jede Trainingseinheit, und hat dann eine Idee. Es war mir klar, dass er auf Mario Gomez setzt.
SPIEGEL ONLINE: Die drei Tore gegen Portugal (1:0) und die Niederlande (2:1) geben ihm recht.
Labbadia: Absolut. Ich habe mich auch sehr für Mario Gomez gefreut. Man hat es ihm angemerkt, dass die zwei Tore gegen die Niederlande ganz wichtig für ihn waren. So offen hab ich ihn im TV-Interview noch nie über seine Gefühle sprechen hören. Dabei war ihm deutlich anzusehen, dass ihn die Kritik von Mehmet Scholl belastet hat.
SPIEGEL ONLINE: Oder sie hat ihn extrem motiviert.
Labbadia: Das ist mir zu einfach, hinterher zu sagen: "Siehste, es hat doch geklappt". Mehmets Worte haben eben Gewicht, das muss er in dieser Position wissen. Aber es ist ja auch nicht viel passiert. Fußball ist ein emotionales Geschäft und da gehören solche Diskussionen dazu.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren selbst Stürmer, wie kommt so ein Leistungsunterschied wie bei Gomez in zwei aufeinanderfolgenden Spielen zusammen?
Labbadia: Es waren ja zwei völlig unterschiedliche Begegnungen. Die Portugiesen haben sich im ersten Spiel tief hinten rein gestellt. Da gab es überhaupt keinen Platz für einen Stürmertyp wie Gomez. Wie bei Bayern gegen Chelsea. Gegen Holland hatte er dann den Raum, den er für sein Spiel braucht - und hat zwei sensationelle Tore erzielt.
SPIEGEL ONLINE: Löw hat sich nach der Vorbereitung gegen Ihren Stürmer Cacau entschieden. Eine Fehlentscheidung?
Labbadia: Ich war fest davon überzeugt, dass Löw ihn mitnimmt. Cacau selbst übrigens auch. Als Löws Anruf kam, war ich gerade im Flugzeug. Als ich mein Handy wieder angeschaltet hatte, war da neben Löws Anruf auch noch der von unserem Sportdirektor Fredi Bobic. Mein erster Gedanke war, dass sich Cacau verletzt haben könnte oder einer der Verteidiger ausfällt und Löw jetzt Serdar Tasci nachnominieren möchte. Aber es kam bekanntlich anders.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat Löw die Entscheidung begründet?
Labbadia: Er hat mir das ausführlich erklärt. Marco Reus hatte in den beiden Vorbereitungswochen seiner Meinung nach einen überragenden Eindruck hinterlassen. Man hat aber auch gemerkt, dass Löw die Entscheidung wirklich schwergefallen ist. Das war ein harter Tag für Cacau.
SPIEGEL ONLINE: Was sicher auch daran lag, dass er auch bei Ihnen in der Rückrunde kaum noch von Beginn an eingesetzt wurde?
Labbadia: Das glaube ich nicht. Cacau hat bei uns schließlich das gezeigt, was Löw gebraucht hätte. Wann brauchst du als Bundestrainer eine zweite Spitze? Wenn du in Rückstand gerätst. Und da ist Cacau eigentlich die beste Option.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehr ärgert man sich denn in Stuttgart noch über den Verkauf von Sami Khedira zum Schnäppchenpreis von knapp 14 Millionen Euro an Real Madrid?
Labbadia: Gar nicht. Wir sollten stolz darauf sein, dass ein Spieler, der beim VfB Stuttgart ausgebildet wurde, bisher der beste EM-Spieler auf dieser Position war. Gegen die Niederlande war er für mich der Spieler des Spiels. So einen kannst du in Stuttgart nicht halten wenn Real anklopft. Sami ist durch und durch Stuttgarter und es ist schade, aber wir sind aufgrund der wirtschaftlichen Lage eben gezwungen, solche Spieler wie Khedira, Christian Träsch oder Bernd Leno zu verkaufen. Aber so ist der Fußball.
SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter für das DFB-Team?
Labbadia: Die Mannschaft kann ganz weit kommen. Allerdings - und das hat man bei Bayern gegen Chelsea im Finale der Champions League gesehen - reicht ein schlechter Tag, ein Fehler, eine Unaufmerksamkeit oder die Verletzung von Schlüsselspielern und schon ist alles aus. Das wird diesem Team aber hoffentlich nicht passieren.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil hat Ihr Kollege Joachim Löw am Erfolg?
Labbadia: Einen großen. Aber man muss auch Jürgen Klinsmann nennen. Er hat die Strukturen für diesen Erfolg geschaffen. Er hat die Mannschaft ein Stück weit vom DFB emanzipiert und sich von keinem mehr reinreden lassen. Das war gut so, das war die Basis. Löw führt das Ganze überragend fort. Mir macht es unheimlich Spaß, dem Team zuzugucken.
Das Interview führte Mike Glindmeier
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