Von Christian Paul
Die Partie zwischen Kaiserslautern und Bremen ist 23 Minuten alt, als Werders Verteidiger Sebastian Prödl zusammenbricht. Der Österreicher sackt nieder, wälzt sich stark blutend auf dem Boden. Sekunden zuvor hatte ihn Dorge Kouemaha bei dem Versuch, eine Flanke aus dem eigenen Strafraum zu befördern, mit dem Fuß im Gesicht getroffen. Prödl schreit vor Schmerzen, muss anschließend von Sanitätern vom Platz getragen werden.
Zunächst wird der Mannschaftsarzt von einem Nasenbeinbruch sprechen. Im Fernsehen befürchtet Sportdirektor Klaus Allofs später noch Schlimmeres. Er sollte Recht behalten. Nicht nur Prödls Nase, sondern auch der Oberkiefer ist gebrochen. Der 24-Jährige wird wochenlang ausfallen.
Eines davon war ein Foto, das Prödl auf seiner Homepage veröffentlichte. Es zeigt, wie der Abwehrspieler in einem Krankenhaus in Kaiserslautern liegt, das Gesicht ist geschwollen. Sein erhobener Daumen wirkt etwas bemüht. Er schreibt: "Es geht mir dreckig." Prödl, sagte Kouemaha im SWR, nehme es ihm dennoch nicht übel. Im Sport könne so etwas passieren.
Maskenmänner und Blutergüsse
In der Fußball-Bundesliga sind in den vergangenen Wochen gleich reihenweise Spieler in Krankenhäuser eingeliefert worden. Schon in der Hinrunde sorgten Profis mit dicken Blutergüssen unter den Augen und Schutzmasken im Gesicht für Schlagzeilen. Schalkes Klaas-Jan Huntelaar (doppelter Nasenbeinbruch) oder Leverkusens Michael Ballack (einfacher Nasenbeinbruch) sind längst nicht die einzigen, die es erwischt.
Ulrich Stöckle ist Ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Tübingen. Er hat bereits mehrere Bundesliga-Profis mit Knochenbrüchen der Extremitäten operiert. "Man hat den Eindruck, dass die Verletzungen im Gesicht zunehmen", sagt er. Vor allem der Einsatz des Ellenbogens, aber auch heftige Tritte könnten Frakturen auslösen. "Dazu braucht es punktuell eine erhebliche Gewalt", sagt der Mediziner. Das gelte weniger für das Nasenbein, das generell schneller breche als das Jochbein.
Borussia Dortmunds Sven Bender erleidet im Champions-League-Spiel beim FC Arsenal nach einem Zweikampf einen doppelten Kieferbruch. Thomas Vermaelen hatte ihn mit dem Fuß unglücklich am Kopf getroffen. Dem Deutschen werden zwei Metallplatten zur Stabilisierung eingesetzt. Bender muss bis zum ersten Spieltag der Rückrunde aussetzen.
Im Champions-League-Heimspiel gegen Olympique Marseille sinkt Sebastian Kehl nach einem Tritt von Stephane Mbia zu Boden. Der Kapitän des BVB hat Glück und kommt mit einer starken Prellung davon. Schlimmer hatte es zuvor Neven Subotic erwischt.
Am 5. November rammt ihm Wolfsburgs Verteidiger Sotirios Kyrgiakos in einem Zweikampf den Ellenbogen derart hart ins Gesicht, dass bei dem BVB-Spieler ein Mittelgesichtsbruch diagnostiziert wird. Subotic feiert erst am 18. Spieltag sein Comeback in der Bundesliga. Bis dahin muss er vorwiegend Griesbrei essen, nimmt nach eigenen Angaben mehrere Kilogramm ab. Eine Strafe vom Schiedsrichter gab es für Kyrgiakos nicht.
Kein Elfmeter gegen Kaiserslautern
Auch Kouemaha kam nach seinem Tritt gegen Prödl ohne Karte davon, der Club ohne den fälligen Strafstoß. Bremens Trainer Thomas Schaaf war nach dem Spiel in Kaiserslautern so sauer auf Schiedsrichter Robert Hartmann, dass er vor der Kamera keinen Kommentar abgeben wollte. Sportdirektor Allofs wurde deutlicher und empfahl Hartmann einen Sehtest.
Die Fehlentscheidung des Referees offenbart ein altes Problem bei der Bewertung von Zweikämpfen, speziell jenen in der Luft. Eine Frage lautet: Wann ist hoch zu hoch? Ein ausgestrecktes Bein auf Augenhöhe des Gegners, das kennt jeder Spieler noch aus der E-Jugend, ist eigentlich gefährliches Spiel. Das Problem, beurteilen zu müssen, wann Absicht vorliegt und die Aktion entsprechend zu ahnden ist, kennt jeder Referee.
Genau wie die Frage, wann eine Armbewegung bei einem Kopfball zu bestrafen ist, weil sie nicht natürlich ist, sondern den Gegenspieler gefährdet. Schon in der vergangenen Saison wurden die Unparteiischen darauf hingewiesen, verstärkt auf Ellbogenschläger zu achten. Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel hatte sie als "größte Sauerei" im Fußball bezeichnet. Seine Forderung Anfang 2011: zur Not einfach mal die Rote Karte zeigen. Das hat man in der Bundesliga seither kaum gesehen.
Einzige Ausnahme: der Platzverweis gegen Hamburgs Slobodan Rajkovic im Heimspiel gegen Kaiserslautern. Der Kroate hatte Christian Tiffert per Ellbogencheck zu Boden geworfen. Nach der Roten Karte gab es an der Seitenlinie minutenlang Proteste von den Hamburger Veantwortlichen gegen die Entscheidung des Schiedsrichters. Rajkovic wurde vom Sportgericht des DFB für drei Spiele gesperrt.
BVB-Profi Subotic will sich Fouls wie das von Kyrgiakos nicht mehr gefallen lassen. "Ich habe einmal richtig auf die Schnauze bekommen. Das reicht", sagte er dem "kicker". Künftig wolle er jeden, der ihm "im Gesicht rumfummelt, darauf hinweisen, dass es so nicht geht". Uneinsichtige Kollegen, die sich regelmäßig zu derartigen Unsportlichkeiten hinreißen lassen, gibt es reichlich.
Sie sind allerdings nicht immer Ursache für schlimme Verletzungen. Am Samstag prallten während der Partie zwischen Schalke 04 und dem VfB Stuttgart Benedikt Höwedes und Marco Höger zusammen. Zwei Mannschaftskollegen. Höwedes zog sich dabei einen dreifachen Jochbeinbruch zu. Der Verteidiger fällt vier bis sechs Wochen aus.
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