Brutale Bundesliga-Fouls: Bis die Knochen brechen

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Erst traf es Neven Subotic, jetzt Sebastian Prödl: In der Fußball-Bundesliga häufen sich schwere Gesichtsverletzungen, oft nach brutalen Fouls. Den Opfern werden Nase, Oberkiefer oder Jochbein gebrochen, sie fallen wochenlang aus. Doch die Täter werden selten bestraft.

dapd

Die Partie zwischen Kaiserslautern und Bremen ist 23 Minuten alt, als Werders Verteidiger Sebastian Prödl zusammenbricht. Der Österreicher sackt nieder, wälzt sich stark blutend auf dem Boden. Sekunden zuvor hatte ihn Dorge Kouemaha bei dem Versuch, eine Flanke aus dem eigenen Strafraum zu befördern, mit dem Fuß im Gesicht getroffen. Prödl schreit vor Schmerzen, muss anschließend von Sanitätern vom Platz getragen werden.

Zunächst wird der Mannschaftsarzt von einem Nasenbeinbruch sprechen. Im Fernsehen befürchtet Sportdirektor Klaus Allofs später noch Schlimmeres. Er sollte Recht behalten. Nicht nur Prödls Nase, sondern auch der Oberkiefer ist gebrochen. Der 24-Jährige wird wochenlang ausfallen.

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Fouls im Fußball: Kopfverletzungen und Maskenmänner
"Ich habe ihn sofort angerufen. Viel reden konnten wir nicht. Ich habe ihm dann eine Botschaft geschickt: 'Halte durch. Es tut mir leid'", sagt Kouemaha später in der SWR-Sendung "Fluchtlicht". Mit hängenden Schultern sitzt der 28-jährige Profi im Fernsehstudio. Noch bevor der Moderator den Namen Prödls überhaupt in den Mund genommen hat, weiß der Stürmer schon, was kommt. Kouemaha muss die schlimmen Bilder vom vergangenen Fußball-Wochenende erklären.

Eines davon war ein Foto, das Prödl auf seiner Homepage veröffentlichte. Es zeigt, wie der Abwehrspieler in einem Krankenhaus in Kaiserslautern liegt, das Gesicht ist geschwollen. Sein erhobener Daumen wirkt etwas bemüht. Er schreibt: "Es geht mir dreckig." Prödl, sagte Kouemaha im SWR, nehme es ihm dennoch nicht übel. Im Sport könne so etwas passieren.

Maskenmänner und Blutergüsse

In der Fußball-Bundesliga sind in den vergangenen Wochen gleich reihenweise Spieler in Krankenhäuser eingeliefert worden. Schon in der Hinrunde sorgten Profis mit dicken Blutergüssen unter den Augen und Schutzmasken im Gesicht für Schlagzeilen. Schalkes Klaas-Jan Huntelaar (doppelter Nasenbeinbruch) oder Leverkusens Michael Ballack (einfacher Nasenbeinbruch) sind längst nicht die einzigen, die es erwischt.

Ulrich Stöckle ist Ärztlicher Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Tübingen. Er hat bereits mehrere Bundesliga-Profis mit Knochenbrüchen der Extremitäten operiert. "Man hat den Eindruck, dass die Verletzungen im Gesicht zunehmen", sagt er. Vor allem der Einsatz des Ellenbogens, aber auch heftige Tritte könnten Frakturen auslösen. "Dazu braucht es punktuell eine erhebliche Gewalt", sagt der Mediziner. Das gelte weniger für das Nasenbein, das generell schneller breche als das Jochbein.

Borussia Dortmunds Sven Bender erleidet im Champions-League-Spiel beim FC Arsenal nach einem Zweikampf einen doppelten Kieferbruch. Thomas Vermaelen hatte ihn mit dem Fuß unglücklich am Kopf getroffen. Dem Deutschen werden zwei Metallplatten zur Stabilisierung eingesetzt. Bender muss bis zum ersten Spieltag der Rückrunde aussetzen.

Im Champions-League-Heimspiel gegen Olympique Marseille sinkt Sebastian Kehl nach einem Tritt von Stephane Mbia zu Boden. Der Kapitän des BVB hat Glück und kommt mit einer starken Prellung davon. Schlimmer hatte es zuvor Neven Subotic erwischt.

Am 5. November rammt ihm Wolfsburgs Verteidiger Sotirios Kyrgiakos in einem Zweikampf den Ellenbogen derart hart ins Gesicht, dass bei dem BVB-Spieler ein Mittelgesichtsbruch diagnostiziert wird. Subotic feiert erst am 18. Spieltag sein Comeback in der Bundesliga. Bis dahin muss er vorwiegend Griesbrei essen, nimmt nach eigenen Angaben mehrere Kilogramm ab. Eine Strafe vom Schiedsrichter gab es für Kyrgiakos nicht.

Kein Elfmeter gegen Kaiserslautern

Auch Kouemaha kam nach seinem Tritt gegen Prödl ohne Karte davon, der Club ohne den fälligen Strafstoß. Bremens Trainer Thomas Schaaf war nach dem Spiel in Kaiserslautern so sauer auf Schiedsrichter Robert Hartmann, dass er vor der Kamera keinen Kommentar abgeben wollte. Sportdirektor Allofs wurde deutlicher und empfahl Hartmann einen Sehtest.

Die Fehlentscheidung des Referees offenbart ein altes Problem bei der Bewertung von Zweikämpfen, speziell jenen in der Luft. Eine Frage lautet: Wann ist hoch zu hoch? Ein ausgestrecktes Bein auf Augenhöhe des Gegners, das kennt jeder Spieler noch aus der E-Jugend, ist eigentlich gefährliches Spiel. Das Problem, beurteilen zu müssen, wann Absicht vorliegt und die Aktion entsprechend zu ahnden ist, kennt jeder Referee.

Genau wie die Frage, wann eine Armbewegung bei einem Kopfball zu bestrafen ist, weil sie nicht natürlich ist, sondern den Gegenspieler gefährdet. Schon in der vergangenen Saison wurden die Unparteiischen darauf hingewiesen, verstärkt auf Ellbogenschläger zu achten. Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel hatte sie als "größte Sauerei" im Fußball bezeichnet. Seine Forderung Anfang 2011: zur Not einfach mal die Rote Karte zeigen. Das hat man in der Bundesliga seither kaum gesehen.

Einzige Ausnahme: der Platzverweis gegen Hamburgs Slobodan Rajkovic im Heimspiel gegen Kaiserslautern. Der Kroate hatte Christian Tiffert per Ellbogencheck zu Boden geworfen. Nach der Roten Karte gab es an der Seitenlinie minutenlang Proteste von den Hamburger Veantwortlichen gegen die Entscheidung des Schiedsrichters. Rajkovic wurde vom Sportgericht des DFB für drei Spiele gesperrt.

BVB-Profi Subotic will sich Fouls wie das von Kyrgiakos nicht mehr gefallen lassen. "Ich habe einmal richtig auf die Schnauze bekommen. Das reicht", sagte er dem "kicker". Künftig wolle er jeden, der ihm "im Gesicht rumfummelt, darauf hinweisen, dass es so nicht geht". Uneinsichtige Kollegen, die sich regelmäßig zu derartigen Unsportlichkeiten hinreißen lassen, gibt es reichlich.

Sie sind allerdings nicht immer Ursache für schlimme Verletzungen. Am Samstag prallten während der Partie zwischen Schalke 04 und dem VfB Stuttgart Benedikt Höwedes und Marco Höger zusammen. Zwei Mannschaftskollegen. Höwedes zog sich dabei einen dreifachen Jochbeinbruch zu. Der Verteidiger fällt vier bis sechs Wochen aus.

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1.
Ragnarrök 24.01.2012
Zitat von sysopErst traf es Neven Subotic, jetzt Sebastian Prödl: In der Fußball-Bundesliga häufen sich schwere Gesichtsverletzungen, oft nach brutalen Fouls. Den Opfern werden*Nase,*Oberkiefer oder*Jochbein gebrochen, sie fallen wochenlang aus. Doch die Täter werden selten bestraft. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,810869,00.html
Das sehe ich schon seit rd. 2 Jahren kritisch. Vor allem was im Luftkampf abgeht erfüllt zum Teil den Straftatbestand der (versuchen) schweren Körperverletzung. Typisches Szenario: 2 Spieler springen hoch um die Flanke (oder was auch immer) zu bekommen. Einer der Spieler versucht (meist mit Ellenbogen) heftig schlagend den anderen zu treffen / zu behindern. Ein Luftkampf beim "Eastern" ist ein Dreck dagegen. Meines Meinung gehören diese Spieler (Videobeweis!) mindestens für ein Spiel gesperrt, im Verletzungsfall des Gegenspielers für 3-6 Spiele. Einziger "Trost": Die Profis werden für ihr Hobby mehr oder weniger fürstlich entlohnt. Trotzdem ist es nicht ok. Diese Szenen machen den Sport häßlich.
2. Titel
.link 24.01.2012
Auch bei Hunterlaar war es der eigene Mitspieler: "Der niederländische Stürmer zog sich bei einem Zusammenprall mit seinem Mitspieler Joel Matip einen doppelten Nasenbeinbruch zu und verließ das Feld." Bender hatte einfach nur Pech. Kouemaha sieht Prödl nicht und trifft noch dazu auch (!) den Ball, was es für den Schiri nicht einfach macht, die Szene korrekt zu beurteilen. Richtig absichtlich (?) - auf jeden Fall fahrlässig - war meiner Meinung nach nur Subotics Verletzung. Daraus jetzt eine Serie zu "basteln", Verbunden mit einer Schirischelte und einem Draufhaun auf die "Bösen Jungs" finde ich etwas weit hergeholt.
3. .
frubi 24.01.2012
Zitat von RagnarrökDas sehe ich schon seit rd. 2 Jahren kritisch. Vor allem was im Luftkampf abgeht erfüllt zum Teil den Straftatbestand der (versuchen) schweren Körperverletzung. Typisches Szenario: 2 Spieler springen hoch um die Flanke (oder was auch immer) zu bekommen. Einer der Spieler versucht (meist mit Ellenbogen) heftig schlagend den anderen zu treffen / zu behindern. Ein Luftkampf beim "Eastern" ist ein Dreck dagegen. Meines Meinung gehören diese Spieler (Videobeweis!) mindestens für ein Spiel gesperrt, im Verletzungsfall des Gegenspielers für 3-6 Spiele. Einziger "Trost": Die Profis werden für ihr Hobby mehr oder weniger fürstlich entlohnt. Trotzdem ist es nicht ok. Diese Szenen machen den Sport häßlich.
Runterkommen, bitte. Die Fußballer sind weder harten körperlichen Duellen (siehe Rugby und American Football), noch müssen Sie auf hartem Untergrund spielen (siehe Handball). Dazu sind selbst Fußball der 2ten deutschen Liga oftmals besser bezahlt, als Profis der ersten Liga im Basketball, Handball oder Eishockey. Diese Ellebogen Geschichte ist natürlich unnötig aber wie wollen Sie das bestrafen, wenn eine Absicht nicht erkennbar ist? Ich finde die Häufung der Verletzungen natürlich auch nicht besonders toll aber das kann man getrost unter Berufsrisiko verpacken. Ich finde sogar das was teilweise in England passiert, wesentlich schlimmer. Dort geht es im Fuß- und Beinbereich oftmals härter zu und wenn sich ein Fußball das Wadenbein bricht, sind die Folgen oftmals drastischer als wenn man eine gebrochene Nase hat. Oliver Roggisch spielt die Handball EM mit gebrochener Nase und das ohne jeglichen Schutz. Sollte im Fußball nicht die Regel sein aber hier sieht man: es geht auch so.
4. Fußball ist kein Wattepusten!
ZiehblankButzemann 24.01.2012
Wem Fußball zu hart ist der soll lieber Taschen-Billard oder Hallen-Halma spielen. Natürlich sollten bei Fouls die Verletzungen nach sich ziehen, die Täter ruhig mal länger gesperrt werden, damit diese die Zwangspause zum nachdenken oder in Form einens Sozialdienstes nutzen können. Aber im Fußball wie in anderen (Kampf)-Sportarten ist es nunmal so, dass im Eifer des Gefechts und der Emotionen leider manchmal auch Grenzen (absichtlich) überschritten werden.
5.
Pega123 24.01.2012
Zitat von sysopErst traf es Neven Subotic, jetzt Sebastian Prödl: In der Fußball-Bundesliga häufen sich schwere Gesichtsverletzungen, oft nach brutalen Fouls. Den Opfern werden*Nase,*Oberkiefer oder*Jochbein gebrochen, sie fallen wochenlang aus. Doch die Täter werden selten bestraft. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,810869,00.html
Fouls haben wir immer schon gesehen. Was aus meiner Sicht mehr geworden ist, ist die allgemeine Unsportlichkeit im Fussball. Ich sag nur Rudelbildung, kleine versteckte Tritte auf den Fuß oder gerne auch mal den Ellenbogencheck.... das muss doch nicht sein. Ich bin der Meinung, dass beim Thema Unsportlichkeit tatsächlich zu geringe Strafen ausgesprochen werden. Man spricht immer von der Vorbildfunktion des Fußballs in der Gesellschaft (z.B. beim Thema Rassismus)... hier wird der Fußball dieser Funktion nun wirklich nicht gerecht!
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