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Brutaler Polizeieinsatz nach Fußballspiel: Zeugen unerwünscht

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Es ist ein erschreckendes Video: Bei einem unterklassigen Fußballspiel filmt ein anscheinend unbeteiligter Fan einen Polizeieinsatz, der zunehmend außer Kontrolle gerät - und wird selbst von Beamten attackiert. Der Vorfall dürfte ein juristisches und parlamentarisches Nachspiel haben.

BSG Chemie Leipzig

Die BSG Chemie Leipzig war einst ein großer Verein: 1951 und 1964 gewann der Club die DDR-Meisterschaft. Nach diversen Namensänderungen, Insolvenzen und einer Neugründung spielt die BSG mittlerweile in der Bezirksliga Nord, verfügt aber nach wie vor über eine stattliche Anzahl an Anhängern. So reisten 500 Chemiker mit zum Spitzenspiel nach Zwenkau, darunter auch die Ultras, die bei der Polizei nicht den besten Ruf haben - und zum Teil als gewaltbereit gelten.

Etwa 20 Chemie-Fans sollen nach Angaben der Polizei vor der Partie Alkohol und andere Waren im Wert von 500 Euro aus einem Supermarkt im Ortszentrum von Zwenkau gestohlen haben. Die Täter seien ultratypisch gekleidet gewesen, vornehmlich in schwarz, hätten den Laden "überfallartig" betreten und die Angestellten bedroht. Daher wertete die Polizei den Ladendiebstahl kurzerhand als Landfriedensbruch.

Während der Partie wurden zusätzliche Polizeieinheiten mobilisiert, gegen Spielende waren die Sicherheitskräfte mit 75 Beamten im Einsatz, darunter auch Spezialkräfte einer sogenannten Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit. Diese sollte nun nach Abpfiff die Identität der Ladendiebe feststellen. Da der Sportplatz in Zwenkau aber zu allen Seiten offen ist, kam es bei diesem Versuch zum Chaos. Offenbar um der Situation Herr zu werden, setzten die Polizisten Pfefferspray und Schlagstöcke ein.

Scharfe Kritik von Verein und Fanprojekt

Keine der polizeilichen Maßnahmen sei mit den vor Ort anwesenden Vereins- und Fanprojektsmitarbeitern abgestimmt gewesen, heißt es von Seiten der BSG Chemie. Bereits kurz nach dem Spiel hatten sowohl der Verein als auch das Fanprojekt deutliche Kritik an dem Polizeieinsatz geübt.

Augenzeugen berichteten SPIEGEL ONLINE von "massiver Polizeigewalt", so seien Fans unter anderem meterweit über den Boden geschleift oder von mehreren Polizisten geschlagen worden. Drei Notarztwagen wurden zum Spielort gerufen, damit Verletzte behandelt werden konnten, einer unter anderem wegen einer herausgesprungenen Kniescheibe. Laut Polizei gab es sechs Verletzte, darunter zwei Beamte.

Nun gibt es zu den Ereignissen ein Internetvideo, das viele Fragen aufwirft, insbesondere im Hinblick auf das brutale Vorgehen gegen einen anscheinend Unbeteiligten. Dieser kommt ins Bild, als eine Gruppe von Fans bereits auf dem Boden fixiert ist. Er stellt sich links auf eine Bank und dokumentiert seinerseits das Geschehen mit seiner Handy-Kamera.

Dann kommt ein behelmter Beamter von vorne und gibt einem weiteren Kollegen einen kurzen Hinweis, bevor er anscheinend unbeteiligt an dem Filmenden vorbeigeht. Als er unmittelbar neben diesem ist, dreht er sich um und reißt den jungen Mann von der Bank auf den Boden, während sein zuvor angesprochener Kollege dazu eilt und dem Mann mit vollem Körpergewicht sein Knie in den Rücken drückt. Das Opfer schreit vor Schmerzen und fragt immer wieder "Was habe ich denn gemacht?". Die Polizisten malträtieren den am Boden Liegenden indes weiter - bis sein Handy gegen eine Wand fliegt.

Zerstörtes Handy diente angeblich der Beweissicherung

SPIEGEL ONLINE hat mit dem Opfer der Polizeiaktion, das anonym bleiben möchte, gesprochen. Der junge Mann gibt an, sich den ganzen Nachmittag von jeder Auseinandersetzung mit der Polizei ferngehalten zu haben, was auch von anderen Augenzeugen bestätigt wird. Er habe früher schon "genug Ärger wegen Fußballgeschichten gehabt" und sei auch wegen entsprechender Vorstrafen an keinen weiteren Vorfällen interessiert. Er habe das Geschehen lediglich dokumentieren wollen.

Der Angriff des Beamten sei für ihn "völlig unerwartet" gekommen. Dass er sein Telefon nicht mehr habe, sei ihm erst während seiner erkennungsdienstlichen Behandlung aufgefallen. Zunächst hätten die Beamten die Frage verneint, sein Handy zu haben, später habe man ihm das kaputte Telefon gezeigt, dessen Display "völlig zerstört" sei - und ihn gefragt, ob es sich dabei um sein Telefon handle.

Dann habe man ihm erklärt, dass man dieses zu "Beweissicherung" beschlagnahme. Als er darauf hinwies, dass sein Arbeitgeber ihn über diese Handy-Nummer erreichen können müsse, habe man ihm nach längeren Verhandlungen schließlich die Sim-Karte ausgehändigt. Er habe zahlreiche Prellungen und Schürfwunden davon getragen. Sein kaputtes Telefon hat er bis heute nicht wieder, dafür eine Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Wegen des Ladendiebstahls beziehungsweise Landfriedensbruchs wird bislang offenbar nicht gegen ihn ermittelt.

Besonders verstörend wirkt nicht nur die Brutalität der Polizisten gegen einen anscheinend unbeteiligten Zeugen, der nur filmt: Auch das Zerstören des Telefons passt in keiner Weise in die Darstellung, man habe Beweismittel sichern wollen. An anderen Stellen des Videos ist von Seiten der Beamten der Ruf "Kamera weg!" zu hören, was den Verdacht nährt, dass die Polizei an einer Dokumentation des Geschehens nicht übermäßig interessiert war.

Anwalt: Polizei kann Filmen ihrer Arbeit nicht verhindern

Doch wie ist die rechtliche Lage in solch unübersichtlichen Situationen? Der renommierte Strafverteidiger und Betreiber des "Law-Blogs", Udo Vetter, bewertet das Vorgehen der Beamten äußerst kritisch: "Es gibt keinen Anspruch der Polizei, bei ihrer Arbeit nicht gefilmt zu werden. Ein Polizeieinsatz im öffentlichen Raum ist eine öffentliche Veranstaltung. Das Bundesverwaltungsgericht hat in diesem Zusammenhang eindeutig festgestellt, dass Polizisten bei der Ausübung ihrer Tätigkeit keine Privatpersonen sind und an der Information über Polizeieinsätze ein öffentliches Interesse besteht."

In einem Rechtsstaat mache nicht die Polizei die Regeln, sondern der Gesetzgeber. Und solange der nicht auf die Idee komme, das Filmen von Polizeibeamten grundsätzlich zu verbieten, fehle der Polizei ganz einfach die Legitimation, juristisch gesprochen, die Eingriffsnorm, um dagegen vorzugehen, so Vetter. "Nur wenn die Beamten direkt bei der Ausübung ihrer Tätigkeit unnötig behindert würden, könnten sie im Sinne einer Gefahrenabwehr einer filmenden Person zum Beispiel einen Platzverweis erteilen. Dafür reicht es aber nicht aus, dass jemand nur am Rand steht und filmt."

Mehrere Augenzeugen bestätigten SPIEGEL ONLINE, dass es die Polizei auch auf andere Fans abgesehen hatte, die das Geschehen filmten. Der Geschäftsführer der BSG Chemie, Henry Aulich, schildert, dass er selbst beobachtete, wie die Polizei jemand am Filmen hinderte. Als er dazu getreten sei, um darauf aufmerksam zu machen, dass auch in Zwenkau Pressefreiheit herrsche, hätten ihm die Beamten einen Platzverweis erteilt.

Parlamentarisches Nachspiel

Die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Die Linke) hat bereits zwei kleine Anfragen zur Aufklärung des Geschehens in Zwenkau gestellt - allerdings vor Bekanntwerden des Videos. Sie sagt: "Dieses erschreckende Video veranlasst mich, nunmehr noch intensiver nachzuhaken. Für mich sind eindeutig Straftaten von Polizeibeamten zu erkennen. Die wiederholte Aufforderung, Kameras auszuschalten, deutet darauf hin, dass sie sich der Rechtswidrigkeit ihres Handelns durchaus bewusst sind."

Die Leipziger Polizei wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE keine Stellungnahme zu dem Video abgeben. Pressesprecher Uwe Voigt verwies darauf, dass er dieses "nicht kenne". Sollte darauf fehlerhaftes Verhalten von Polizeibeamten zu erkennen sein, so werde dies gegebenenfalls Gegenstand interner Ermittlungen werden. Diese gebe es aber derzeit noch nicht, daher werde er dies auch nicht kommentieren.

Auch zur Anzahl der Strafanzeigen und zu den konkreten Tatvorwürfen gegen die in Zwenkau zur Identitätsfeststellung vorläufig in Gewahrsam genommenen Personen konnte er keine genauen Angaben machen. Ihm seien Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung, Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und Widerstands gegen die Staatsgewalt bekannt. Wie viele genau, könne er nicht sagen.

Laut Vereinsvertretern hatte die Polizeiführung nach dem Spiel in einem Gespräch massiv Druck ausgeübt und dem Verein mit Konsequenzen gedroht, sollte man sich weiterhin in der Öffentlichkeit negativ zum polizeilichen Vorgehen äußern. Die Abgeordnete Köditz will sich nun umgehend mit Vertretern der BSG Chemie und deren Fans beraten, um gemeinsam über das weitere parlamentarische Vorgehen zu entscheiden. Denkbar seien Dienstaufsichtsbeschwerden oder ein Antrag im Innenausschuss.

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insgesamt 148 Beiträge
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1. Alter Falter
kein_gut_mensch 25.10.2013
Zitat von sysopBSG Chemie LeipzigEs ist ein erschreckendes Video: Bei einem unterklassigen Fußballspiel filmt ein anscheinend unbeteiligter Fan einen Polizei-Einsatz, der zunehmend außer Kontrolle gerät - und wird selbst von Beamten attackiert. Der Vorfall dürfte ein juristisches und parlamentarisches Nachspiel haben. Brutaler Polizei-Einsatz nach Fußballspiel der BSG Chemie Leipzig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/brutaler-polizei-einsatz-nach-fussballspiel-der-bsg-chemie-leipzig-a-929991.html)
Also selbst wenn man nicht alles weiß was da vorgefallen ist aber das geht ja mal gar nicht. Wo leben wir mittlerweile eigentlich ... diese Bilder unterscheiden sich ja fast gar nicht mehr von dem Vorgehen von Behörden in diktatorischen Ländern.
2. Wer...
jdm11000 25.10.2013
.... kontrolliert denn unsere Kontrolleure? Eben - niemand! Und dann kommt dabei genau so was heraus! Die Linken und die Rechten werden sowas ganz schnell rechtfertigen. Auch nichts Neues mehr. Ich fordere schon sehr lange, daß Beamte mit ihrem Privatvermögen für solches Fehlverhalten haften und nicht der Staat dieses Verhalten auch noch "deckt". Den Vorfall an sich: diese Beamten sind sofort zu entlassen!
3. Schlägertruppe
purple 25.10.2013
Die Polizei verteidigt zunehmend nicht mehr den Rechtsstaat sondern definiert sich ihr eigenes Recht . Wir leben in einem zunehmend totalitären Staat. wehrt euch solange es noch geht - oder ist es schon zu spät?
4.
teekesselchen 25.10.2013
Zitat von sysopBSG Chemie LeipzigEs ist ein erschreckendes Video: Bei einem unterklassigen Fußballspiel filmt ein anscheinend unbeteiligter Fan einen Polizei-Einsatz, der zunehmend außer Kontrolle gerät - und wird selbst von Beamten attackiert. Der Vorfall dürfte ein juristisches und parlamentarisches Nachspiel haben. Brutaler Polizei-Einsatz nach Fußballspiel der BSG Chemie Leipzig - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/brutaler-polizei-einsatz-nach-fussballspiel-der-bsg-chemie-leipzig-a-929991.html)
nun, das wird wie üblich ausgehen: Die Polizisten sind aufgrund ihrer Vermummung mit Helm, Visier und Westen wie üblich nicht zu erkennen und können nicht ermittelt werden. Daher wird die Ermittlung gegen sie eingestellt. Die Fans kriegen dagegen Anzeigen wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Sonstiges und werden natürlich verurteilt. Weil Polizisten vor Gericht immer geglaubt wird, die können ja nicht lügen. Um die Polizisten die übermäßige Gewalt ausüben oder legales Filmen von Polizeieinsätzen verhindern, identifizieren zu können, bräuchte es nur 1 gut Sichtbare Identifikationsnummer auf dem Anzug des jeweiligen Polizisten. Damit könnte man diese dann im nachhinein dann ermitteln. Aber unsere Innenminister und die Polizeigewerkschaften werden dass auch weiterhin zu verhindern wissen! Da geht es schließlich um den Schutz der Beamten.
5. Dein Freund und Helfer,
jayram 25.10.2013
Das ist nicht mal mehr zum Lachen wenn man diese Aufnahmen sieht. Diese Polizisten müßten sofort aus dem Dienst entlassen werden und alle Ansprüche auf jegliche Altersversorgung verlieren. Das war ein heimtückischer Überfall. Der Mann war friedlich und auch nicht schwarz gekleidet wie die Ultras die wegen des Diebstahls von Alkoholika gesucht wurden. Das ist staatliche Willkür wie im 3. Reich oder der DDR, aber nicht der BRD würdig.
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