Buch über WM 1974 Sex, drugs and Johan Cruyff

Die deutschen Fußballer haben mit ihrem WM-Triumph 1974 in den Niederlanden für ein kollektives Trauma gesorgt. Die Holländer suchten Trost in einem Mythos von Unrecht und einem gestohlenen Sieg. Der Historiker Auke Kok kommt zu einem anderen Ergebnis. Das Oranje-Team verspielte den Titel durch mangelnde Disziplin.

Von Rutger van der Hoeven


Monarchen-Duell: "König" Johan Cruyff (l.) und "Kaiser" Franz Beckenbauer
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Monarchen-Duell: "König" Johan Cruyff (l.) und "Kaiser" Franz Beckenbauer

"Noch keine Wettkampfbesprechung gehabt. Das wird morgen schon noch kommen", notierte der niederländische Torwart Jan Jongbloed in seinem Tagebuch. Doch am folgenden Sonntag, es war der 7. Juli 1974, der Tag des großen Finales im Münchner Olympiastadion, fiel die Mannschaftssitzung auch nicht sehr umfangreich aus. Was hätte Bondscoach Rinus Michels auch sagen können? Niemand aus dem holländischen Tross hatte das letzte Spiel der Deutschen, den 1:0-Sieg bei der Wasserschlacht gegen Polen, von der Tribüne aus beobachtet. Der niederländische Assistenztrainer, der dafür eingeteilt war, saß bereits zu Hause. Man hatte ihn heimgeschickt, nachdem er völlig besoffen eine Flasche Champagner aus dem Hotelfenster geworfen und damit fast Spieler getroffen hatte.

Die Episode ist typisch für den Auftritt des Oranje-Teams bei der WM 1974 in Deutschland. So hat es jedenfalls der holländische Historiker und Journalist Auke Kok, 47, recherchiert. Holland scheiterte, wenngleich spielerisch der Konkurrenz überlegen, nicht aufgrund falscher Schiedsrichterentscheidungen, sondern an sich selbst. Die Mannschaft verspielte den WM-Titel aus Mangel an Disziplin und Schlaf, wegen Selbstüberschätzung, einer Menge Alkohol und dem Irrglauben, einen Krieg zu rächen.

Während des gesamten Turniers scherten sich viele der Stars aus Barcelona, Amsterdam, Rotterdam oder Eindhoven nicht um sportliche Askese. Sie feierten oft, vor allem ihr Starspieler Johan Cruyff. Er rauchte während des Turniers ein Päckchen pro Tag, und steckte selbst in der Halbzeit eine Zigarette an. Der Kapitän bekam auch größte Eheprobleme nach einer "Bild"-Reportage über nackte Frauen im holländischen Lager, war nervös und hielt seinen Zimmergenossen Johan Neeskens in der Nacht wach, weil er schlecht schlafen konnte - und rauchend im Zimmer auf und ab lief. Zum Finale erschien Cruyff leichenblass.

Trotz ihrer Eskapaden waren die Niederlande während des ganzen Turniers fußballerisch erstklassig. Sie bildeten die beste Mannschaft, darüber waren sich alle einig. Weil sie sich für unschlagbar hielten, nahmen sie es jedoch mit der Ordnung nicht mehr so genau. Das, so schildert Kok in seinem jüngst erschienenen Buch "1974, wij waren de besten" ("1974, wir waren die Besten"), betraf sogar Trainer Michels, der zwischen den Spielen einige Male nach Spanien jettete, um Angelegenheiten bei seinem Verein FC Barcelona zu regeln.

Deutscher Triumph: Beckenbauer (l.) mit der WM-Trophäe
AP

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"Die niederländischen Spieler waren sich absolut nicht über die historische Mission bewusst, auf der sie sich befanden", urteilt Kok gegenüber SPIEGEL ONLINE. Oder genauer: Sie hatten die falsche Mission - nicht das Gewinnen der WM-Trophäe, sondern Rache für den Zweiten Weltkrieg. "Michels redete immer über den Krieg und tat so, als hetze die deutsche Presse gegen die holländische Mannschaft - das Gegenteil war der Fall", so Kok. So verwunderte es nicht, dass die niederländischen Spieler im Finale übermotiviert auftraten. "Nach dem ersten Tor - schon nach zwei Minuten - hielten die Spieler ihre Linie nicht durch. Sie wollten nicht alltäglich siegen, sie wollten die Deutschen erniedrigen im eigenen Haus."

Kok stellt die These auf, dass die junge Generation ihre Eltern zu übertreffen versuchte - ihre Eltern, die von den Deutschen besiegt worden waren und sich in den Kriegsjahren nicht besonders heldenhaft benommen hatten. Als die Niederländer im Münchner WM-Finale von einer schlechteren, aber motivierten und kampfeslustigen deutschen Mannschaft bezwungen wurden, war der Kater enorm. "Der Verlust hat eine Wunde geschlagen für eine ganze Generation", sagt Kok.

Dynamisches Duo: Bundestrainer Schön (l.) und Siegtorschütze Gerd Müller
DPA

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Das verlorene Finale bestärkte die Niederländer in ihrer Haltung gegen das verhasste Deutschland. Den Höhepunkt erreichte diese Aversion beim holländischen Sieg gegen die DFB-Elf im Halbfinale der Europameisterschaft 1988. Neun Millionen Niederländer - bei einer Bevölkerung von 15 Millionen - gingen spontan auf die Straße und feierten. "Endlich Rache", titelte "De Telegraaf", die größte holländische Zeitung. Verteidiger Ronald Koeman wischte sein Gesäß mit dem Trikot Olaf Thons ab, und die meisten Holländer fanden das fabelhaft.

"Dieses Buch korrigiert das existierende Bild", so Kok. "Es ist das erste niederländische Buch, das deutsche Spieler als Menschen beschreibt und auf die eigenen Fehler aufmerksam macht. Und damit hilft es den Leuten, den Verlust zu akzeptieren." Ein Fußballbuch als Therapie für eine ganze Nation? "Ja, ein bisschen", sagt Kok.

Deutschland - Niederlande 2:1 (2:1)
0:1 Neeskens (2., Foulelfmeter)
1:1 Breitner (25., Foulelfmeter)
2:1 Müller (43.)
Deutschland: Maier - Vogts, Schwarzenbeck, Beckenbauer - Breitner, Bonhof, U. Hoeneß, Overath - Grabowski, G. Müller, Hölzenbein
Niederlande: Jongbloed - Suurbier, Rijsbergen (69. de Jong), Haan - Krol, Jansen, van Hanegem, Neeskens - Rep, Cruyff, Rensenbrink (46. R. van de Kerkhof)
Schiedsrichter: Taylor (England)
Zuschauer: 77.833 (ausverkauft)



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