Kölns Erfolg gegen Gladbach Der Traum vom Wunder lebt

Schiedsrichterglück, neuer Sturmheld, Last-Minute-Sieg: Köln schafft den Derby-Sieg gegen Gladbach - und verkürzt den Abstand auf einen Nichtabstiegsplatz. Nun wartet der HSV.

Tim Handwerker (l.) und Jonas Hector (r.)
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Tim Handwerker (l.) und Jonas Hector (r.)


Stefan Ruthebeck blieb ganz ruhig, als sich der Fußballwahnsinn in einem Schrei der Ekstase entlud. Auf der Suche nach irgendeinem Ventil für den unerwarteten Glücksrausch sprangen die Menschen wild herum, der Held Simon Terodde lag unter einem immer weiter wachsenden Menschenberg. Der Angreifer hatte in der fünften Minute der Nachspielzeit des Derbys gegen Borussia Mönchengladbach zum 2:1 getroffen und den zweifellos größten Moment der bisherigen Kölner Saison geschaffen.

Dieser Nachmittag hatte dem Verein den zweifellos schönsten Sieg der bisherigen Saison beschert, doch die Freude war getrübt vom Eindruck, "dass die Mannschaft eigentlich viel mehr Punkte haben müsste, wenn sie so agiert und so viel Mumm hat", wie Ruthenbeck nach Spielschluss sagte.

Der Mann, der in der Winterpause vom Interimscoach aus der hauseigenen U23 zum Cheftrainer befördert worden war, ist scheinbar ein Mensch, der sich nicht vom Taumel seines Umfeldes mitreißen lässt, und das ist in diesem Moment der Saison vielleicht sogar ganz gut. Denn natürlich blühen nach dem Überschwang dieses Sieges gegen den Erzrivalen wilde Fantasien vom vielleicht größten Wunder, das es im Bundesligaabstiegskampf jemals gegeben hat. "Wenn der Funken der Hoffnung jetzt nicht zündet, dann weiß ich auch nicht", sagte Torhüter Timo Horn.

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Sieg im Rheinderby: Köln feiert Winterzugang Terodde

Sechs Punkte hatten die Kölner in der Hinrunde gesammelt, noch nie ist ein zur Saisonhalbzeit derart schlechtes Team in der Liga geblieben, doch plötzlich sieht die Tabelle gar nicht mehr so furchtbar aus. Der Sieben-Punkte-Abstand auf den Relegationsplatz ist zwar immer noch enorm, aber zuletzt haben sie diesen Rückstand innerhalb von zwei Partien um fünf Zähler verkürzt. Das verführt einerseits zum Träumen und legt andererseits die Erkenntnis nahe, dass ein bisschen ruthenbeck'sche Nüchternheit nützlich sein kann.

Wobei die Zeit der beispiellosen Aneinanderreihung von Unglücksfällen tatsächlich beendet zu sein scheint. Ein paar lange verletzte Spieler sind zurück, besonders die Klarheit von Nationalspieler Jonas Hector tat der Mannschaft gut. Außerdem hatten die Kölner endlich mal Glück mit der Videotechnik, als ein rüdes Foul von Jorge Meré an Gladbachcs Jonas Hofmann im Strafraum trotz persönlicher Bildschirmüberprüfung von Schiedsrichter Felix Zwayer ungeahndet blieb. Und die spektakuläre Pechsträhne auf dem Transfermarkt scheint nach dem Siegtreffer von Terodde auch ein Ende zu nehmen.

Nun geht es im Abstiegsendspiel gegen den HSV

Er könne "jetzt schon sagen", dass der erste Spielerkauf des neuen Sportdirektors Armin Veh "ein Volltreffer" ist, sagte Ruthenbeck. Der Zugang vom VfB Stuttgart habe "in der Arbeit gegen den Ball nie aufgegeben, Freistöße rausgeholt, nachgesetzt, getackelt und auch Ansagen in der Kabine gemacht", schwärmte Ruthenbeck. Und das Tor zum 2:1 war keinesfalls ein Allerweltstreffer. Der neuen Nummer Neun war ein kunstvoller Kopfball gelungen, damit hatte er ein ziemlich beeindruckendes Argument gegen die vor allem in Stuttgart weit verbreitete These präsentiert, dass er im Kern seines Wesens ein Zweitligaspieler sei.

Und um das Glück dieser Woche zu vollenden, haben die Spielplangestalter genau für diesen Moment eine Partie beim Hamburger SV vorgesehen, bei dem Krisenklub vom vorletzten Tabellenplatz, dem sie jetzt gehörig Angst einjagen können. "Es wird spannend, wie die reagieren", sagte Ruthenbeck und Torhüter Horn ergänzte: "Wenn wir da punkten, haben wir die Chance auf drei Zähler heranzukommen und da glauben wir dran."

In jedem Fall sind die Kölner nicht mehr die psychisch labile Gruppe von Zweiflern und Haderern aus der Hinserie, die nach Rückschlägen jede Freude und jedes Selbstvertrauen verliert. "Was die Mannschaft heute an Leidenschaft und Mentalität raus gehauen hat, das war schon sensationell", fand Ruthenbeck, und wenn nun auch der letzte von Sportdirektor Veh angekündigte Transfer gelingt, ist das Feld bestellt für das Fußballwunder, von dem die Stadt nun zumindest für ein paar Tage träumen darf.



insgesamt 5 Beiträge
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neutralfanw 15.01.2018
1.
Träumen? Ja, wenn es nicht in dem Verhalten endet, so wie BMG zu spielen. Die gewinnen Spiele und wenn sie den entscheidenden Sprung nach oben machen können, fehlt die nötige Einstellung und Taktik.
Hasenvogel 15.01.2018
2. 35 Punkte
Nun mal langsam, normalerweise braucht man 35 Punkte für den Klassenerhalt, eher mehr. Das sind noch 9 Siege. Wo sollen die herkommen?
Markus Frei 15.01.2018
3. Psyche
Das nächste Spiel in Hamburg dürfte für den FC das wohl wichtigste der Saison werden. Es ist ja nicht so das die Spieler des FC auf einmal verlernt hätten Fussball zu spielen, von der Qualität her sollte das für einen sicheren Platz im Mittelfeld reichen. Man ist nur völlig verunsichert. Gegen die Borussia hat man mehr als glücklich gewonnen, es war ein grausamer Kick, trotzdem 3 Punkte, das ist psychologisch enorm wichtig für den FC. Schafft man es nun in Hamburg auch zu punkten, vielleicht auch mit Ansätzen von richtigem Fussball ist die Chance den Abstieg zu vermeiden sehr groß, verliert man hier wieder dürfte es das gewesen sein, dann ist man wieder im gleichen Jammertal wie vorher.
mbak19 15.01.2018
4. @Hasenvogel
Wichtig ist es, gegen direkte Konkurrenten zu gewinnen. So, wie momentan die Mannen aus Hamburg auftreten, kann man mindestens einen immens wichtigen Dreier schon mal fest einplanen. ;)
doppeldusch 15.01.2018
5. Hinweis an die Redaktion ...
... Stefan Ruthebeck war bis Dezember nicht Trainer der U23, sondern der U19 des 1.FC Köln.
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