Kölner Starstürmer Modeste Verbalslalom im Glorifizierungsdschungel

Anthony Modeste ist der Superheld der Fußballstadt Köln, die sich eigentlich verbittet, einzelne Spieler zu vergöttern. Im Fall des Stürmers, der drei Tore gegen Hertha BSC erzielte, wird das immer schwieriger.


Es gehört einiger Mut dazu, dem Kölner Manager Jörg Schmadtke eine Frage zu seinem Stürmer Anthony Modeste zu stellen. Als das nach dem 4:2-Sieg des FC gegen Hertha BSC in kleiner Runde im Presseraum jemand wagte, wich schlagartig jede Freude aus Schmadtkes Gesicht. Hier standen nur noch Reporter, die den 1. FC Köln permanent begleiten, Experten, die genau wissen, wie allergisch die Verantwortlichen reagieren, wenn der Personenkult um einen einzelnen Spieler alles andere zu überstrahlen droht.

Also sagte der Kölner Manager im Tonfall eines vernichtenden Urteils: "Tony hat heute fünfmal aufs Tor geschossen, aber nur drei Tore gemacht, das ist ja nur eine Quote von 60 Prozent."

Schmadtke ist ein Meister der Ironie, die Kritik in seinen Worten richtete sich natürlich nicht gegen Modeste, sondern gegen die Reporter. Modeste waren seine Saisontore 20, 21 und 22 gelungen, damit hat er öfter getroffen als Bayern Münchens Robert Lewandowski und Kölns bislang schwierigste Phase der Saison beendet. Der Boulevard amüsierte sich darüber, dass dem 28-Jährigen eins der drei Tore mit heruntergerutschter Hose und entblößter Unterwäsche gelungen war, und die Fans sangen: "Europapokal, Europapokal." Modeste hatte die Feierlaune zurückgebracht.

Stöger, Schmadtke, Modeste: Alle im Sommer weg?

In den vergangenen Wochen war die Stimmung rund um den FC hingegen so argwöhnisch gewesen wie seit Jahren nicht. Ohne konkrete Fakten war spekuliert worden, dass Trainer Peter Stöger den Klub im Sommer verlassen werde, selbst über einen Wechsel Schmadtkes zum Erzrivalen Borussia Mönchengladbach hatten Zeitungen sinniert, und ein möglicher Verkauf von Modeste ist ohnehin Dauerthema.

"Es war einfach wichtig, die Serie von fünf sieglosen Spielen zu durchbrechen", sagte Stöger, der nach diesem Erfolg mit einer gut gelaunten Länderspielpause rechnen darf. Jedenfalls wenn der Modeste-Wahnsinn unter Kontrolle bleibt, den Schmadkte und Stöger auch an diesem Tag unbedingt im Rahmen halten wollten.

Immer noch ist das Umfeld des FC traumatisiert vom Hype, der hier einst rund um den Ex-Trainer Christoph Daum, den Ex-Prinzen Lukas Podolski und den Ex-Präsidenten Wolfgang Overath betrieben wurde. Schmadtke hob daher "die starke Mannschaftsleitung" hervor, während Stöger erklärte, Modeste sei "ein Spieler wie jeder andere, der seine Aufgabe erfüllt" und darauf hinwies, dass "der Tony sehr von dieser Truppe profitiert".

Stöger: "so gut wie Philipp Hosiner"

Als jemand den Trainer fragte, ob er jemals mit solch einem brillanten Stürmer zusammengearbeitet habe, erwiderte Stöger angriffslustig: "Ja!" und nannte Philipp Hosiner. "Der hat in Österreich bei mir über 30 Tore geschossen, und da sind die Tore genauso groß."

Aber zum Glück waren die inneren Widerstände gegen Modeste-Schwärmereien nicht bei allen Kölnern so ausgeprägt. So beschrieb der starke Timo Horn, wie schwer es sei, den Franzosen zu stoppen. "Man kann bei ihm nicht auf eine typische Aktion spekulieren, weil er sehr variabel im Abschluss ist", schilderte der Torhüter eine wichtige Stärke des Kollegen.

Und Matthias Lehmann erklärte, dass die bisherige Saisonleistung Modestes höher einzuschätzen sei als die Taten von Lewandowski und Pierre-Emerick Aubameyang. "Tony muss sich das alles erst erarbeiten, die anderen beiden bekommen ihre Tore auf dem Silbertablett serviert", sagte der Kölner Kapitän.

Nur Didier Deschamps bleibt hart

Nur Didier Deschamps scheint das etwas anders zu sehen. Jedenfalls hat der französische Nationaltrainer sich dagegen entschieden, Modeste zu den anstehenden Länderspielen der Équipe Tricolore einzuladen. Diese Ignoranz lockte sogar Schmadtke aus der Reserve. "Wenn einer in der stärksten Liga der Welt für eine Mannschaft, die zum oberem Mittelmaß gehört, 22 Tore schießt, dann verwundert das schon", sagte der Manager und meinte mit dem Superlativ offenbar die Bundesliga.

Als Modeste selbst auf die Nichtberücksichtigung angesprochen wurde, erwiderte er etwas kryptisch: "Für mich ist wichtig, dass ich auf dem Platz zeigen kann, wie froh ich bin", aber für die Kölner könnte es noch ein Ärgernis werden, dass Deschamps Modeste nicht besonders interessant zu finden scheint. Denn dieser Umstand könnte die Wechselwünsche des Stars forcieren.

Sollte sich bei Modeste der Eindruck verfestigen, dass er bei einem anderen Klub größere Chancen auf eine Teilnahme an der WM im kommenden Sommer hat, wäre das ein starkes Wechselmotiv. Wobei Schmadtke am Ende noch mal explizit darauf hinwies, dass der Vertrag des Kölner Helden noch bis 2021 läuft, "wir haben das in der Hand", sagte der Manager.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Zündkerze 19.03.2017
1. FC Modeste
ohne Modest wäre der FC in oder nahe den Abstiegsplätzen. Der Tabellenplatz trügt, Herr Stöger schafft es nicht die Mannschaft weiter zu entwickeln. Sollte der FC am Ende tatsächlich auf einen der Plätze 7 oder 6 landen (besser gesagt, wenn Modeste nicht ausfällt), dann wäre es an der Zeit die nächsten Ziele ins Auge zu fassen. Jedes Jahr immer nur auf ein Platz im Mittelfeld zu schielen führt langfristig wieder zum Abstieg.
aurichter 19.03.2017
2. Der Hinweis
auf einen Wechsel, um die Chancen der NM Nominierung zu erhöhen, sind mit Bezug auf den Ort wohl überflüssig. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Spieler aus der Chinesischen Liga mehr Chancen hat berufen zu werden. Andere Offerten sind bislang nicht genannt worden, also.....denke ich, das Modeste wechselt, weil der Verdienst um ein Vielfaches höher ausfällt und der FC eine enorme Ablöse einstreichen, denn so Mal eben um die 60 Mio Euro auszuschlagen wird Ein Schmadtke auch nicht wagen. Sorry, aber der Spieler ist im Grunde schon weg.
alaba27 19.03.2017
3. Modeste wird wechseln
Im Sommer ist er weg. Und die Ablösesumme wird gigantisch sein. Es stellt sich nur die Frage, was Köln mit dem Berg Kohle macht, denn: Geld schießt keine Tore. Und so viel Geld weckt Begehrlichkeiten - beim vorhandenen Personal und bei evtl. Neuzugängen. Wenn Schmadtke das meistert und sie einigermaßen erfolgreich die nächste Saison (national wie international) spielen, dann ist er ein Großer. Aber ich tippe auf den Niedergang in 2017/2018, lasse mich aber sehr gerne eines Besseren belehren. Es gibt unsympathischere Vereine als den FC Kölle. Und Stöger ist auch ein cooler Typ.
raihower 19.03.2017
4. Ein schwacher Scherz
"Und Matthias Lehmann erklärte, dass die bisherige Saisonleistung Modestes höher einzuschätzen sei als die Taten von Lewandowski und Pierre-Emerick Aubameyang. "Tony muss sich das alles erst erarbeiten, die anderen beiden bekommen ihre Tore auf dem Silbertablett serviert", sagte der Kölner Kapitän." Wie war das denn heute? Zwei seiner drei Tore bekam er mustergültig aufgelegt. Er musste nur noch schauen, dass er nicht stolpert und nicht den TW anschießt. Was musste er da aber auch sich selbst erarbeiten. Wow. ;-)
dondon 19.03.2017
5. Horn
Klar, drei Tore, Super! Der bessere Spieler war allerdings Timo Horn, der zum einen wahnsinnig schwere, teils unhaltbare, Bälle gehalten hat und zum anderen nach langer Verletzungspause damit bewiesen hat, dass er wieder 100% da ist. Das wäre sicher auch einige Worte, vielleicht sogar eine Überschrift, wert gewesen.
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