Hoffenheim-Torhüter Liebe für Wiese

23 Gegentore in nur sieben Spielen - das Engagement von Torhüter Tim Wiese bei Hoffenheim wurde bereits als großes Missverständnis gehandelt. Doch mit einer Klasseleistung sicherte er seinem Team nun den dritten Saisonsieg gegen Schalke. Fans, Trainer und sogar Gegner waren voll des Lobes.

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Hamburg - Eigentlich hätte Tim Wiese wütend sein müssen. Gegen Schalke 04 kassierte er immerhin die Gegentore Nummer 22 und 23. Und das in seinem erst siebten Spiel für 1899 Hoffenheim. Doch Wiese, immerhin ehemaliger Nationaltorhüter, war ganz und gar nicht sauer, im Gegenteil: "In meiner Karriere habe ich viele tolle Tage im Tor gehabt, aber jetzt erstmals in Hoffenheim", sagte er.

Grund für diese überraschende Freude war das Endresultat, das auf der Anzeigetafel im Hoffenheimer Stadion stand. 3:2 (1:1) siegte Wieses Club gegen die in dieser Saison bislang starken Schalker, die auch gegen Hoffenheim eine gute Leistung zeigten. Doch immer wieder scheiterten sie - vor allem an Wiese.

Der Torwart machte das, wofür ihn Trainer Markus Babbel vor der Saison aus Bremen geholt hatte: Er hielt Bälle. Und zwar reihenweise. Immer wieder brachte er die Schalker Offensivabteilung mit seinen Paraden zur Verzweiflung. Erst holte er einen Volleyschuss von Jermaine Jones aus dem Eck (42.), dann rettete er gegen den nachsetzenden Jefferson Farfan. Auch gegen den frei vor ihm auftauchenden Ibrahim Afellay parierte Wiese (45.). Und in der 51. Minute unterstrich er mit zwei Glanzparaden gegen Farfan und Afellay erneut sein Können.

"Wir hatten heute einen überragenden Torwart."

So eine Leistung beeindruckte sogar die Konkurrenz: "Wenn man in der zweiten Hälfte solche Chancen nicht verwertet, dann kann man ein Spiel auch verlieren. Das haben wir getan", musste Schalke-Trainer Huub Stevens nach dem Spiel konsterniert feststellen. Auch aus dem eigenen Lager gab es viel Liebe für den gebeutelten Wiese. Babbel, der den eigentlich als Einzelgänger bekannten Torhüter vor der Saison überraschend zum Kapitän gemacht hatte, lobte: "Wir hatten heute einen überragenden Torwart."

Wiese dürfte diese Aussagen mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben, denn bislang war sein Engagement bei Hoffenheim alles andere als angenehm, es schien sogar fast als großes Missverständnis. Neben den 23 Gegentoren in sieben Spielen, darunter die bittere 0:4-Pokalpleite gegen den Regionalligisten Berliner AK, war es vor allem auch Wieses Leistung, die im Mittelpunkt der Kritik stand.

Bei der 3:5-Niederlage gegen Freiburg segelte der Torwart mehrmals unter Hereingaben hindurch, verursachte dadurch zwei Treffer. "Solche Gegentore dürfen in der ersten Liga nicht passieren", sagte Verteidiger Matthieu Delpierre daraufhin. Auch von seinem alten Verein gab es in dieser Phase wenig aufmunternde Worte, Werder-Manager Klaus Allofs bemängelte ohne Not Wieses Spieleröffnung.

Wiese fehlt, Hoffenheim siegt

Als Wiese dann wegen eines Muskelfaserrisses im Adduktorenbereich verletzt ausfiel, musste er mit ansehen, wie sein Ersatzmann Koen Casteels prompt die ersten beiden Saisonsiege mit Hoffenheim feierte. "Ich bin hier frohen Mutes hergekommen, dann ist am Anfang alles ein bisschen schief gelaufen. Ich war voller Euphorie, und alles lief gegen mich. Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei", sagte Wiese.

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Auch bei den Fans hatte Wiese einen schweren Stand. Viele hatten den Wechsel vor der Saison nicht verstanden, zumal mit Tom Starke ein guter Torhüter zur Verfügung stand, der zudem als Integrationsfigur diente und auch maßgeblich an dem geglückten Klassenerhalt in der vergangenen Saison beteiligt war.

Gegen Schalke konnte sich der neue Hoffenheim-Keeper auf die Anhänger verlassen. "Die Wiese-Rufe der Fans, die es nun zum ersten Mal in Hoffenheim gegeben hat, haben mir gut getan. Ich bin auch nur ein Mensch", sagte der Torwart, der zudem seinen Ruf als Einzelgänger Lügen strafte, als er nach dem 3:2-Siegtor durch Sven Schipplock bis zur Mittellinie sprintete, um mit seinen Teamkollegen zu feiern.

"Tim hat uns heute die drei Punkte festgehalten. Er hat eine überragende Leistung gezeigt, viele Dinger gehalten. Ich denke, bei ihm war die Erleichterung sehr groß, wie im gesamten Team", sagte Kevin Volland, der das 1:0 für Hoffenheim erzielt hatte. Und sogar der im Stadion anwesende Bundestrainer Joachim Löw, der Wiese nach der EM aus dem DFB-Kader verbannt hatte, lobte: "Er hat sehr stark gehalten und sehr viel Sicherheit ausgestrahlt."

Doch so ganz wollte Wiese den Jubelstürmen dann wohl doch nicht trauen, er mahnte zur Geduld. "Ich bin anscheinend angekommen", sagte er etwas zurückhaltend: "Und hoffe, dass der Sieg uns allen einen Schub gibt."

1899 Hoffenheim - Schalke 04 3:2 (1:1)
1:0 Volland (13.)
1:1 Neustädter (37.)
2:1 Firmino (67., Foulelfmeter)
2:2 Uchida (82.)
3:2 Schipplock (90.+1)
Hoffenheim: Wiese - Beck, Vestergaard, Compper, Johnson - Williams, Rudy - Firmino, Usami (62. Grifo) - Joselu, Volland (89. Schipplock)
Schalke: Unnerstall - Uchida, Höwedes, Matip (83. Papadopoulos), Christian Fuchs - Jones (77. Marica), Neustädter - Farfan, Holtby (64. Draxler), Afellay - Huntelaar
Schiedsrichter: Aytekin
Zuschauer: 30.150 (ausverkauft)

insgesamt 7 Beiträge
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marhabal 04.11.2012
1. Qualitätsjournalismus
Den Bericht nenne ich echten Qualitätsjournalismus. Der Autor kennt sich richtig aus, sowohl bei Hoffenheim, als auch bei Werder und in der Nationalelf. Wiese war also nicht im Kader bei der WM. Komisch. Wer war denn dann der gegelte, braungebrannte Typ auf der Bank? Warum dürfen Praktikanten eigentlich immer wieder ausgerechnet im Fußball "Hintergrundberichte" schreiben. Und ja, Sie müssen diesen Beitrag nicht veröffentlichen, denn er ist sarkastisch. Aber warum können Spiegelredaktuere sich nicht wenigstens mal gegenseitig Korrekturlesen? Solche Fehler dürfen nicht sein, denn sie zeigen, dass der Autor auch sonst leider keine Ahnung vom Sujet hat.
KnoKo 04.11.2012
2. Sehe ich anders
Zitat von sysopAP23 Gegentore in nur sieben Spielen - das Engagement von Torhüter Tim Wiese bei Hoffenheim wurde bereits als großes Missverständnis gehandelt. Doch mit einer Klasseleistung sicherte er seinem Team nun den dritten Saisonsieg gegen Schalke. Fans, Trainer und sogar Gegner waren voll des Lobes. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-1899-hoffenheim-feiert-tim-wiese-a-865182.html
Wirklich Spiel entscheidend waren Schalkes miserable Chancenverwertung und nicht zuletzt Aytekins krasse Fehlentscheidungen.
joschitura 04.11.2012
3. Qualitätsjournalismus?
Ja auch wir können uns vor Begeisterung garnicht mehr halten und sind "voll des Lobes": da tut ein bislang als Fliegenfänger berühmt gewordener Torhüter mal endlich das, wofür er (über)bezahlt wird - und gleich wird er vom Spiegel in höchste Sphären gehyped. Meine Güte, der hatte zufällig mal Arme oder Beine in der Gegend, wo der Ball hinflog. Wiese (der ja nun tatsächlich immer mehr wie eine depressive Indianer-Squaw aussieht) ist von Löw zurecht ausgesiebt worden. Fachlich Durchschnitt, charakterlich unter jedem Niveau.
as86 04.11.2012
4.
@ marhabal: die frage müsste vielmehr lauten: "warum dürfen leute, die nicht mal den artikel richtig lesen können, unqualifizierte kommentare abgeben?"
noalk 04.11.2012
5. Stil
"sicherte er seinem Team nun den dritten Saisonsieg gegen Schalke." Hoffenheim hat in dieser Saison schon drei Mal gegen Schalke gespielt? Und jedes Mal gewonnen? "... sicherte er gegen Schalke seinem Team nun den dritten Saisonsieg." Die deutsche Sprache kann so eindeutig sein.
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