Hamburger SV Chaos, Zoff und Mallorca-Reisen

Sportliche Konstanz? Ruhe im Verein? Fehlanzeige. Nach nur zwei Spieltagen herrscht beim Hamburger SV wieder das blanke Chaos. Nicht nur die Abwehr ist eine Katastrophe, sondern auch die Stimmung im gesamten Verein. Jetzt sorgen nicht nur die Mallorca-Reisen zweier Profis für Ärger.

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Von , Hamburg


Der Hamburger SV ist etwas Besonderes. So sehen das die Fans des Vereins, und so sehen das auch die Verantwortlichen. Man befinde sich "von der Strahlkraft her auf einer Stufe mit Bayern, Dortmund und Schalke", sagte Oliver Kreuzer, als er Anfang Juni seinen Dienst als Sportchef antrat. Im Stadion im Volkspark ist eine Uhr angebracht, die zeigt, wie lange der HSV schon in der Bundesliga spielt. Am Samstag springt die Uhr auf 50 Jahre, 0 Tage, 0 Stunden, 0 Minuten und 0 Sekunden - länger als alle anderen Clubs.

Doch den Hamburgern ist trotz dieses historischen Jubiläums derzeit nicht zum Feiern zu Mute. Der Verein hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr in einen Chaos-Club verwandelt, er schafft es einfach nicht, die eigenen Ansprüche zu erfüllen. Und in diesen Tagen gibt er ein besonders erschreckendes Bild ab, dabei ist die Saison erst zwei Spieltage alt.

Das 1:5 am vergangenen Wochenende im eigenen Stadion gegen Hoffenheim hinterließ Ernüchterung nach dem 3:3 auf Schalke. Mit acht Gegentoren hat der HSV bereits die schlechteste Defensive der Bundesliga. Trainer Thorsten Fink sieht die Misere in der Abwehr aber gelassen: Er vertritt die These, dass die Mannschaft kein grundsätzliches Problem in der Verteidigung hat. Für das Spiel am kommenden Samstag bei Hertha BSC (18.30 Uhr, SPIEGEL ONLINE) wird er die Abwehrkette wohl nicht umbauen - und auch auf den übrigen Positionen plant er trotz des jüngsten Debakels keine Änderungen. "Ich schmeiße jetzt nicht alles durcheinander", sagt Fink.

"Zaubern kann ich nicht"

Doch auch der Trainer selbst gibt derzeit keine glückliche Figur ab, er ist leicht reizbar. Bei einem Gespräch mit Journalisten wurde er nach dem Spiel gegen Hoffenheim so laut, dass seine Worte auch am anderen Ende des Pressesaals deutlich hörbar gewesen sein dürften. "Erzähl nicht so einen Mist!", fuhr einen Reporter an, der sich nach der schwachen Defensive erkundigt hatte.

Als Fink gefragt wurde, was er zu verbessern gedenke, reagierte er ebenfalls genervt: "Ich kann das mit meinen Spielern besprechen, trainieren und sie heiß machen. Aber sonst? Zaubern kann ich nicht."

Fink steht unter Druck. Neben seinem Frankfurter Kollegen Armin Veh ist er der einzige Bundesliga-Trainer, dessen Vertrag nach der Saison ausläuft - über eine Verlängerung des Arbeitsverhältnisses soll im Laufe der Hinrunde verhandelt werden. Es geht derzeit also auch um Finks Zukunft. Doch er spürt eine Menge Gegenwind, auch aus dem eigenen Verein. Sportchef Kreuzer und Clubboss Carl-Edgar Jarchow äußerten sich zuletzt distanziert zu Finks Maßnahme, den Spielern nach der Pleite gegen Hoffenheim zwei freie Tage zu gewähren.

Auch die Probleme in der Abwehr benennt Kreuzer klarer als der Trainer: "Wir bekommen zu viele Gegentore", sagt der Sportchef, "wir müssen lernen, dass die Basis des Erfolgs in der Defensive gelegt wird. Da musst du in der Lage sein, auch mal zu null zu spielen." Einig sind sich Fink und Kreuzer, dass der HSV mit der Leistung aus dem Spiel gegen Hoffenheim im Kampf um die Europapokal-Plätze nichts zu suchen hat. Doch der Einzug in die Europa League ist das mit viel Selbstbewusstsein verkündete Ziel der Hamburger.

Ärger wegen Aogos Mallorca-Reise

Neben den großen sportlichen Baustellen gibt es beim HSV viele kleine. So ist Fink sauer auf Verteidiger Dennis Aogo und auf Mittelfeldspieler Tomás Rincón, die die freien Tage nach dem Spiel gegen Hoffenheim für einen Ausflug nach Mallorca genutzt hatten. Gegen Berlin werden beide nicht im Kader sein, das stellte der Verein am Mittwochnachmittag klar, nachdem es einige Verwirrung gegeben hatte, vor allem um Aogo.

"Ich habe mit Dennis gesprochen, er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat und hat sich entschuldigt. Trotzdem müssen wir das sanktionieren. Darum ist er auch nicht im Kader", hatte Kreuzer gesagt. Fink widersprach und stellte sogar eine Aufhebung der Sanktion in Aussicht: "Ich habe nie gesagt, dass er nicht dabei ist." Es steht offenbar nicht zum Besten um die interne Kommunikation beim HSV. Fragwürdig ist die Strafmaßnahme gegen Rincón und Aogo so oder so. Freizeit ist Freizeit - und die beiden Profis beteuern, auf ihrer Reise keine wilden Feste am Ballermann gefeiert zu haben.

Nicht nur mit dem Stammkader hat der HSV Ärger, er streitet auch mit Profis, die er am liebsten bereits los wäre. Spieler wie Gojko Kacar und Paul Scharner sollen den Verein verlassen. Doch Kacars Wechsel kam bisher nicht zustande, obwohl es offenbar interessierte Vereine gab, und die Vertragsauflösung mit Scharner scheiterte, weil das Abfindungsangebot des HSV laut Scharners Berater "eine bodenlose Frechheit" war.

Zum chaotischen Zustand des Hamburger SV passt eine Episode, die sich am Dienstag auf dem Parkplatz vor dem Stadion zutrug. Aufsichtsrat Hans-Ulrich Klüver lieferte sich eine Rangelei mit einem Ordner, weil ihn dieser offenbar nicht erkannt hatte und ihm deshalb den Weg zur Geschäftsstelle versperrte. Dass er den Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes geschlagen habe, bestreitet Klüver energisch.

Ziemlich viel Unruhe dafür, dass doch endlich Konstanz und Frieden einkehren sollten beim HSV. Ob sich am Wochenende jemand ehrlich freuen kann, wenn die große Uhr umspringt, ist mehr als fraglich.

insgesamt 70 Beiträge
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xxbigj 21.08.2013
1. optional
Ahh mein HSV geht den Bach runter! Falsche Personalpolitik! Aber immerhin sind wir nicht wie die Bayern die sich alles durch Betrug ergaunert haben! Ein Uli Hoeneß haben wir Gott sei dank nicht. Deswegen besteht auch noch Hoffnung! Nur der HSV!
CClaassen 21.08.2013
2. Fink ist auch nicht besser
Wieder mal eine peinliche Posse beim HSV: Fink ist ja selbst auch nicht besser als Aogo: http://ausgekontert.de/2013/08/19/hsv-thorsten-fink-familie-munchen-trainingsfrei-sonderurlaub-1-5-hoffenheim-nach-der-heimpleite/ Wenn der Trainer sagt, Aogo hätte überall hinfahren können, aber nicht gerade auf eine Partyinsel, ist das völlig inkonsequent. Genauso, wie nun wieder zu überlegen, Aogo für das Hertha-Spiel doch zu berücksichtigen, weil der Ausfall Jansens droht...
_derhenne 21.08.2013
3.
Heißt "frei" beim HSV nicht "frei"? Meinen Arbeitgeber geht es auch einen Feuchten an, was ich in meiner Freizeit mache. Genau solche Sperenzien sind doch vollkommen kontraproduktiv und zeugen von mangelndem Vertrauen.
stefansaa 21.08.2013
4.
Hab ichs doch geahnt. Während sich in der Vorbereitung alle über Nachrichten zum FCB aufgeregt haben, beherrscht ab dem zweiten Spieltag der HSV die Schlagzeilen als ewig nervige Diva. Weiter so Jungs!
Kalle Bond 21.08.2013
5. Tacheles reden
TF sollte sich mit Aogo mal unter vier Augen unterhalten wg Situation, Tabelle, Fans, ein wenig sensibel sein usw. Das kann 15 min dauern oder auch 30 min. Danach kurzes Statement an die Presse, Spieler geknickt, alles wieder im Lot. HSV, reiß dich zusammen, gegen Hertha müssen 3 Punkte her, alles andere ist jetzt nicht wichtig.
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