Bundesliga-Abstiegskampf Angst essen Kurzpass auf

Sechs Vereine, und damit ein Drittel der Liga, müssen noch bangen - es ist der spannendste Abstiegskampf seit Jahren. Wie die Teams spielen, was Trainerwechsel verändert haben und ob es typischen "Absteigerfußball" gibt. Die große Analyse.

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VfB-Spieler Georg Niedermeier: Mit Stuttgart im Keller
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VfB-Spieler Georg Niedermeier: Mit Stuttgart im Keller


"Die Angst spielt mit", ist ein beliebter Satz von Fußball-Kommentatoren wenn es gilt, das Bemühen von Abstiegskandidaten zu beschreiben. Aber was heißt das? Meist ist das Verkrampfen gemeint, der sichtbare Vertrauensverlust in die eigenen Fähigkeiten, wenn Profis plötzlich grobe Anfängerfehler machen. Aber kann die Angst so etwas sein wie ein zwölfter Mann, der die Mannschaft anzutreiben vermag?

Egal, wie die Partien am Wochenende ausgehen, bis zum letzten Spieltag darf sich auch der Tabellenletzte noch Hoffnungen auf den Klassenerhalt machen. Es ist der spannendste Abstiegskampf der jüngeren Vergangenheit, vielleicht sogar der Bundesligageschichte.

Nur zwei Punkte liegen zwischen Platz 14 und Platz 18, das gab es seit der Einführung der Drei-Punkte-Regel zur Saison 1995/1996 noch nie. Sonst trennten den 14. und das Tabellenschlusslicht immer mindestens sechs Punkte - in den vergangenen drei Spielzeiten waren es sogar nie weniger als elf Punkte.

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Gemeinsam mit dem Sportdatenanbieter Opta haben wir die Spielweisen der Teams im Bundesliga-Abstiegskampf analysiert und sind diesen Fragen nachgegangen: Haben sich die Trainerwechsel ausgewirkt? Spielen die Teams im Tabellenkeller ähnlich? Wer ist seinem Stil treu geblieben?

Hertha BSC

Hinter dem Tabellen-13. Mainz geht die Abstiegszone los, drei Punkte (insgesamt 37) liegen die 05er vor den Berlinern (34). Seit Saisonbeginn steht die Hertha im unteren Tabellendrittel, im Winter wurden die Klubbosse nervös, nach dem 20. Spieltag dann musste Trainer Jos Luhukay gehen, Pal Dardai übernahm. Der Ungar ist, milde formuliert, ein Freund des sicheren Spiels. No Risk, wenig Fun für die Fans.

Erkennen lässt sich das gut an einigen Statistiken, erhoben vom Sportdaten-Anbieter Opta. Schon unter Luhukay überließ Hertha demnach dem Gegner den Aufbau und hatte mit durchschnittlich 42 Prozent den wenigsten Ballbesitz der Liga. Aber selbst diesen Wert sollten die Berliner unter Dardai noch unterbieten: Nur 38 Prozent der Spielzeit befindet sich der Ball bei der Hertha.

Auffällig ist, dass seit dem Trainerwechsel die Zahl der Foulspiele signifikant gesunken ist. Foulte Hertha unter Luhukay noch im Schnitt 18,8-mal pro Spiel, sind es nun nur noch 14,9. Ob diese neue Fairness sich auszahlt? Immerhin kann sich die Hertha mit einem Sieg gegen Frankfurt am Wochenende den Relegationsplatz sichern.

Das Restprogramm von Hertha BSC

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. Eintracht Frankfurt H
34. TSG Hoffenheim A
Prognose: Mindestens Platz 16 sollten die Berliner Maurer auf jeden Fall schaffen, mit Frankfurt und Hoffenheim haben sie auch ein machbares Restprogramm erwischt.

Hamburger SV

Slomka, Zinnbauer, Knäbel und jetzt Bruno Labbadia: Der HSV taumelte durch die Saison, war nie besser als Platz zwölf und schaffte auch mit seinen Trainerwechseln keine Trendwende. Vergleicht man die beiden Trainer der Saison, die den meisten Einfluss hatten/haben, Josef Zinnbauer und Labbadia, dann stellt man allerdings fest, dass sich zumindest der Spielstil des Klubs verändert hat.

Zinnbauer war um einen geordneten Aufbau über mehrere Stationen bemüht, Labbadia will hingegen lieber schnell vor das gegnerische Tor und zum Abschluss kommen und nimmt dafür eine schlechtere Passquote in der gegnerischen Hälfte in Kauf (55 Prozent, unter Zinnbauer: 59 Prozent). Beliebtes Stilmittel dabei: lange Bälle (22 Prozent der Pässe, unter Zinnbauer: 18 Prozent). Gedribbelt wird hingegen kaum, nur 13,8 Dribblings hat Opta errechnet - das ist der Tiefstwert in der Liga (unter Zinnbauer: 19,1).

Labbadia setzt stattdessen lieber auf Flanken (9,5 pro Spiel, unter Zinnbauer: 7,6) und Distanzschüsse (43 Prozent aller Torschüsse, unter Zinnbauer: 35 Prozent). So haben die Hamburger die Gesamtzahl ihrer Torabschlüsse von 10,7 pro Partie auf 13 erhöht und in den vier Spielen unter Labbadia immerhin sechs Tore geschossen. In den 28 Spieltagen zuvor waren es insgesamt nur 16 gewesen.

Das Restprogramm des Hamburger SV

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. VfB Stuttgart A
34. FC Schalke H
Prognose: Auch wenn es der Hamburger SV nicht wahrhaben will, der Klub zeigt in dieser Saison typische Merkmale eines Teams, das gegen den Abstieg spielt. Drei Trainerwechsel verkraftet keine Mannschaft ohne Weiteres, mit Labbadia scheint der HSV aber zumindest das Glück wieder auf seine Seite geholt zu haben. Wenn Gojko Kacar weiter so trifft und wenigstens das Sechs-Punkte-Spiel gegen den VfB Stuttgart gewonnen wird, hält der HSV die Klasse.

SC Freiburg

Der SC Freiburg bleibt sich treu. Wie auch in den vergangenen Jahren musste Christian Streich Leistungsträger ersetzen, und wie in den vergangenen Jahren könnte auch diesmal trotzdem die Klasse gehalten werden. Es wird knapp, aber dass sich der SC überhaupt diese Chance so lange bewahrt hat, ist bemerkenswert.

Konstanz auch bei der Trainerfrage, seit dreieinhalb Jahren coacht Streich den Bundesligisten und hält eisern am SC-typischen Kombinationsfußball fest. Spielerische Mittel sollen gefunden werden, lange Pässe sind eher die Notlösung. Seit der Winterpause hat Freiburg im Schnitt mehr Ballbesitz als noch in der Hinrunde (von 46 Prozent auf 52). Um auf mehr Torschüsse zu kommen (10,2 pro Partie in der Hinrunde) lässt Streich seine Spieler seit dem Winter immer häufiger von jenseits des 16-Meter-Raums schießen. Fast jeder zweite SC-Torschuss, 45 Prozent, kommt aus der Distanz. Zuvor waren es nur 35 Prozent gewesen. Die Torschussquote ist so auf 12,9 pro Spiel gestiegen.

Das Restprogramm des SC Freiburg

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. FC Bayern H
34. Hannover 96 A
Prognose: Mit der besten Tordifferenz der Teams mit 31 Punkten steht Freiburg noch vor dem Relegationsplatz. Doch das Restprogramm hat es in sich. Zunächst steht das Duell mit den Bayern an, von dem sich viele fragen, ob der Meister nach dem sicheren Titel und dem Aus in Champions League und Pokal vielleicht im Feierabendmodus spielen wird. Danach geht es zum möglichen Endspiel gegen einen direkten Konkurrenten: Hannover 96. Wenn am Ende die Relegation erreicht wird, wäre das schon ein großer Erfolg.

Hannover 96

Ganz anders als bei Freiburg ist die Situation bei Hannover 96. Die Freiburger kamen die ganze Saison nicht über Platz 13 hinaus, Hannover hingegen war noch nach dem elften Spieltag Tabellen-Vierter. Doch dann folgte der Absturz. Nach dem 28. Spieltag musste Tayfun Korkut gehen, Michael Frontzeck übernahm und lässt seitdem einen grundverschiedenen Fußball spielen.

Korkut setzte auf Ballbesitz, Frontzeck überlässt gern dem Gegner die Initiative. Unter Korkut wurde viel Wert auf sichere Kurzpässe gelegt, Frontzeck lässt mit mehr Risiko und viele lange Bälle spielen. Darunter litt allerdings die Präzision, sämtliche Passquoten sanken deutlich. Die allgemeine Passquote von 65 Prozent (unter Korkut: 75 Prozent) bedeutet sogar Ligatiefstwert. Frontzeck, das sieht man den Werten an, will Toraktionen erzwingen. Auch die Anzahl der Flanken (14.7 statt 9.8 pro Spiel) und Dribblings (22.3 statt 19.8) sind angestiegen. Die vielen Fouls (18,3 statt 16,5) sind eine Konsequenz der häufigeren Ballverluste.

Das Restprogramm von Hannover 96

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. FC Augsburg A
34. SC Freiburg H
Prognose: Gegen Wolfsburg und Werder hatte Hannover schon gute Phasen, ein Sieg gelang aber noch nicht. Hoffnung könnte das Restprogramm machen: Augsburg und Freiburg sind bei ähnlicher Form wie zuletzt schlagbar.

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SC Paderborn

Neben Freiburg ist der Aufsteiger der einzige Klub in Abstiegsnot, der an seinem Trainer, André Breitenreiter, festgehalten hat. Überraschend hingegen ist, dass sich auch der Stil des Teams über die gesamte Saison kaum verändert hat - die Situation tat dies nämlich sehr wohl. Dass die Tabellenführung nach dem vierten Spieltag wenig mit dem tatsächlichen Können der Paderborner zu tun hat, war klar. Aber als der Klub im Winter immer noch zumindest im Mittelfeld stand, hofften viele auf einen angstfreien Frühling. Doch dann ging es in den Keller, bis derzeit auf Platz 17.

Die einzigen auffälligen Veränderungen in den Spielstatistiken des SC finden sich in den Kategorien Dribblings und Fouls. Nach durchschnittlich 22,4 Dribblings pro Partie in der Hinrunde wagen sich die Paderborner seit der Winterpause im Schnitt 26,5-mal in Eins-gegen-Eins-Situationen. Nur die Spitzenteams aus München und Leverkusen sind noch mutiger. Vielleicht eine Folge der daraus resultierenden Ballverluste: Kam das Team im vergangenen Jahr noch mit 13,9 Fouls pro Spiel aus, sind es in der Rückrunde im Schnitt 14,7.

Das Restprogramm des SC Paderborn

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. FC Schalke A
34. VfB Stuttgart H
Prognose: Paderborns Problem ist zum einen die mit 62 Gegentoren schlechteste Defensive der Liga und zum anderen die daraus resultierende Tordifferenz. Zwar hat der Aufsteiger ebenso wie Hannover auf Platz 16 und Freiburg (15) 31 Punkte. Bei einer Differenz von - 32 wäre der Abstieg aber schon besiegelt, wenn 96 (- 18) und die Freiburger (- 11) am Wochenende gewinnen sollten. Der direkte Wiederabstieg des SC ist wahrscheinlicher als die Rettung.

VfB Stuttgart

Wenn man Huub Stevens holt, so wie Stuttgart das nach dem Abgang von Armin Veh im November tat, weiß man, was man bekommt. Der Niederländer ist einer der Spezialisten im Abstiegskampf, er sollte die technisch zum Teil hochbegabten VfB-Spieler festigen. Veh hatte noch versucht, Werner, Maxim und Co. bei eigenem Ballbesitz dem Gegner das eigene Spiel aufzwingen zu lassen. Stevens verzichtet lieber auf Ballbesitz und lässt sein Team schnell angreifen. Unter Veh waren es noch 51 Prozent Ballbesitz, unter Stevens nur 45 Prozent. Waren bei Veh lange Bälle fast tabu (nur 14 Prozent aller Pässe, nur drei Teams spielten noch weniger), kommt das bei Stevens deutlich häufiger vor (19 Prozent).

Ein Folge davon ist, dass der VfB nun häufiger in die Hälfte des Gegners gelangt, dafür büßte das Team deutlich an Präzision ein. Die Passquote insgesamt (71 Prozent statt 78), die Passquote in der gegnerischen Hälfte (61 Prozent statt 66) und die Passquote im letzten Spielfelddrittel vor dem Tor (55 Prozent statt 58) sanken.

Das Restprogramm des VfB Stuttgart

Spieltag Gegner Heim/Auswärts
33. Hamburger SV H
34. SC Paderborn A
Prognose: Stabilisiert hat sich der VfB auch unter Stevens nicht, am vergangenen Spieltag gelang aber dank eines überragenden Daniel Didavi ein ganz wichtiger 2:0-Sieg, der das Team im Rennen hält. Das Restprogramm gegen zwei direkte Konkurrenten ist ebenfalls ein Vorteil. Für den VfB sieht es, trotz Tabellenplatz 18, noch nicht ganz finster aus.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Sal.Paradies 15.05.2015
1. Gute Analyse mit kleinen Fehlern
Mit Verlaub. Holt die Alte Dame gegen Frankfurt "1 Punkt, haben sie den Relegationsplatz schon sicher ! Der Autor vergisst, dass (fast) alle unter Hertha stehenden Mannschaften noch "gegeneinander" spielen und alle (ausser Freiburg) das schlechtere Torverhältnis haben. Mit einem Sieg wäre Hertha ganz sicher gerettet. Wenn mir der Autor dies nicht glauben möchte, dann muss er den Rechenschieber + Kopfarbeit investieren. Verlieren am Samstag zwei dieser Mannschaften (Stuttgart/Paderborn/Hannover) hat Hertha sogar ohne Punkte die Relegation sicher. Verlieren alle drei, bleibt die Hertha sogar mit 2 Niederlagen in der BuLi. Vorraussetzung ist natürlich, dass sie sich in den beiden Spielen nicht noch >6 Tore einschenken lassen. Der Autor könnte auch ein wenig mehr Eier zeigen. Eine Prognose = "Für den VfB sieht es, trotz Tabellenplatz 18, noch nicht ganz finster aus" ist ein wenig läppisch. Meine Abstiegskandidaten sind = 1.Paderborn...2.Freiburg...3.Hannover
dev00 15.05.2015
2. falsch
Zitat: "Egal, wie die Partien am Wochenende ausgehen, bis zum letzten Spieltag darf sich auch der Tabellenletzte noch Hoffnungen auf den Klassenerhalt machen." Wenn Stuttgart morgen gegen den HSV verliert und mindestens 2 der 3 anderen Mannschaften gewinnen, kann Stuttgart nicht mal mehr die Relegation erreichen.
ihatezensur 15.05.2015
3. Ich werd meinen Enkeln noch erzählen können
dass ich es in meiner Jugend noch erlebt habe, wie am letzten Spieltag 3 Teams um die Meisterschaft gekämpft haben. Gähn
kloppskalli 15.05.2015
4. ... hoffentlich der HSV
das ganze Theater geht einem ja so langsam echt aufn Keks. Alle Jahre wieder ... Das einzige Problem ist, dass mir Bruno Labbadia einigermassen sympathisch ist und fuer Uwe Seeler taet's mir auch leid - der Rest der Bande ist ueberfaellig, inclusive der prolligen Gefolgschaft (fans).
andibaer 15.05.2015
5. Auch falsch
Leider stimmt auch die Aussage über Paderborn "Bei einer Differenz von - 32 wäre der Abstieg aber schon besiegelt, wenn 96 (- 18) und die Freiburger (- 11) am Wochenende gewinnen sollten." nicht. Diese Aussage stimmt nur dann, wenn auch der HSV in Stuttgart gewinnt und Paderborn auf Schalke verliert. Natürlich ist das alles möglich, aber "Lass mal #erstklassig bleiben".
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