Bundesliga-Aufstieg: Augsburgs Aufbruch in unbekannte Welten
Geplant war er seit Jahren, jetzt feiert der FC Augsburg den Aufstieg in die Bundesliga. Für Mannschaft, Trainer und Umfeld wird die kommende Saison zum Stresstest. Ausgerechnet in der Stunde des größten Erfolgs muss sich der Club neu erfinden.
Sie sind am Ziel. Dort, wo sie seit Jahren hinwollten. In Augsburg wird demnächst Bundesliga-Fußball gespielt. Durch das 2:1 (1:1) gegen den FSV Frankfurt hat der FCA nach dem 33. Zweitliga-Spieltag drei Punkte Vorsprung auf den Tabellendritten Bochum und mit +32 eine deutlich bessere Tordifferenz als der VfL (+12). Damit steht Augsburg nach dem vorletzten Spieltag als insgesamt 51. Bundesligist der Geschichte nahezu fest. Der größte Erfolg der Augsburger Vereinsgeschichte ist so gut wie perfekt, obwohl er am neunten Spieltag noch unmöglich erschien.
Augsburg, im vergangenen Sommer in der Relegation am Bundesligisten 1. FC Nürnberg gescheitert, stand im Herbst 2010 kurz davor, jede Aufstiegschance zu verspielen. Mit drei Siegen und einem Unentschieden war man gestartet. Anschließend setzte es jedoch vier Niederlagen in Folge, der Rückstand auf Platz drei betrug bereits acht Punkte. Am 22. Oktober kam Union Berlin, das aus acht Spielen nur sechs Punkte geholt hatte - und trotzdem in Führung ging.
Eine weitere Pleite, und Augsburg drohte eine Saison auf Augenhöhe mit dem SC Paderborn. Daran änderte auch der Ausgleich von Uwe Möhrle nichts. Doch in der dritten Minute der Nachspielzeit bugsierte Stephan Hain den Ball zum 2:1-Siegtreffer über die Linie. Es war die Initialzündung für einen beeindruckenden Lauf.
Augsburg mit der besten Abwehr der zweiten Liga
Bis zum vorletzten Spieltag verlor das Team von Trainer Jos Luhukay nur noch zwei Mal, ließ 15 Siege folgen, kassierte die wenigsten Gegentreffer aller Zweitligamannschaften (25) und hätte sogar Chancen auf Platz eins gehabt, wenn nicht Hertha BSC derart souverän die sofortige Rückkehr in die höchste deutsche Spielklasse perfekt gemacht hätte. Die begrüßt neben dem Traditionsclub aus Berlin nun einen Neuling. Einen Club, der vor neun Jahren noch in der Bayernliga spielte - und der künftig gegen Bayern München antritt.
Für einen Verein, der es selbst in der zweiten Bundesliga gewohnt war, bei Pressekonferenzen nur eine Handvoll Journalisten begrüßen zu dürfen, ist das eine neue Welt. Der Club muss umdenken. Und sich neu erfinden. Dazu hat ihn Walther Seinsch gezwungen. Jahrelang hatte der Vorstandsvorsitzende den Verein subventioniert. Im Herbst 2010 kündigte der Gründer einer Billigmodekette an, sein finanzielles Engagement zu beenden. Ausgerechnet in der ersten Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte fließen seine Millionen nicht mehr.
"Jos, we can"
"Ohne Walther Seinsch wäre der FCA nicht da, wo er heute ist", sagt Manager Andreas Rettig. Dank Seinsch hat der Verein heute ein bundesligataugliches Stadion im Süden der Stadt, das in der laufenden Aufstiegssaison aber nur drei Mal ausverkauft war. Das Augsburger Publikum gilt als schwierig. So etwas wie Euphorie gibt es in der Stadt kaum, auch wenn auf der offiziellen Internetseite des Vereins gerne ein anderer Eindruck erweckt und auch mit Hilfe des Trainernamens ("Jos, we can") eifrig für Tickets getrommelt wird.
Die Lizenz für die neue Saison bekam der Club nur mit Auflagen der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Rettig versäumte es, die Gründe klar zu benennen und die Sorgen der Anhänger zu zerstreuen. Er gab lediglich an, "noch ein paar Euro einsammeln" zu müssen. Genau jetzt, wo er eine Mannschaft für die nächste Saison zusammenstellen muss, bekommt der Club zu spüren, was es heißt "ein Verein wie 35 andere Erst- und Zweitligisten auch" zu sein, wie es der Aufsichtsratsvorsitzende Peter Bircks ausdrückt.
Seine bisherige Transferstrategie muss der Club überdenken. Für das Unternehmen Aufstieg scharte der Verein seit Jahren reihenweise ehemalige Bundesliga-Profis um sich: Simon Jentzsch (früher VfL Wolfsburg) im Tor, Möhrle (MSV Duisburg, VfL Wolfsburg) für die Abwehr und Michael Thurk (Eintracht Frankfurt) für den Sturm. Dazu kommen Nando Rafael, Marcel Ndjeng und Jan-Ingwer Callsen-Bracker, die sich allesamt in Mönchengladbach nicht durchsetzen konnten. Auch Trainer Luhukay hat einst bei der Borussia gearbeitet.
Sie alle haben die Mission Aufstieg weitgehend mühelos erfüllt. Doch sie alle haben einen Makel: In der Bundesliga sind sie gescheitert. Das gilt auch für ihren Trainer. Luhukay konnte im Sommer 2007 den zweiten Abstieg in der Vereinsgeschichte von Borussia Mönchengladbach nicht verhindern. Nach dem direkten Wiederaufstieg wurde er im Oktober 2008 entlassen. Seitdem arbeitet er daran, seinen Ruf als netter Niederländer loszuwerden.
Luhukay, Jentzsch, Thurk: Der FC Augsburg muss darauf hoffen, dass sie es ihren Kritikern zeigen wollen und werden. Sonst wird der Klassenerhalt schwierig. Die Mannschaft braucht auf jeder Position Verstärkungen, doch derzeit ist bei vielen Spielern nicht einmal klar, ob sie bleiben. Unter anderem laufen die Verträge von Jonas de Roeck, Ndjeng, Sinkiewicz und Andrew Sinkala aus. Während Kapitän Möhrle seinen Kontrakt kürzlich bis 2012 verlängert hat, wird Flügelflitzer Ibrahima Traoré ablösefrei gehen und wohl zum VfB Stuttgart wechseln. BVB-Leihgabe Moritz Leitner kehrt nach Dortmund zurück. Gerade im Mittelfeld fehlen dem Club kreative und vor allem torgefährliche Spieler.
Rettig muss auch das unter neuen Rahmenbedingungen ändern. Der FC Augsburg wird in der Bundesliga ein anderes Gesicht zeigen. Schlechter als das alte sollte es aber nicht sein.
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