Die Ausgangslage: Tabellenerster gegen Tabellendritter, aufregend! Doch angesichts der 21 Punkte, die den FC Bayern und Bayer Leverkusen trennten, wich die Spannung vor dem Top-Duell der Frage: Zeigt die Formkurve der Münchner tatsächlich nach unten, wie es die vergangenen Partien vermuten ließen? Bayern-Trainer Jupp Heynckes schien relaxt und kündigte vor dem Spiel an, Philipp Lahm, Thomas Müller, Toni Kroos und Mario Mandzukic für das Champions-League-Viertelfinale gegen Juventus Turin schonen zu wollen - obwohl Franck Ribéry noch angeschlagen ist.
Weniger entspannt dürfte das Leverkusener Trainergespann Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski gewesen sein: Unter der Woche war viel über ihre kränkelnde Beziehung geschrieben worden, Hyypiä soll gesagt haben, er wolle nicht mehr mit Lewandowski zusammenarbeiten. Später dementierte der Teamchef die Berichte - doch eine ruhige Vorbereitung sieht anders aus.
Die erste Halbzeit: Die bislang einzige Bayern-Niederlage der laufenden Bundesliga-Saison hatte es gegen Leverkusen gesetzt (1:2),das an diesem Abend auch noch in Bayern-Rot auflief. Um eine Wiederholung zu vermeiden, waren die Gäste von Beginn an um viel Ballbesitz bemüht. Leverkusen stellte die Münchner bei diesem Vorhaben kaum vor Probleme, disziplinierte sich aber zu einer tiefen, stabilen Abwehr. Bis zur ersten Bayern-Chance dauerte es so 22 Minuten: Mit seinem vierten Ballkontakt hatte Mario Gomez die Führung auf dem Fuß, über diesen rutschte die Flanke von David Alaba allerdings ab. In der 36. Minute machte Gomez es besser und verwandelte einen eigentlich nicht für ihn gedachten Ball von Xherdan Shaqiri mit ungewohnt technischer Raffinesse zum 1:0.
Die zweite Halbzeit: War ähnlich anzusehen wie die erste: Geordnet, aber wenig spektakulär. Ohne Mühe, aber auch ohne großen Esprit kontrollierten die Bayern über eine halbe Stunde ihre viel zu schüchternen Gastgeber. Da half es nichts, das Leverkusen nach gut einer Stunde bereits die elfte Ecke herausgespielt hatte, im entscheidenden Moment fehlte es an der nötigen Chuzpe. Die Münchner schienen ihre Führung passiv verwalten zu wollen und stellten ernsthafte Torbemühungen ein. Das rächte sich. Die zwölfte Ecke der Leverkusener verwandelte Simon Rolfes aus kurzer Distanz zum 1:1 (73. Minute). Es passte zu dieser Partie, dass der letzte und entscheidende Treffer zum 2:1 (1:0) für die Bayern in der 87. Minute ein Eigentor von Philipp Wollscheid war.
Spieler des Spiels: Wenig spielen, viel treffen - Mario Gomez wird gern als minimalistisch-effektiver Mittelstürmer bezeichnet. Das stellte er gegen Leverkusen wieder unter Beweis: Trotz zuletzt nur wenig Praxis wusste er einmal mehr, wo und wann er gebraucht wird. Zudem demonstrierte er bei seinem Führungstreffer und einer gekonnten Abnahme in der 68. Minute, dass er durchaus spielerisch in der Lage ist, seine Gegner zu verdutzen.
Einstecker des Spiels: Stefan Kießling. Von Bundestrainer Joachim Löw abermals nicht für einen Länderspieleinsatz berücksichtigt, wollte der Leverkusener Stürmer gegen Bayerns Nationalspieler zeigen, was er drauf hat. Nach einer Viertelstunde wurde er von Luiz Gustavo erstmal unsanft auf den Rasen befördert. Kießling konnte weitermachen, sorgte kurz darauf für die einzige richtige Torchance der Gastgeber in der ersten Halbzeit - und rasselte wenig später mit Jérôme Boateng zusammen. Er schüttelte sich und ackerte bis zum Schluss, ohne jedoch wirklich Werbung für sich machen zu können.
Trainer des Spiels: Gegen seinen früheren Club wollte Heynckes mit seiner Schon-Taktik Feingefühl bewiesen. "Das ist der richtige Zeitpunkt. Ich weiß selbst, wo ich die Hebel ansetzen muss", hatte der Bayern-Coach gesagt. Er sollte Recht behalten: Am Ende reichten durchschnittliche 80 Prozent Leistung gegen über weite Strecken zu zaghafte Leverkusener. Mit einigem Glück und weniger Verstand bleiben die Bayern in der Rückrunde ungeschlagen.
Duell des Spiels: Schiedsrichter Peter Gagelmann gegen den FC Bayern München. Nur zwei der vergangenen sechs Pflichtspiele unter ihm hatten die Bayern gewinnen können. Nach dem jüngsten Duell steht es 4:3 - für Gagelmann.
Zahlen des Spiels: 40:60 Prozent - das Ballbesitzverhältnis sagt viel über diese Partie aus. Die Bayern waren um ruhige Kontrolle bedacht, Leverkusen störte nur selten und forderte die Bayern kaum. 15:7 Ecken, 16:13 Torschüsse: Leverkusen hätte viel mehr aus seinen Möglichkeiten machen können. "Es wäre mehr drin gewesen, aber wir haben erst in der zweiten Halbzeit kapiert, dass Bayern schlagbar war", sagte Pechvogel Wollscheid nach der Partie.
Lehre des Spiels: Die Niederlage gegen den FC Arsenal in der Champions League sei ein "Warnschuss zur rechten Zeit" gewesen, hatte Arjen Robben gesagt, der seine Mannschaft auch schon auf dem absteigenden Ast sah. In Leverkusen bewies die Heynckes-Elf, dass sie sich wieder, oder immer noch, auf das Wesentliche konzentrieren kann. Und dazu gehört eben auch, zu wissen, was für einen glanzlosen Sieg nötig ist - und worauf man schon mal verzichten kann.
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