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BVB-Gala gegen Gladbach: Die Gier ist zurück

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BVB-Profi Mchitarjan: Fortschritte unter dem neuen Trainer

Nach dem 4:0-Auftaktsieg in der Bundesliga kann sich Dortmund über vieles freuen: Gladbach ist entzaubert, Thomas Tuchels Einstand ein Erfolg, der BVB wieder Bayern-Jäger. Vor allem aber ist eine alte Tugend wieder zu spüren.

Das Stadion war längst leer, der Bus mit den entzauberten Mönchengladbachern auf dem Heimweg, aber die Euphorie war im Westfalenstadion noch immer spürbar, als Marcel Schmelzer in den Katakomben entlangschlenderte. Diese besondere Mischung aus Zufriedenheit, Zuversicht und Selbstvertrauen, die nach dem Spiel herrschte, hatte die Stimmung beim BVB in den Meisterjahren geprägt. So war es wohl kein Zufall, dass Schmelzer nach dem imposanten 4:0 gegen Borussia Mönchengladbach einen Begriff benutzte, der zuletzt in der schwarz-gelben Mottenkiste gelandet war.

Der Außenverteidiger sprach von der "Gier", die es nun zu bewahren gelte. Diese Vokabel war einst so etwas wie das Hauptmotiv des Dortmunder Erfolges.

Und tatsächlich hatten einige Merkmale dieser Partie an die mitreißenden Siege der Jahre unter Jürgen Klopp erinnert: das entfesselte Publikum, die Beharrlichkeit, mit der immer weiter gearbeitet wurde, die Intensität, die Leidenschaft, die Laufbereitschaft. Sein Team habe "bis zum Ende keinen Millimeter hergegeben", stellte Thomas Tuchel nach seinem ersten Bundesligaspiel als BVB-Trainer fest. Die Fortschritte unter ihm waren nicht zu übersehen.

So lobte der neue Coach das "ruhige Aufbauspiel" seiner Mannschaft. Immer wieder gab es Balleroberungen, nach denen der alte BVB sein rasantes Umschaltspiel zur Anwendung gebracht hätte.

Unter Tuchel hat das Team gelernt, in solchen Momenten auch mal kontrollierte Quer- oder Rückpässe zu spielen. Das sah reifer und durchdachter aus, und es war ganz bestimmt kein Zufall, dass sowohl das 1:0 durch Marco Reus als auch das 2:0 durch Pierre-Emerick Aubameyang in Momenten fielen, als die Gladbacher tief standen und der BVB geduldig kombinierte, bis sich eine Lücke öffnete. Genau an dieser Herausforderung waren die Dortmunder in der vergangenen Saison immer wieder gescheitert.

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Man konnte sehen, wie konzentriert die Dortmunder Profis jeden Pass mit dem richtigen Tempo spielen wollten; wie sie versuchten, exakt den richtigen Fuß des Mitspielers im richtigen Raum anzuspielen. Da wurde kaum improvisiert, alles wirkte geplant und durchdacht. Und herausragend agierte auf dieser Ebene der 19-jährige Julian Weigl, der an der Seite von Ilkay Gündogan im defensiven Mittelfeld spielte.

"Er spielt sehr elegant, seine Aktionen sehen sehr souverän aus", sagte Mats Hummels, der ebenfalls eine wichtige Instanz im Passspiel des BVB ist. Die beiden ersten Tore hatte der Kapitän mit klugen Vertikalpässen eingeleitet.

Tuchel jedoch war neben dem durchdachteren Ballbesitz noch ein anderer Aspekt sehr wichtig: die Haltung seiner Spieler. "Die Mannschaft hat diese Woche noch mal eine Schippe draufgelegt in der Schärfe, in der sie trainiert hat, in der Aufmerksamkeit, in der sie auf dem Platz stand", sagte der Trainer. Auch nach der klaren Führung sei das Team "weiterhin viel gesprintet", habe "weiter das Tempo hoch gehalten und die kleinen Schritte in den Zweikämpfen" gemacht.

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Genau diese Bereitschaft stand einmal in Verbindung mit dem Begriff "Gier", am Ende der Ära Klopp war sie jedoch abhandengekommen. Diese Attitüde zu reanimieren und auch zu bewahren, gehört zu Tuchels zentralen Herausforderungen. Es ist eine spannende Aufgabe, es spielen ja fast dieselben Spieler wie im Vorjahr. Außer Weigl und Torhüter Roman Bürki kam kein Neuer gegen Gladbach zum Einsatz. Gonzalo Castro saß 90 Minuten auf der Bank. Dafür zeigten Leute wie Schmelzer, Shinji Kagawa oder der zweifache Torschütze Henrich Mchitarjan starke Leistungen.

Es ist hoch spannend, wie neue Impulse aus dem Trainerstab ein Team verändern können. "Da steckt auch die Basis drin, die Jürgen Klopp gelegt hat", sagte Tuchel, und das klang keineswegs wie eine Höflichkeitsfloskel. Der Trainer profitiert sehr von den Grundlagen, die sein Vorgänger gelegt hat. Dennoch scheint ihm das Kunststück zu gelingen, die alten Spieler in eine wirklich neue Mannschaft zu verwandeln. Während Gladbachs Trainer Lucien Favre große Mühe hat, neue Spieler in sein altes fußballerisches Konzept einzubetten.

Mit dem erschreckend fehlerhaften Lars Stindl, dem hölzern wirkenden Josip Drmic und den überforderten Debütanten Andreas Christensen und Marvin Schulz in der Innenverteidigung standen vier Zugänge auf dem Platz - und der Qualitätsverlust gegenüber der Vorsaison war frappierend.

"Es ist so ähnlich wie vor drei Jahren", sagte Sportdirektor Max Eberl, "da waren wir Vierter geworden und mussten auch eine neue Mannschaft aufbauen". Offenbar haben die Klubwechsel von Max Kruse (zum VfL Wolfsburg) und Christoph Kramer (Bayer Leverkusen) größere Lücken hinterlassen, als viele Beobachter dachten. Man müsse "der Mannschaft Zeit geben", forderte Eberl. Klartext sprach hingegen Kapitän Tony Jantschke: "In Dortmund kann man verlieren. Aber die Art und Weise war sehr bescheiden. Das war eine bittere Lektion für uns alle."

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