Transfer-König Mönchengladbach Wenn das mal gutgeht

Nicht die Bayern oder der BVB haben bislang das meiste Geld für neue Spieler ausgegeben, sondern Mönchengladbach. Die Konkurrenz redet die Borussia bereits zum Titelanwärter hoch, der Verein träumt von der Champions League. Gladbach-Fan Peter Ahrens erkennt seinen alten Club nicht wieder.

DPA

Fan von Borussia Mönchengladbach sein heißt Kummer haben. Das ist seit 30 Jahren so. So viele Hoffnungen, so viele Enttäuschungen. Zwei Abstiege, Trainerwechsel fast im Stundentakt und immer wieder Mittelmaß. Ich weiß sehr genau, wovon ich spreche. Als Freund der Borussia bin ich zwangsläufig zum Skeptiker geworden.

Und heute plötzlich zählt die Konkurrenz die Borussia zum Kreis der Titelanwärter. Der Verein gibt mehr als 30 Millionen Euro für einige der ambitioniertesten Jung-Fußballer Europas aus. 30 Millionen. Zur Skepsis gesellt sich Schwindelgefühl hinzu. Kann das wirklich gutgehen?

Vor 16 Monaten stand die Borussia auf dem letzten Tabellenplatz der Bundesliga, und wenn man ehrlich ist, gehörte sie nach den gezeigten Leistungen in jener Spielzeit auch genau dort hin. Dann kam der Trainer Lucien Favre, und es ist bekannt, was anschließend geschah. Der Schweizer rettete den Club vorm Abstieg und führte das Team in der abgelaufenen Saison bis auf Platz vier, was zur Qualifikation für die Champions League berechtigt. Und jetzt noch einmal ganz langsam zum Begreifen: Champions League. In Mönchengladbach.

Mit Favre vom 18. ins 21. Jahrhundert

1979 hat die Borussia ihren letzten internationalen Titel gewonnen. Ich saß mit glänzenden Wangen vorm Fernseher, als Kapitän Berti Vogts den Uefa-Pokal in die Höhe stemmte. Vogts, der in ein paar Monaten 66 Jahre alt wird. Danach ging es vornehmlich abwärts. Irgendwann hatte ich als Borussen-Fan schon froh zu sein über Angreifer wie den hüftsteifen Brasilianer Kahé. Oder über Robert Colautti, einen mit der Bundesliga definitiv heillos überforderten Israeli, der allerdings einmal zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort stand und ein wichtiges Tor gegen Schalke zum Klassenerhalt erzielte. So etwas machte uns schon glücklich.

Lucien Favre hat das alles geändert. Im Kader der kommenden Saison steht der Schweizer Granit Xhaka, halb Europa wollte ihn verpflichten. Vorne stürmt künftig der Niederländer Luuk de Jong, den die andere Hälfte Europas haben wollte. Der eine 19 Jahre jung, der andere 21. Spieler mit ganz großen Perspektiven. Hinten verteidigt neuerdings Álvaro Dominguez, spanischer Nationalspieler, auch erst 23 Jahre alt. Das sind unbekannte Dimensionen, als wäre der Verein innerhalb eines Jahres vom 18. ins 21. Jahrhundert versetzt worden. Das Tempo ist atemberaubend. Es ist aber auch hochgradig unheimlich.

Man möchte euphorisch werden, wenn da nicht diese Skepsis wäre. Ist das nicht Größenwahn, was sich derzeit um den Borussia-Park abspielt? Ist das nicht alles ein bisschen zu viel auf einmal? Wenn die Elf in der Qualifikation zur Champions League im August scheitern sollte, was angesichts drohender starker Gegner durchaus passieren kann: Ist dann nicht die Saison schon gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hat? Hat sich der Verein nicht in einer Art babylonische Gefangenschaft Favres begeben? Der Trainer als der unumschränkte Sonnenkönig. Und der Sportdirektor erfüllt ihm jeden Wunsch, koste es, was es wolle. Damit er bloß in Mönchengladbach bleibt.

Für Messi und Iniesta kommen Ronaldo und Khedira

Gladbach hat drei wichtige Leute aus der Vorsaison an die Konkurrenz abgeben müssen: Nationalspieler Marco Reus nach Dortmund, Roman Neustädter nach Schalke, Dante zum FC Bayern. Favre sagt: "Das ist so, als wenn der FC Barcelona Messi, Iniesta und Piqué gleichzeitig verloren hätte." Das ist ein - vorsichtig formuliert - gewagter Vergleich. Allerdings hat man, um bei dem schiefen Bild zu bleiben, das Gefühl, der Club hat dafür im Gegenzug Cristiano Ronaldo, Sergi Ramos und Sami Khedira bekommen. Der Eindruck, Gladbach habe sich verschlechtert, will nicht wirklich aufkommen.

Die Borussia atmet Höhenluft, sie hat das seit den glorreichen siebziger Jahren schon ein paar Mal versucht. Wir haben gejubelt, als der Club Europas Fußballer des Jahres, Igor Belanow, verpflichtete; als der Stürmerstar Giovane Elber nach Gladbach kam; wir haben uns über den Nationalspieler Christian Ziege gefreut, über den Ösi-Bomber Toni Polster - am Ende fanden wir uns in der zweiten Liga wieder.

Das ist mit heute nicht zu vergleichen. Die Männer von damals waren Altstars, die ihren Zenit längst überschritten hatten. Die aktuellen Leistungsträger haben ihre sportlichen Höhepunkte wahrscheinlich noch vor sich. Wenn ich nicht Borussen-Fan wäre, würde ich sagen: Da wächst Großes heran. So bleibt die Angst. Was ist, wenn sich de Jong oder Xhaka früh verletzen? Wenn der Pokalauftakt beim Nachbarn Alemannia Aachen missglückt? Wenn Bayern Favre lockt?

Es kann so viel schiefgehen. Es wird schiefgehen, ganz bestimmt. Es ist schließlich meine Borussia.

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oldwise 20.07.2012
1. Großartiger Artikel!
Vielen Dank für diesen tollen Artikel! und viel Erfolg ;-) Obwohl ich ein bisschen Kritik vermisst habe, dass das Geld immer nur auf vermeintliche Stars aus dem Ausland gesetzt wird anstatt die Jugendarbeit auszubauen...
CitizenTM 20.07.2012
2. Ich bin kein Fan der Borussia...
...aber jeder kann sehen, dass dies ein hervorragender Kader ist.
M. Dorka 20.07.2012
3. Herrleich ehrlich
Als Borussia-Fan seit den 70ern kann ich das so unterschreiben. Zu oft sind wir schon bei solchen Aktionen enttäuscht worden und noch traut man dem VFL nicht die Beständigkeit zu, die man sich so gerne wünscht. Wenn es vielleicht für die BL reichen mag, zeigte uns doch die andere Borussia deutlich, dass der internationale Auftritt recht schnell peinlich werden kann. Vorhandene Nationalspieler hin oder her. Wenn Lucien Favre ein das auch noch hinbekommt, dass man nicht in der 1. oder 2. Runde der CL ausscheidet und in der BL auch noch annähernd wie letztes Jahr abschneidet, wird er von den Fans zum Pabst ernannt. Aber derzeit glauben werden es nur die wenigsten Fans, hoffen dagegen alle.
Greed 20.07.2012
4. *gähn*
Es wurde doch bereits mehrfach klargestellt das die Transfers vollständig aus den zusätzlichen Einnahmen bezahlt werden die durch die letzte Saison erwirtschaftet wurden. (Abgesehen davon das die wirklichen Ablösesummen so nie bestätigt wurden) Kalkuliert hatte man mit einem unteren Tabellenplatz und der ersten Runde des DFB Pokals. Stattdessen gab es Platz vier, das Stadion war dauernd voll, es gab mehr TV Gelder, im Pokal wurde das Halbfinale erreicht, dazu dann die Ablöse für die bekannten Spieler. Was hätte man in Gladbach denn sonst mit dem ganzen Geld machen sollen ausser in die Mannschaft investieren? Der Kader ist so gebaut das er auch ohne internationale Spiele finanzierbar ist und solche Möglichkeiten gibt es nicht oft. Mit der Verlängerung mit Lucien Favre und dem Versuch einen Reus zumindest teilweise zu ersetzen ist der richtige Weg gegangen worden, ein Risiko das Transfers nicht einschlagen gibt es immer.
kospi 20.07.2012
5. .......
Ich drücke Gladbach die Daumen und hoffe, dass es ihnen nicht so ergeht, wie der anderen, der "großen" Borussia vor etlichen Jahren.
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