Gladbach nach HSV-Niederlage Schock im Borussia-Park

Null Punkte, 2:11 Tore - noch nie ist Borussia Mönchengladbach so schlecht in eine Saison gestartet. Kann Trainer Favre die Mannschaft nach dem 0:3 gegen den HSV wieder aufrichten?

Gladbacher Profi Hahn: Noch kein Punkt nach vier Spieltagen
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Gladbacher Profi Hahn: Noch kein Punkt nach vier Spieltagen

Aus Mönchengladbach berichtet


Eine gespenstische Atmosphäre lag am Freitagabend während der zweiten Halbzeit über dem mit 54.000 Menschen ausverkauften Borussia-Park in Mönchengladbach. Niemand pfiff, kaum jemand schimpfte, das Publikum stand unter einem lähmenden Schock während die verheerende 0:3-Niederlage gegen den Hamburger SV sich langsam und quälend ihrem Ende näherte.

Nur die kleine Ecke mit den Gästefans feierte und sang irgendwann: "Zweite Liga, Gladbach ist dabei." Tatsächlich hatte der stolze Champions-League-Teilnehmer mit der Haltung eines zutiefst verunsicherten Abstiegskandidaten gespielt. Max Eberl, der Sportdirektor des Tabellenletzten, sprach später von einem "beschissenen Start". Das, was die Menschen erstarren ließ war aber weniger das Zahlenwerk des Tableaus als vielmehr die grausame Verwandlung einer Mannschaft, die vor wenigen Wochen noch in der Lage gewesen ist, einen international bewunderten Spitzenfußball auf den Rasen zu zaubern.

Nichts ist mehr übrig von dem ausgeklügelten und kunstvoll umgesetzten Kombinationsspiel, mit dem das Ensemble des gefeierten Trainers Lucien Favre in der vorigen Saison in die Champions League einzog. Nach nur vier Spieltagen ist die Borussia fleischgewordene Verunsicherung. "Bei uns klappt momentan gar nichts mehr", stellte Tony Jantschke mit dünner Stimme fest, während Eberl von einer "unfassbaren Angst" sprach, die das Handeln der Spieler lenke.

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Die starken Hamburger hatten offenbar genau das erwartet. "Wenn eine Mannschaft dreimal in Folge verliert, dann hat sie kein Selbstvertrauen, wir haben das selbst erlebt und denen keine Ruhe gelassen", sagte Abwehrchef Johan Djourou zufrieden. Unter diesem Druck spielte Jantschke, der das Team im defensiven Mittelfeld stabilisieren sollte, einen völlig misslungenen Rückpass auf seinen Torhüter Yann Sommer, den Pierre-Michel Lasogga abfing und zum 0:1 ins Tor schob (11.).

Und als Lasogga dann kurz vor der Pause auch noch das 0:2 köpfte, waren die Gladbacher erledigt. Während der 90 Minuten erspielte sich der Traditionsverein vom Niederrhein keine einzige klare Tormöglichkeit und wirkte tatsächlich wie ein Tabellenletzter: hastig, nervös, instabil und unsicher. Es war diese Hilflosigkeit, die das Publikum hatte erstarren lassen. "Niemand wollte den Ball haben", sagte Eberl, der in den "Zweikämpfen, dieses obligatorische lieber den Schritt nach hinten und abwarten, als wirklich durch zu decken", gesehen hatte.

Es sind die klassischen Symptome einer Krisenmannschaft. "Uns fehlte die Bewegung, defensiv wie offensiv", sagte Trainer Favre, der ratlos wirkte wie selten. Und wie es so ist, wenn alles zusammenbricht, es kam noch schlimmer. Zunächst traf Nicolai Müller zum 0:3 (52.), und nach gut einer Stunde lag nach einem Kopfballduell auch noch Martin Stranzl reglos auf dem Boden.

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Gladbach-Krise

In der Vorsaison Dritter, jetzt mit null Punkten aus vier Spielen gestartet: Wie geht es mit Borussia Mönchengladbach weiter?

Der Kapitän, der über fünf Monate verletzt gefehlt hatte, und dessen Rückkehr eigentlich zum Wendepunkt werden sollte, musste mit Verdacht auf einen Bruch der Augenhöhle ins Krankenhaus gebracht werden. Stranzl wird den Fohlen sechs bis acht Wochen fehlen. "Das ist für uns alle scheiße", resümierte Eberl am Ende dieses deprimierenden Abends, und warf einen düsteren Blick auf die kommende Woche, die eigentlich ein Höhepunkt der Klubgeschichte werden sollte.

Die Borussia wird am Dienstag ihr allererstes Spiel in der Champions League absolvieren, den ganzen Sommer haben sie diesem Wettbewerb entgegengefiebert, nun sagte Eberl: "Jetzt haben wir Champions League und können uns gar nicht darauf freuen. Fußball ist gnadenlos." Favre, der sich ebenfalls zum ersten Mal überhaupt mit einer Mannschaft für die Königsklasse qualifiziert hatte, machte gar den Eindruck, als sei der Termin auf europäischer Bühne eher lästig als erfreulich.

Der Schweizer klagte, dass seine legendäre Arbeit am Detail, mit der er bisher alle Gladbacher Krisen in nunmehr viereinhalb Amtsjahren gelöst hatte, nicht möglich sei, weil viele englische Wochen und weite Reisen bevorstehen. Wobei in diesem Fall unklar ist, ob der Ausweg aus der Krise überhaupt in der Arbeit an technisch-taktischen Feinheiten liegt.

Zwar müssen immer noch neue Spieler integriert werden, aber der in den vergangenen Wochen immer wieder beklagte Verlust von Christoph Kramer und Max Kruse, der zur Hauptursache für die erste Niederlagen erklärt worden war, war am Freitagabend kein Thema mehr. Inzwischen hat die Borussia ein psychisches Problem.

"Das ist Kopfsache", sagte Gladbach-Spieler Håvard Nordtveit, "wenn eine schlechte Zeit kommt, dann denkst Du viele schlechte Dinge." Und ob Favre ein ähnlich versierter Spezialist für solch einen Fall ist wie für eine falsche Fußballhaltung bei der Ballannahme oder eine zu geringe Passschärfe, ist eine der großen Fragen des bevorstehenden Fußballherbstes.

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"In einem Jahr hab ich mal 15 Monate durchgespielt."

"Johan war der bessere Spieler, aber ich bin Weltmeister." (Über Johan Cruyff)

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"Ich habe gerade 'Sofies Welt' gelesen, diesen dicken philosophischen Schinken. Sokrates, Aristoteles, Platon und diese Leute haben sich vor 2000 Jahren Gedanken gemacht, da sind wir noch auf den Bäumen gesessen und haben uns vor den Wildschweinen gefürchtet. Seither haben sich nur ganz wenige weiterentwickelt."

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"Erfolg ist ein scheues Reh. Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond."



insgesamt 38 Beiträge
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jujo 12.09.2015
1. ...
Wenn Psychologie im Sport eine Rolle spielt, sieht es schlecht für M.-Gladbach und gut für den HSV (In Köln als gefühlter Sieger vom Platz) aus, jedenfalss im Moment. Den Gladbachern zum Trost, das der HSV zweimal gerade noch, mit Glück, den Abstieg vermeiden konnte.
carnaubinha 12.09.2015
2. Das erinnert mich daran
als Favre Trainer bei Hertha war und ins internationale Geschäft führte. Ein Jahr später folgte der Abstieg.
bratwurst007 12.09.2015
3.
Festzustellen bleibt: Wer gegen Bremen UND Hamburg verliert, und das auch noch in Folge, der wird Schwierigkeiten bekommen!
Jan P. 12.09.2015
4. Die haben das SC-Freiburg Syndrom...
Letzte Saison spielerisch und unbeschwert oben mit gespielt. Nun wichtige Abgänge verkraftet - und plötzlich soll die "Künstlertruppe" Abstiegskampf...
blurps11 12.09.2015
5. Deja Vu
Die Rat- und Hilflosigkeit auf dem Rasen und an der Seitenlinie erinnert sehr an Favres Abgang in Berlin. Der Vereinsführung kommt jetzt die Aufgabe zu, die (bisher) reine Ergebniskrise abzufedern und den gerne mal fatalistischen und zögerlichen Trainer notfalls mit einem kräftigen Tritt in den A...llerwertesten aufzuwecken. Bei Hertha entwickelte sich die sportliche zu einer Führungskrise, weil Gegenbauer, Preetz und Favre selbst völlig unnötig Hoeness weggeputscht hatten, dessen Abgang ein Jahr später eh schon feststand. Das Machtvakuum konnten sie nicht füllen, Resultat bekannt.
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