Gladbachs Sieg gegen Leverkusen Eine ästhetische Revolution

Bei Borussia Mönchengladbach wurde den ganzen Sommer daran gearbeitet, wieder aufregend und sexy zu werden. Das 2:0 gegen Bayer Leverkusen deutet an, dass die Maßnahmen wirken könnten.

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Nur das verzierende Schleifchen fehlte, als die Spieler von Borussia Mönchengladbach ihren Arbeitstag beendeten, lächelnd, erfüllt von Glücksgefühlen. Hätte die Mannschaft eine ihrer etlichen Kontermöglichkeiten in der Schlussphase mit dem dritten Treffer veredelt, wären sie in der Tabelle am FC Bayern vorbeigezogen. Die Fans hätten "Spitzenreiter, Spitzenreiter" singen können und der Rekordmeister aus München hätte keine Möglichkeit mehr, die gesamte Saison vom ersten bis zum letzten Spieltag auf Rang eins des Tableaus zu stehen.

Chance verpasst - aber dieses kleine Ärgernis trübte die Freude über den 2:0-Sieg gegen Bayer Leverkusen nicht nachhaltig. "Das sah sehr gut aus, wir hatten sehr viel Power, sehr viel Mut, sehr viele kreative Momente", sagte Torhüter Yann Sommer.

Nach der ziemlich trostlosen Vorsaison haben die Gladbacher ja eine Art Selbstverwandlung geplant. Die zur Biederkeit neigende Mannschaft der zurückliegenden Monate soll wieder sexy werden, offensiver, risikobereiter, wuchtiger, vielleicht auch künstlerischer - was Skeptiker für schwierig halten, weil viele dieser Merkmale nicht dem Naturell von Trainer Dieter Hecking entsprechen. Und als die Aufstellung zu dieser Partie bekannt gegeben wurde, dachte mancher Beobachter: Ohje, jetzt verpflichtet der Klub vom Niederrhein endlich einmal einen richtig interessanten Stürmer, aber Hecking fehlt der Mut, den Mann auch aufzustellen.

Fast immer konstruktive Lösungen

Alassane Pléa, der für 21 Millionen Euro von OGC Nizza kam und der teuerste Einkauf der Gladbacher Historie ist, saß 79 Minuten lang auf der Bank. Und im Mittelfeldzentrum spielten mit Jonas Hofmann, Tobias Strobl und dem Debütanten Florian Neuhaus drei Profis, die nur wenige Bewunderer im Kreis der Liebhaber des schönen Spiels haben. Dennoch wurde das Trio im Zentrum des neuen Gladbacher 4-3-3-Konstrukts zum treibenden Faktor einer ästhetischen Revolution. "Es war gut zu sehen, wie sie das Spiel nach vorn öffnen, ich glaube, das hat Bayer Leverkusen sehr wehgetan", sagte Hecking.

Ein Foul an Neuhaus, der im vergangenen Jahr an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen war und dort zum Aufstieg beitrug, führte zum Elfmeter, den Hofmann zum 1:0 verwandelte (55.). Die drei Leute in der Zentrale fanden fast immer konstruktive Lösungen und ihnen gelangen vor allem in der zweiten Hälfte etliche kostbare Balleroberungen, aus denen sich wunderbare Angriffsoptionen ergaben. Nicht nur der Trainer fand "das Mittelfeld in der zweiten Halbzeit überragend".

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Dieser Befund ist auch deshalb erstaunlich, weil mit Denis Zakaria, Christoph Kramer zwei der namhaftesten Zentrumsspieler unberücksichtigt blieben, beide saßen auf der Bank. Aber der Kader hat in der neuen Saison eine erstaunliche Breite. Hecking verzichtete auch auf Pléa, Hermann und Cuisance (der von den Fans immerhin zum Spieler der Vorsaison gewählt wurde), und die Verletztenliste ist mit Elvedi, Neuzugang Michael Lang, Traoré, Benes und Stindl auch ziemlich lang. "Es ist schon Wahnsinn, wer bei uns heute alles draußen saß", sagte Tony Jantschke.

Eine erfreuliche Botschaft für die ganze Liga

Die Verantwortlichen haben ein Klima der Erneuerung erzeugt, in dem sogar der im Vorjahr müde wirkende Raffael aufblühte; am Ende eines wunderbaren Spielzugs bereitete der Altmeister Fabian Johnsons 2:0 vor (58.), und das Publikum feierte ein großes Fest, was in Mönchengladbach keineswegs selbstverständlich ist. Im Vorjahr hatte es schließlich massive Konflikte mit einigen Fans gegeben, die enttäuscht, verärgert und viel zu oft gelangweilt waren. Nun habe man gespürt, "dass der Müll aus der letzten Saison so ein bisschen raus sollte aus dem Borussia-Park", sagte Hecking - die Fans haben lange auf solche Momente der puren Freude warten müssen.

Diese atmosphärischen Besonderheiten gehören sicher zu den Gründen, dafür, dass die Helden des Saisonauftaktes sich warnende Worte verkniffen. Niemand wollte die Euphorie mit dem Gedanken an das Glück eintrüben, das in der ersten Hälfte nötig war, um die drei, vier hervorragenden Leverkusener Chancen ohne Gegentreffer zu überstehen.

Und auch der Hinweis auf den frühen Zeitpunkt der Saison fehlte in vielen Statements. Denn an diesem Tag hat sich die neue Attitüde ausgezahlt. "Wir wollen mit mehr Risiko nach vorn spielen", fasste Jantschke den Spielverlauf zusammen. Und dass das belohnt wurde, ist eine erfreuliche Botschaft für die gesamte Liga, deren Niveau in der jüngeren Vergangenheit ja sehr unter dem Sicherheitsdenken vieler Trainer und Funktionäre gelitten hat.



insgesamt 2 Beiträge
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hockeyer12 26.08.2018
1. Zunächst einmal: Schön das mal ein Fussball BL Bericht NICHT...
von Bayern oder Dortmund handelt: Es klingt daraus eine gewisse Verwunderung warum u.a. nicht Plea spielt: Ziemlich einfach: Er ist noch nicht so weit und brauch noch Eingewöhnung in der BL und bei der Borussia. Und auch die anderen Spieler die aufgezählt werden: Die haben einfach alle eine Top Vorbereitung gespielt und Hecking hat dankenswerter Weise nach Leistung aufgestellt. Und nach der 30 Minuten Anlaufzeit haben es die Spieler auch gezeigt, warum sie aufgestellt worden sind.
lorenzcarla 26.08.2018
2. Keine Meinung zu Leverkusen?
Die "drei, vier hervorragenden Chancen" des Gastes vor dem 0:1 waren im ansonsten erfrischenden Artikel nur eine Zeile wert. Wie wäre der Kommentar ausgefallen, wenn bei gleichem Spielverlauf Leverkusen 3:2 gewonnen hätte?
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