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23. Februar 2013, 22:01 Uhr

1:6-Niederlage in München

Watschn für Werder

Von Sebastian Winter, München

Sechs Gegentore in München, zweitschlechteste Abwehr der Liga: Während der FC Bayern die Bundesliga dominiert, wird Werder Bremen nach hinten durchgereicht. Die Probleme der Mannschaft sind eklatant, im Sommer könnten zudem wichtige Spieler den Verein verlassen.

Aaron Hunt hatte sich nach dem Duschen eine Baseball-Mütze aufgesetzt. Sie wirkte wie ein Schutz, als der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler von Werder Bremen durch die Interviewzone lief. Auf die Frage, ob er kurz für ein paar Fragen zur Verfügung stehe, schüttelte er vehement den Kopf - und schlug den kürzesten Weg zum Mannschaftsbus ein.

Hunt, der für den grippekranken Clemens Fritz als Interimskapitän in die Startelf gerückt war, hatte nur 45 Minuten lang Zeit gehabt, sich zu beweisen. Er nutzte sie nicht, Trainer Thomas Schaaf wechselte ihn in der Halbzeitpause aus. Bremens Stürmer Marko Arnautovic kam immerhin auf fünf Torschüsse, wenn es gefährlich wurde, dann meist über den Österreicher. Doch auch Arnautovic blieb erfolglos. Er wollte sich nach dem Spiel ebenfalls nicht äußern.

1:6 (0:2) hatte Werder in München verloren, bei den zurzeit "vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden" Bayern, wie Trainer Schaaf später erklärte, erlebte Bremen ein Debakel. Werder hatte 26 Prozent Ballbesitz gegen die von Trainer Jupp Heynckes auf sechs Positionen veränderte Elf der Bayern, bei denen Bastian Schweinsteiger nicht einmal im Kader stand. Als Heynckes in der 72. Minute Stürmer Claudio Pizarro einwechselte, da skandierten die Werder-Fans "Pizarro, Pizarro" in Richtung des ehemaligen Bremers. Es war einer der bittersten Momente für Werder in diesem Spiel.

Dabei ist das größte Manko der Bremer nicht die Offensive. Dort spielt beispielsweise der von den Bayern ausgeliehene Nils Peteresen eine starke Saison. Der Defensivverbund ist die größte Problemzone. Bremen hat nach der hohen Niederlage in München 47 Gegentore kassiert, nur eines weniger als der Tabellenvorletzte Hoffenheim, die abwehrschwächste Mannschaft der Liga.

Und die Kritik jener Spieler, die reden wollten nach der Pleite in München, war nicht zu überhören: "Das waren völlig unnötige Gegentore", sagte Petersen, Innenverteidiger Sebastian Prödl sah vor den beiden ersten Bayern-Toren durch Arjen Robben und Javier Martínez (25./29. Minute) "individuelle Fehler, wir standen zu weit weg vom Mann. Da hilft uns keine Taktik, das war einfach nur naiv."

"Wir haben Schwierigkeiten, die Konzentration zu halten"

Naiv foulte Prödl dann kurz vor der Pause Bayern-Stürmer Mario Gomez und sah dafür die Rote Karte, zuvor hatte er nur jeden fünften Zweikampf gewonnen. Das 0:3 erzielte Bremens Außenverteidiger Theodor Gebre Selassie per Eigentor (49.). Die weiteren Bayern-Treffer kamen so zustande: Ein Lupfer in den Sechzehner hebelte jeweils die Bremer Abwehr aus, Gomez, Ribéry und wieder Gomez hatten keine Gegenspieler und kaum Mühe, das Tor zu treffen. Selten wurde es den Bayern so einfach gemacht, mit immer demselben Spielzug erfolgreich zu sein.

Schaaf sagte später: "Wir haben Schwierigkeiten, mit dieser jungen Mannschaft die Konzentration über 90 Minuten zu halten." Gebre Selassie ist 26, Prödl 25, der zweite Innenverteidiger Assani Lukimya 27 und der gegen Robben überforderte Lukas Schmitz 24. Junioren sind das nicht mehr. Fritz und der ebenfalls grippegeschwächte Abwehrchef Sokratis fehlen Bremen natürlich, doch auch mit ihnen sah die Defensive diese Saison oft nicht gut aus.

Seit Ende November ist Bremen auf Talfahrt: 1:4 gegen Leverkusen, 1:4 gegen Frankfurt, 0:5 gegen Dortmund, 2:3 gegen HSV, 2:3 gegen Freiburg, jetzt das Debakel in München. Mit solchen Ergebnissen steht Bremen mittlerweile nur einen Punkt vor Platz 15. Auch wenn keine unmittelbare Abstiegsgefahr besteht, weil Augsburg auf Relegationsplatz 16 elf Punkte Rückstand hat, kann das nicht der Anspruch Werders sein.

Dazu kommt, dass die Zukunft von Schlüsselspielern offen ist. Sokratis hat zuletzt angedeutet, möglicherweise zu gehen, wenn Bremen sich nicht für den internationalen Wettbewerb qualifiziert. Bei Arnautovic sieht selbst Schaaf Bremen nur als Zwischenstation. Die Zukunft des von Chelsea ausgeliehenen Kevin De Bruyne, der den Bremer Ehrentreffer in München erzielte, ist ebenfalls ungewiss. Allein bei der Bayern-Leihgabe Petersen deutet sich an, dass er wohl im Sommer zu Werder wechseln dürfte. Petersen selbst sagt: "Sichere Punkte sind jetzt die oberste Prämisse, um Abstand zu den unteren Rängen zu halten."

Sie schauen nicht nach oben in Bremen, in Richtung Europa League. Ihr nächster Gegner passt gut dazu. Er heißt: FC Augsburg.

Bayern München - Werder Bremen 6:1 (2:0)
1:0 Robben (25.)
2:0 Martínez (29.)
3:0 Gebre Selassie (49., Eigentor)
4:0 Gomez (52.)
4:1 De Bruyne (58.)
5:1 Ribery (86.)
6:1 Gomez (89.)
München: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Contento - Martínez (52. Timoschtschuk), Luiz Gustavo - Robben, Shaqiri (72. Pizarro), Ribery - Gomez
Bremen: Mielitz - Gebre Selassie, Prödl, Lukimya, Schmitz - Ignjovski, Junuzovic - De Bruyne, Hunt (46. Pavlovic), Arnautovic - Petersen
Schiedsrichter: Fritz (Korb)
Zuschauer: 71.000 (ausverkauft)
Rote Karte: Prödl (Bremen) nach einer Notbremse (44.)
Gelbe Karten: Junuzovic (6), Pavlovic

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