1. FC Nürnberg Kampf den Grantlern

Der 1. FC Nürnberg wagt sich mit einem Mini-Budget an das Unternehmen Klassenerhalt und weiß dabei die Fankurve hinter sich. Doch der kaufmännisch vernünftige Kurs birgt auch Risiken.

1. FC Nürnberg
MATTHIAS MERZ/EPA-EFE/REX/Shutterstock

1. FC Nürnberg


Als der 1. FC Nürnberg Anfang Mai in Begleitung von fast 8.000 Fans 2:0 in Sandhausen gewonnen hatte, standen drei Dinge fest.
Erstens: Dass der Aufstieg in die erste Liga tatsächlich geschafft war.
Zweitens: Dass die Qualität des Kaders nicht für die Bundesliga reichen würde.
Und drittens: Dass für Neuzugänge fast kein Geld da sein würde.

Etwas mehr als vier Millionen Euro habe man zur Verfügung gehabt, heißt es. Die reichten für Ersatztorwart Christian Mathenia, den Bremer Ergänzungsspieler Robert Bauer, einen Nachwuchsmann vom FC Bayern und einen vom HSV - und für Yuya Kubo, Matheus Pereira und Virgil Misidjan die man kurz vor Transferschluss holte.

Sportdirektor Andreas Bornemann und Aufsichtsrats-Boss Thomas Grethlein betonen seit ihrer Amtsübernahme 2015 immer wieder, dass eine Abkehr von der wirtschaftlichen Vernunft angesichts von über 20 Millionen Verbindlichkeiten existenzgefährdend wäre. Auch der neue Finanzvorstand Niels Rossow will den Konsolidierungskurs fortsetzen.

"Negative Stimmung fernhalten"

Die Fans trugen den Sparkurs in den vergangenen Jahren mit. Was auch daran liegt, dass Aufsichtsrats-Boss Grethlein und andere Offizielle sich nie zu schade waren, zu Fan-Veranstaltungen zu kommen, um die Lage zu erklären. Und im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen Offizielle die Fans gerne auch mal nutzten, um ihre eigene Machtposition zu erweitern, bleiben diese Gespräche heute intern. So ist Vertrauen entstanden. Auch die Mannschaft, die am Nachmittag zum dritten Saisonspiel bei Werder Bremen antritt (15.30 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE), genießt Kredit. Abwehrspieler Enrico Valentini, dessen Eltern im Viertel Zerzabelshof ("Zabo"), der historischen Heimat des FCN, eine Trattoria unterhalten, dürfte der größte Club-Fan sein, der an Spieltagen nicht in der Nordkurve steht.

Auch Kapitän Hanno Behrens, ein reflektierter Norddeutscher, dem populistische Sprüche nicht liegen, strahlt eine Identifikation mit Stadt und Verein aus, die die Fans als authentisch empfinden. "Welche Glubb-Mannschaften haben uns in den letzten 20 Jahren am meisten begeistert?", fragt das Fanzine "Ya basta". Und gibt die Antwort selbst: Neben den Pokalsiegern von 2007 "die hungrige Aufstiegsmannschaft aus der vergangenen Saison." Es gelte nun, "negative Stimmung fern zu halten und Grantler zu überstimmen - selbst wenn die ersten Spiele verloren gehen!"

Der Trainer hat nicht nur Fans in den eigenen Reihen

So weit zur Stimmungslage in der Nordkurve, wo eine der größten Ultraszenen des Landes beheimatet ist. Zu deren Selbstverständnis gehört es mitzureden, wenn sie den Kern dessen bedroht sieht, was ihr Verein für sie ausmacht. Nach massiven Protesten, die über die Ultraszene hinausgingen, hat der FCN die Ausgliederungspläne erst mal hintangestellt. Doch die dürften schon bald wieder aufs Tableau kommen. Dann könnte der FCN vor einer echten Zerreißprobe stehen. Und das ist nicht der einzige potenzielle Konfliktherd.

Trainer Michael Köllner
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Trainer Michael Köllner

Trainer Michael Köllner, der einen auf schnelle Passfolgen basierenden Offensivfußball spielen lässt, ist einer, der in Israel statt auf Mallorca Urlaub macht und mit dem man auch über andere Themen als Passfolgen reden kann. Doch er leidet nicht unter Komplexen und hat ohne großes Federlesen einige langgediente Angestellte ersetzt. Im Umfeld des Vereines gibt es auch deshalb viele, die nicht gut auf ihn zu sprechen sind. Sollten die nächsten Spiele schlecht laufen, könnte sich mancher von ihnen aus der Deckung wagen.

Die Zweite Liga als Schmach

Zudem ist der neunfache Deutsche Meister von seinem Selbstverständnis her nicht mit Vereinen wie Mainz oder Freiburg zu vergleichen. Die Verwurzelung, die der FCN zwischen Unterfranken und Vogtland genießt, lässt sich eher mit der bei Vereinen wie dem HSV, Frankfurt oder Stuttgart vergleichen. Dass gerade Mainz und Freiburg dem eigenen Verein um Jahre enteilt sind, wissen die meisten Club-Fans dabei ganz genau.

Doch das ändert nichts daran, dass sie die vier Jahre, die der FCN zuletzt am Stück in der zweiten Liga verbringen musste, als Schmach empfanden. Dementsprechend naheliegend ist für viele der Gedanke, das Risiko des sofortigen Wiederabstiegs jetzt auch bitteschön mit entsprechend hohen Investitionen zu verringern. Am besten wäre es also fraglos, wenn der Klassenerhalt auch mit dem bisherigen Kader gelingt - wovon zumindest Köllner felsenfest überzeugt ist. Die ersten beiden Spiele geben ihm durchaus Recht. Sowohl gegen Berlin (0:1) als auch gegen Mainz (1:1) war der FCN ein gleichwertiger Gegner.



insgesamt 4 Beiträge
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hileute 16.09.2018
1. Der Club gehört in die Bundesliga
aber der Abstieg wird sehr schwer zu verhindern sein
treime 16.09.2018
2. Macht doch jeder "Traditionsclub" mittlerweile...
Bei der Fortuna - dem Mitaufsteiger - wird das seit Jahren genauso gehandhabt! Die Zeiten, wo in den 80' & 90'ern Kredite aufgenommen und abgewrackte Ex-Stars gekauft wurden, um dies und jenes zu erreichen, die sind lange vorbei. Alles was nach den Plätzen 11/12 der BuLi kommt, verdient gar nicht genügend Geld, um den perfekten Grundstein zu legen. Die Etablierten ziehen sich die meiste Kohle rein, so geht die Schere seit Jahren auseinander und die Bayern wundern sich, dass sie keine Gegner mehr haben? Nein, die wollen noch mehr vom Kuchen, damit sie ja in der CL mithalten können, die armen Bayern... Würde das Geld tatsächlich gerechter verteilt werden, würde die Liga auch wieder spannender und müßte nicht zwangsläufig Abstiegs- und Aufstiegsspiele schauen.
Franke aus Hamburg 16.09.2018
3. Es wird...
... schwer für den Clubb. Trotzdem sehr ich die Franken am Ende der Saison auf Platz 14.
schorri 16.09.2018
4. Das wird knapp
Der Club hat einen Kader, mit dem die Bundesliga (eigentlich?) nicht zu halten ist. Dazu kommt noch - und das ist wenig professionell - dass man zwei "Hoffnungsträger" erst nach Saisobeginn verpflichtete. Für die kann man ein Drittel der Saison scon mal abschreiben. Wär' schön, wenn der Club drin bliebe; ein Funken Hoffnung ist ja da. Aber realistisch: Es wird nicht reichen.
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