Bayerns verhaltene Meisterfeier Trockener Abgang

Die Niederlage gegen den VfB Stuttgart sorgte in München nur für einen kurzen Stimmungsdämpfer vor den routiniert abgehaltenen Meisterfeierlichkeiten. Wenigstens Jupp Heynckes landete einen letzten überraschenden Coup.

Jupp Heynckes
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Jupp Heynckes

Aus München berichtet Florian Kinast


Die ausgetüftelte Strategie von Jupp Heynckes ging noch einmal auf. Auch bei seinem allerletzten Auftritt zu Hause überzeugte der Trainer des FC Bayern mit einer taktischen Glanzleistung, die seinen Vorgängern Pep Guardiola und Carlo Ancelotti nicht gelungen war: Heynckes entzog sich bei den Meisterfeierlichkeiten in der Münchner Arena der Weißbierdusche. Ein in jeder Hinsicht trockener Abgang nach seinem letzten Heimspiel, das einen leicht faden Beigeschmack hinterließ, aber auch Warnung war.

So unbedeutend das 1:4 gegen den VfB Stuttgart auch gewesen sein mochte, so trübte das Ergebnis kurz die anfangs noch so fröhliche Laune an diesem heiteren Frühlingstag. "Das war eines Meisters nicht würdig", grummelte etwa Thomas Müller und fügte später noch hinzu: "Das haben wir uns anders vorgestellt. Wir haben viele Spiele und die ganze Meisterschaft mit einer überragenden Mentalität gewonnen. Das war nicht unser bester Tag." In der Tat nicht, vielmehr war es der spielerisch schlechteste in dieser Saison. Die Mannschaft wirkte müde, sie ergab sich hilflos und ohne viel Widerstand einem wachen VfB Stuttgart.

Torschützenkönig Robert Lewandowski
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Torschützenkönig Robert Lewandowski

Es gab tatsächlich Momente in dieser Partie, da stand zu befürchten, dass die entspannte Stimmung kippen könnte. Als Heynckes nach den beiden Gegentoren zum 1:3 und 1:4 kurz nach der Pause wie versteinert auf der Bank saß und so ernst wirkte, als zittere der FC Bayern um den Klassenerhalt.

Und als erstmals Pfiffe gegen Robert Lewandowski ertönten, nach 67 Minuten, als der Stürmer einen Ball aus guter Position weit übers Tor in Richtung Südtribüne Mittelrang drosch. Seine Liebäugelei mit einem Wechsel zu Real Madrid, sein fehlendes Bekenntnis zum FC Bayern, der verweigerte Handschlag mit Heynckes vor einer Woche in Köln: Lewandowski hatte in den vergangenen Wochen wenig dafür getan, um sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen.

Keine Anastacia, keine Go-Pros

Und doch war dann, etwa 20 Minuten nach Abpfiff, alles wieder vergessen, Lewandowskis chronisch schlechte Laune genauso wie das schlechte Spiel. Um 17.39 Uhr überreichte Ligapräsident Reinhard Rauball die Meisterschale an den langzeitverletzten Stammkapitän Manuel Neuer, der möglicherweise beim Pokalfinale in Berlin wieder im Kader stehen könnte.

Dann begann das übliche, nach sechs Meisterschaften in Serie inzwischen sehr routinierte Prozedere. Abgesehen davon, dass man diesmal dankenswerterweise auf die Peinlichkeiten des Vorjahrs verzichtete, als man Sängerin Anastacia ein bedenkliches und viel zu langes Halbzeit-Konzert gewährte und später Go-Pro-Kameras an den Biergläsern installierte, war alles wie immer.

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Die Spieler liefen mit der Schale über den Rasen, Konfetti regnete in Rot und Weiß und Gold hernieder, dann kamen Angehörige auf den Platz, Frauen und Kinder zuerst. Wie jedes Jahr kickte Arjen Robben mit seinen Kindern, während Javi Martínez als fürsorgender Sohn seine extra eingeflogene Mutter namens Fortuna Aguinaga präventiv vor etwaigen Weißbierduschen rücksichtsloser Mitspieler beschützte.

Pokal ein anderes Gefühl

Tapfer wehrte sich auch Hermann Gerland gegen den obligaten Gerstensaft-Überguss, wie in seiner Zeit als Aktiver beim VfL Bochum schlug er mit gekonnten Links-Rechts-Täuschungen flinke Haken und enteilte dem spurtstarken Thomas Müller über den halben Platz, bevor der ihn doch erwischte. Sportdirektor Hasan Salihamidizic hingegen nahm wenig mannhaft seine eigenen Kinder als lebendes Schutzschild, Corentin Tolisso tat unterdessen bei seiner allerersten Meisterfeier für den FC Bayern das, was man mit gut gefüllten Biergläsern auch tun sollte: Er nahm einen kräftigen Schluck.

Bierduschen beim FC Bayern
Getty Images

Bierduschen beim FC Bayern

Und Heynckes? Der hatte sich um 17.48 Uhr heimlich davongeschlichen. Grußlos ging er die Treppe hinab Richtung Kabinengang. "Bierduschen sind überholt", sagte Heynckes später, "ich habe mir das schon vor dem Spiel überlegt, dass ich möglichst schnell in die Kabine gehe. In meinem Alter ist das nicht mehr notwendig, dass man damit überschüttet wird." Dann sprach Heynckes noch von der "geordneten Defensive" des VfB Stuttgart, von den erfolglosen "Flanken aus dem Halbfeld" bei seiner Mannschaft.

Kurz vor der Abfahrt zur weiteren Feier mit dem Bus zog Müller aus der Niederlage noch ein positives Fazit: "Das war ein guter Aufhänger, um die Spannung wieder hoch zu halten und ab Dienstag mit voller Kraft Richtung Pokalfinale zu trainieren. Am kommenden Samstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) könnte es sogar eine emotionale Feier werden. Anders als an diesem Samstag.



insgesamt 58 Beiträge
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telarien 12.05.2018
1. Spielplan Bundesliga
Sollte dringend so abgestimmt werden, dass Bayern keine Spiele am Ende gegen andere Vereine aus Süddeutschland hat. Die Nachbarschaftshilfe kommt nicht zum ersten Mal. Und Frankfurt noch mal einen reingewürgt, passt auch. Ein würdiger Meister beendet eine Saison anders.
simsim22 12.05.2018
2. @1
Meines Wissens hat beispielsweise Paris heute auch das letzte Heimspiel als schon feststehender Meister verloren und wenn man das Spiel anschaut war Bayern überlegen hat nur verpasst die Tore zu machen und Stuttgart war einfach abgezockt und hat deshalb verdient gewonnen. Außerdem hatte es Frankfurt in der eigenen Hand und hätte bloß gewinnen müssen. Wenn man verliert sollte man nicht immer bei anderen die Schuld suchen. Aber es bleibt ja noch eine Chance für die Eintracht, man muss einfach bloß wieder selber gewinnen und zwar im Pokal
fabio93 12.05.2018
3. Also bitte
Die Bayern haben doch heute nicht absichtlich verloren. Der VfB hat gut gekontert und effektiv gesiegt. Die Frankfurter müssen ihre Spiele eben gewinnen, wenn sie international spielen wollen. Im DFB Pokal Finale können sie es ja noch richten. werden sie aber wohl eher nicht
räbbi 12.05.2018
4.
Zitat von telarienSollte dringend so abgestimmt werden, dass Bayern keine Spiele am Ende gegen andere Vereine aus Süddeutschland hat. Die Nachbarschaftshilfe kommt nicht zum ersten Mal. Und Frankfurt noch mal einen reingewürgt, passt auch. Ein würdiger Meister beendet eine Saison anders.
Naja, die Jungs haben jetzt alle Pokal und vor allem WM im Kopf. Warum heute ein böses Foul und/oder eine Verletzung riskieren? Vereinchen aus der Holzklasse wie VfB oder Eintracht werden denen herzlich wurscht sein.
hisch88 12.05.2018
5.
Zitat von telarienSollte dringend so abgestimmt werden, dass Bayern keine Spiele am Ende gegen andere Vereine aus Süddeutschland hat. Die Nachbarschaftshilfe kommt nicht zum ersten Mal. Und Frankfurt noch mal einen reingewürgt, passt auch. Ein würdiger Meister beendet eine Saison anders.
Sie haben vergessen zu erwähnen, dass eine viel wichtigere Schützenhilfe in 2015 zwischen HSV und Schalke stattgefunden hat um Freiburg ab zuschießen oder anders ausgedrückt um den HSV in der ersten Liga zu halten. Da gab es für Schalke nichts zu gewinnen oder zu verlieren. Würdig war das für einen Verein wie Schalke aber auch nicht. Ich hatte vermutet, dass es diesmal wieder so gemacht werden sollte im Sinne des HSV Klassenerhalts, scheint aber doch ein wenig zu offensichtlich zu werden so eine Wiederholung.
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