Hamburger SV Schlechte Laune, gutes Zeichen

"Zum Kotzen! Ärgerlich! Dreckstore!": Hamburgs Trainer Bruno Labbadia war nach der knappen Niederlage gegen den FC Bayern bedient. Dabei nimmt sein Team viel Positives für die kommenden Spiele mit.

Aus dem Volksparkstadion berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Das Erstaunlichste am Spiel des FC Bayern beim Hamburger SV waren nicht die Tore, zwei für den Gast aus Süddeutschland, eines für den Gastgeber aus dem Norden. Das Erstaunlichste war auch nicht der Umstand, dass die Hamburger lange mitgehalten hatten mit dem Meister und bis zuletzt auf einen Punkt hoffen durften. Das Erstaunlichste war die Laune von Hamburgs Trainer Bruno Labbadia nach dem Spiel.

Sie war ziemlich schlecht.

Wer gegen den FC Bayern spielt, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Mit einer Lektion, einem Debakel, einer Niederlage mit drei bis sieben Toren Unterschied. Die Hamburger haben ein besonderes Gespür für solche Demütigungen. Sie haben in den vergangenen Jahren 0:5, 0:8 und 2:9 gegen die Münchner verloren. Ein ähnliches Ergebnis wäre auch beim Rückrunden-Start im tiefgefrorenen Volksparkstadion keine Sensation gewesen. Labbadia hätte sich freuen können, dass die Niederlage mit 1:2 human geblieben war.

Stattdessen polterte er wild drauf los. "Es ist zum Kotzen für uns, weil wir heute so billige Tore kassiert haben", sagte Labbadia. Und: "Das ist einfach ärgerlich" Und: "Es bleibt die Verärgerung, dass wir zwei Dreckstore kassiert haben." Seine Spieler waren übrigens ähnlich angefressen.

Jahrelang haben sich die Hamburger zum Gespött der Bundesliga-Republik gemacht. Zweimal nacheinander wären sie fast abgestiegen. Dass sie sich mittlerweile wieder köstlich über eine unglückliche, aber nicht unverdiente Niederlage gegen den FC Bayern ärgern können, zeigt, dass es vorangeht beim größten Pflegefall, den der deutsche Fußball in der jüngeren Vergangenheit zu bieten hatte.

Es entspricht nicht dem Selbstverständnis des HSV unter Labbadia, sich mit knappen Niederlagen zufriedenzugeben oder sich dafür auf die Schulter zu klopfen, dass die nächste Demütigung ausgeblieben ist: "Ich sage nicht: 'Klasse, dass wir nur 1:2 gegen die Bayern verloren haben.'"

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Trotz des Ärgers über die Niederlage, die tatsächlich durch ziemlich dämliche Gegentore zustande gekommen war, nehmen die Hamburger natürlich viele Erkenntnisse aus dem Spiel mit, die ihnen Mut machen. Sie hatten es vor allem in der ersten halben Stunde und zum Ende geschafft, die Münchner unter Druck zu setzen; ihre Abwehr stand insgesamt ordentlich, obwohl mit Emir Spahic die eine Hälfte des etatmäßigen Innenverteidiger-Pärchens fehlte und mit Johan Djourou die zweite Hälfte noch unter der Woche unter Knie-Beschwerden litt; sie hatten es geschafft, aus dem Nichts ein Tor zu erzielen mit Aaron Hunts Freistoß, den Xabi Alonso in der 53. Minute ins eigene Netz abfälschte; sie waren nicht auseinandergebrochen. "Wir waren gallig und aggressiv. Das müssen wir auch in den kommenden 16 Spielen zeigen", sagte Mittelfeldspieler Lewis Holtby.

Ein Punkt gegen den FC Bayern wäre ein schöner Bonus gewesen für die Hamburger, ein unerwartetes Extra. Die Partien, in denen der HSV punkten muss, kommen noch. Bis Ende Februar geht es für den Klub unter anderem gegen Stuttgart, Köln, Frankfurt und Ingolstadt. Spiele gegen solche Mannschaften werden darüber entscheiden, wohin es für die Hamburger geht. Ob sie den Aufwärtstrend fortsetzen, der seit Labbadias Amtsantritt im April zu besichtigen ist, oder ob sie in alte Muster zurückfallen und wieder bis in den Frühling hinein um den Klassenerhalt zittern müssen.

So oder so ist auch dem Gegner nicht entgangen, dass sich beim HSV etwas tut. "Hamburg ist nicht mehr die Mannschaft der vergangenen zwei Jahre", sagte Bayerns Trainer Guardiola.

Labbadia saß neben ihm auf der Bühne des Pressesaals und machte bei diesen Worten schon wieder einen versöhnten Eindruck. Vielleicht hatte beim Hamburger Trainer schon die Erkenntnis eingesetzt, dass diese Niederlage doch ihre guten Seiten hatte. Dass dieses 1:2 für den HSV zumindest ein Sieg im Kleinen war.

Zusammengefasst: Der Hamburger SV hat - ganz anders als in den Vorjahren - gegen den FC Bayern gut mitgehalten. Durch viel Einsatz konnte das Team von Bruno Labbadia die Münchner am Spielaufbau hindern. Der Trainer ärgerte sich nach dem Spiel deswegen über die zwei Gegentore.



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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Broko 23.01.2016
1.
Offensichtlich sieht Labbadia seinen HSV bereits wieder auf Augenhöhe mit dem FC Bayern - anders ist seine unangemessene Gemütslage nicht zu erklären! Wer allerdings den Weg des HSVs seit Jahren verfolgt, wundert sich nicht: Sein und Schein drifteten am Rothenbaum schon immer um Lichtjahre auseinander ...
petruz 23.01.2016
2. naja
der HSV Treffer war jetzt auch nicht viel besser rausgespielt und ebenso ein "Kacktor". Und der Sieg der Bayern auch verdient.
andreios 23.01.2016
3. @Broko
Wenn sich ein Trainer nach einer guten Leistung nicht über eine Niederlage aufregt dann läuft etwas schief.Nach einem unnötigen Elfmeter das bis dahin ziemlich ausgeglichene Spiel selbst in den Sand zu setzten ist eben ärgerlich! Und am Rothenbaum wird eher Tennis gespielt...
vonschnitzler 23.01.2016
4. @andreios
ausgehleichenes Spiel? Die letzten Minuten, OK, da hätte der Ausgleich fallen können ansonsten war der HSV mit 1:2 gut bedient. Die Überlegenheit war zwar nicht so heftig wie in der Hinrunde, was positiv für den HSV und negativ für den FCB zu sehen ist aber genau deswegen kann Labbadia durchaus zufrieden sein. So ein Gemecker ist nicht hilfreich.
freiheit46 23.01.2016
5.
Der Maßstab für den HSV ist das schlechte Spiel der Bayern?
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