Debatte um die 50+1-Regel Spiel mit verdeckten Karten

Der deutsche Profifußball diskutiert am Donnerstag über eine weitere Öffnung der Vereine für Investoren. Aber wer genau debattiert da? Nicht alle Parteien legen ihre Ziele offen. Zeit für ein paar Nachfragen.

Fürther Fußballfans in Aue
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Fürther Fußballfans in Aue


An diesem Donnerstag wird bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) über ein Thema debattiert, das viele für einen grundlegenden Konflikt halten, in dem sich die Zukunft des deutschen Fußballs entscheidet. Es geht um eine mögliche Lockerung der sogenannten 50+1-Regel. Die sieht vor, dass Investoren nur in streng regulierten Ausnahmefällen Stimmmehrheiten an Klubs übernehmen dürfen - und damit die Kontrolle über das operative Geschäft erlangen.

Die 50+1-Regel...
    ...besagt, dass Investoren ungeachtet der Höhe ihrer Anteile nicht die Stimmenmehrheit an einem Fußballklub erlangen. Viele Bundesligaklubs haben ihre Lizenzspielerabteilungen als Kapitalgesellschaften ausgegliedert, um so Investoren anzulocken. Mit der Regel soll verhindert werden, dass diese Geldgeber die Entscheidungshoheit über diese Bereiche übernehmen können.

Aber wie und wo wird dieser Kampf ausgetragen? In den Stadien ist die Formel "50+1" allgegenwärtig, auf Bannern und Transparenten der Fans. Die meisten Anhänger in den Kurven sind strikt gegen eine Änderung der bestehenden Regel. Was aber sagen die Menschen, die am Ende darüber entscheiden, wie es weitergeht? Klare Aussagen auf Seiten der Vereine sind nicht immer leicht auszumachen.

Der SPIEGEL hat daher bei allen 36 Klubs der Bundesligen nachgefragt: Wie halten sie es mit dem Erhalt der 50+1-Regel? Nur gut ein Drittel der Erst- und Zweitligisten spricht sich ohne Wenn und Aber für die Beibehaltung der Regel in der gegenwärtigen Form aus, wobei fast zwei Drittel angeben, die Grundidee zu begrüßen, aber Verbesserungsbedarf sehen. Es ist ein heterogenes Meinungsbild.

Da gibt es Menschen wie Andreas Rettig, Geschäftsführer des FC St. Pauli. Er hält die Regel für "das letzte Stoppschild einer immer weiter fortschreitenden Kommerzialisierung". Oder Axel Hellmann, Vorstandsmitglied von Eintracht Frankfurt. Er plädiert dafür, dass die Vereine die Steuerung der Klubs an Investoren abgeben dürfen. Unter bestimmten Bedingungen zwar: Vereinswappen, Farben, Stehplätze und Standort müssten bleiben, auch ein Weiterverkauf soll reguliert werden. Aber Spielerkäufe oder Trainerentlassungen könnten von den Geldgebern gesteuert werden.

Strategie der Hinterzimmerdiplomatie

In der Liga wird intensiv sondiert, welcher Klubvertreter welche Haltung vertritt. Das Bündnis "ProFans" vermutet, dass die DFL in Person ihres Geschäftsführers Christian Seifert die Position des Frankfurter Vorstands Hellmann unterstützt, der Investoren gegenüber offen ist. Mit einer Strategie der Hinterzimmerdiplomatie habe die Liga vor, "eine Meinungshoheit herzustellen, um erst wenn die Stimmung zugunsten einer Modifizierung gekippt ist, selbst aus der Deckung zu kommen". So zumindest sehen es die Fans.

Der Verband weist solche Behauptungen zurück. "Unterstellungen, wonach die DFL bereits im Vorfeld des Diskussionsprozesses heimlich an einer Neuregelung der 50+1-Regel arbeite, entbehren jeder Grundlage", erwidert ein Sprecher und sagt: "Damit soll offensichtlich Stimmung gemacht und die vom neunköpfigen DFL-Präsidium einstimmig beschlossene Grundsatzdebatte noch vor ihrem Beginn diskreditiert werden."

Welche Rolle aber spielt die DFL selbst in dieser Grundsatzdebatte? Es gelte, findet Geschäftsführer Seifert, die Diskussion "offen zu führen und sich dabei nicht mit Fragen aufzuhalten, ob jetzt ein Scheich oder ein Russe als Investor kommt". Auf dem Neujahrsempfang der DFL hatte Seifert gesagt: "Wir müssen endlich ehrlich darüber sprechen, ob es zwischen Radikalpositionen eben doch Wege geben kann, bei denen demokratische Teilhabe, soziales Miteinander in Klubs und Mitbestimmung gesichert sind und dennoch Investorenrechte eingeräumt werden können."

"Leider keine echte Diskussion"

Wolfgang Holzhäuser ist gespannt, wie diese Gespräche aussehen könnten. Der ehemalige Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, der zu den Gründungsvätern des Ligaverbandes zählt, plädiert für eine Öffnung für Investoren. Doch den Weg dahin betrachtet auch Holzhäuser mit Skepsis. Seit Jahren "findet vor den Abstimmungen im Ligaverband mit den Klubs selbst leider keine echte Diskussion mehr statt", sagt er.

Klubvertreter, die bei Sitzungen in Frankfurt dabei waren, berichten von Seifert-Reden, die zwar durchaus Alternativen aufzeigen, die Gesellschafter aber in eine bestimmte Richtung lenkten. Namentlich genannt werden wollen die Ohrenzeugen allerdings nicht, den offenen Konflikt mit Seifert möchte niemand.

Der jüngste Ärger um die Montagspiele, die von vielen Klubvertretern kritisiert werden, zeigt, nach welchen Mechanismen die Versammlung der 36 Mitglieder ihre Entscheidungen fällt - aber auch, dass hinterher niemand für die Entscheidung verantwortlich sein will.

Ligaverband als Sündenbock?

Wurde den Vereinen der TV-Vertrag, in dem der neue Spieltermin enthalten war, ohne echte Alternativen von der Liga untergejubelt? Oder distanzieren sich die Klubs im Nachhinein von einer Entscheidung, die sie selbst mitgetragen haben, und machen jetzt den Ligaverband zum Sündenbock? Frankfurts Präsident Peter Fischer hat dem WDR zwar gesagt: "Wir alle waren dafür, weil es um Geld geht. Und auch dieser Montagspieltag hat uns als Verein Geld gebracht." Fischer will aber jetzt nach Fanprotesten die Montagspiele wieder abschaffen. Auch, weil sie nicht so lukrativ zu sein scheinen wie zunächst erhofft: "Das ist eine überschaubare Summe."

Könnte der Entscheidungsprozess rund um die 50+1-Regel ähnlich ablaufen? Sicher ist, dass Vorstände, Präsidenten und Sportdirektoren, die über die Zukunft des Fußballs entscheiden, ihre Entscheidungen anhand von Einzelinteressen ihrer Vereine fällen. Sie haben Verträge, die noch zwei, drei Jahre laufen oder wollen wiedergewählt werden, haben den Klassenerhalt im Sinn, den Bau eines neuen Gebäudes fürs Nachwuchsleistungszentrum, die teure Vertragsverlängerung mit dem Publikumsliebling.

Aber die Interessen eines einzelnen Vereins sind nicht die gleichen Interessen wie die der Liga als ganze. Für den FC Bayern zum Beispiel ist es wünschenswert, finanziell deutlich besser gestellt zu sein als die Konkurrenz. Für das Gesamtbild der Bundesliga ist das aber nicht unbedingt positiv, sorgt es doch für fehlende Spannung.

Wer sieht das große Ganze?

Der Blick aufs große Ganze, auf die Zukunft des professionellen Ligafußballs in Deutschland, müsste von der DFL kommen, von Seifert und seinen Leuten. Aber anhand welcher Kriterien wird diese Vision entwickelt? Das wesentliche Kriterium, an dem der Erfolg der DFL und ihrer Geschäftsführung gemessen wird, ist bisher: mehr Umsatz, mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, national wie international. Was aber ist mit dem Erhalt demokratischer Strukturen, Mitsprache der Mitglieder in den Klubs? Vielleicht liegt hier ein Konstruktionsfehler der Liga vor: Am besten ist, was das meiste Geld bringt, einen anderen Auftrag scheinen die Ligafunktionäre nicht bekommen zu haben.

Aber wer, wenn nicht Seifert und die DFL hätten denn überhaupt die Aufgabe, weiter zu denken, den Bundesligafußball als Gesellschaftsphänomen in eine erfolgreiche Zukunft zu führen? Klubs wie Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund oder der FC St. Pauli stellen genau diese Fragen: Fördert ein Wegfall von 50+1 tatsächlich den Wettbewerb, wie die Befürworter der Abschaffung behaupten? Oder klafft die Schere innerhalb der Liga danach noch weiter auseinander? Eine klare Einschätzung vermeidet die DFL derzeit - zumindest will der Frankfurter Verband sie nicht öffentlich erläutern.

Welche Argumente sich schließlich durchsetzen werden, ist noch offen. Klar scheint aber, dass sich die DFL von einer liebgewonnenen Tradition wird verabschieden müssen. In DFB und DFL haben Präsidiumsentscheidungen einem ungeschriebenen Gesetz zufolge einstimmig zu erfolgen - bei der DFL fallen beispielsweise alle wichtigen Präsidiumsentscheidungen mit 7:0 Stimmen. Das dürfte bei einer Abstimmung über 50+1 angesichts der Interessengegensätze kaum gelingen. Ein Grund mehr, die Argumente für und wider offen auf den Tisch zu legen.



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okav 22.03.2018
1. Es geht darum mehr Geld zu bekommen
Kippt die 50 plus 1 Regel, ist der Fan nicht mehr Fan sondern Kunde des Investors, der den Kunden Missbraucht indem er ihm versucht noch das Gefühl zu geben Fan zu sein, damit er weiterhin im Stadion die Klatschpappe schwingt für Stimmung sorgt und Merchandising Produkte kauft. Die Fans sollten in diesem Fall die Stadien vermeiden, die Bratwurst schmeckt auch in der Regional- und Kreisliga und der Rest findet sowieso nur im Kopf statt.
J. Hotzenplotz 22.03.2018
2. Freier Kick für freie Investoren!
Alle alten Zöpfe abschneiden und nur das Geld bestimmen lassen...dann wird alles besser und wir bekommen endlich BL an jedem Tag der Woche...Und endlich bekommen die Balltreter dann auch mal vernünftige Gagen, Balltretervermittler und Funktionäre natürlich auch! Goldene Zeiten werden abbrechen, oder etwa doch nicht?
C. V. Neuves 22.03.2018
3. Sinnvoll?
In Schottland gibt es auch keine Beschränkungen und auch dort dominiert nur eine Mannschaft. In Italien ist Juventus seit sechs Jahren Meister. In Frankreich hat PSG ein Quasimonopol. In Spanien gibt es ein Duopol von zwei Mitgliedergeführten Vereinen. In Österreich sin die beiden beliebtesten und Mitgliederstärksten Vereine (Austria, Rapid) derzeit eher unter ferner liefen während neben RB Salzburg weitere, relativ wenig populäre Provinzvereine relativ erfolgreich sind. Da sieht man also, dass ein Wegfall von 50+1 ausser neuen Ungleichgewichten nichts bringt. England ist ein ganz anderer Fall wegen der dort unvergleichbaren internationalen Vermarktung die für andere Ligen nicht möglich ist. Da laufen einige Vereine nur zur Schaffung von Gewinnen für Eigentümer wie die Glazers und Kroenke, die als solches Titel und Pokale als unnötiges Beiwerk ansehen. Die Qatar Dynastie und Abramovich haben Prestige im Sinn.
ludna 22.03.2018
4. Es geht beim Profifussball nur noch um Geld,
und nicht um Demokratie oder Mitbestimmung der Klubmitglieder. Ich finde das nicht schlimm, wer mitbestimnen will soll in eine Partei oder seinen Gartenverein eintreten. Man sollte sich aber seitens der DFL und der Klubs endlich eindeutig positionieren. Wenn man eine Profiliga sein will, dann mit allen Konsequenzen, wie in den USA. Das würde ich ehrlicher und besser finden. Und guten und spannenden Sport gibt es auch in den US-Profiligen.
H. Krämer 22.03.2018
5. Fußball - Show oder Sport ?
Verkommt der Fußball zu einer TV-Show, weil man das TV-Geld unverzichtbar zwingend braucht, dann gerät der Sport zur Nebensache. Fußballvereine als Investment auf Füßen für Milliardäre, denen ihre millionenschwere Bilder oder Yachten nicht mehr genug sind. Die wollen ihr Geld laufen sehen. TV-Geldgeber bestimmen zusätzlich den Spielplan, damit die Spiele in ein wirtschaftlich optimiertes Gesamt-Event eingebaut werden können; dabei kommt Fußball noch vor, der Fußballanteil wird jedoch austauschbar. Richtigen Fußball mit allem was dazu gehört erleben wir dann noch in den Ligen unterhalb der Profiebene.
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