Aus Dortmund berichtet Rafael Buschmann
Es war der Moment, in dem auch dem letzten zweifelnden Zuschauer im Dortmunder Stadion klar war, dass nichts mehr schiefgehen konnte. Als Jürgen Klopp zur Eckfahne rannte, um den Torschützen zum 2:0, Shinji Kagawa, in den Dortmunder Nachthimmel zu heben, stand fest: Borussia Dortmund ist Deutscher Meister 2012.
Im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach hatte der BVB mit einem 2:0 (1:0) den Titelgewinn perfekt gemacht. Anschließend kannte der Jubel unter den Spielern, den Fans im Stadion und in der Dortmunder Innenstadt keine Grenzen mehr. Kagawa, nach seinem Treffer noch mit Trainer Klopp an der Eckfahne vereint, schlich sich nun von hinten an seinen Coach heran. Der nach zahlreichen Bierduschen seiner Spieler bereits triefende Klopp drehte sich um, sah den kleinen Japaner und schaute unbesorgt wieder weg.
Wahrscheinlich hatte selbst Klopp, dessen Verhältnis zu Kagawa fast väterliche Züge trägt, nicht damit gerechnet, dass der sonst so schüchterne Japaner ebenfalls ein 5-Liter-Glas über ihn ergießen wollte. Doch genau das tat der 1,72 Meter kleine Mittelfeldspieler, begleitet von einem fast kindlichem, quiekendem Lachen. Nach der erneuten Bierdusche schaute sich Klopp irritiert um und bekam gerade noch mit, wie Kagawa sich das Trikot vom Leib riss und jubelnd Richtung Südtribüne lief, wo bereits ein Großteil seiner Kollegen feierte.
Weidenfelder, Leitner und Kehl übten immer wieder den Diver
Anders als im vergangenen Jahr jubelte die Mannschaft dieses Mal alleine auf dem Rasen, die Fans mussten in ihren Blöcken bleiben. Der BVB wollte damit verhindern, dass der Rasen vor dem letzten Saisonspiel noch einmal neu verlegt werden muss. Ob das literweise vergossene Bier dem Geläuf allerdings gut tun wird, ist fraglich.
Den Spielern war die Platzpflege egal. Torwart Roman Weidenfelder, Moritz Leitner und Kapitän Sebastian Kehl übten immer wieder den Diver, rutschten direkt vor der Südtribüne auf ihren Bäuchen über den Rasen. Wenn Leitner nicht gerade auf dem Boden glitt, spielte er mit Verteidiger Mats Hummels Bulle und Torero, Hummels ließ den jungen Mittelfeldspieler wie einen Stier auf eine Meisterschale zulaufen. Währenddessen holte der zweite Torschütze des Abends, Ivan Perisic, eingewickelt in eine kroatische Flagge immer wieder neues Bier ins Stadioninnere.
Die Spieler wurden dabei noch über eine Stunde nach Spielschluss von der vollständig gefüllten Südtribüne gefeiert. Keiner der über 20.000 Zuschauer dort verließ das Stadion vorzeitig, zeitweise wirkte die größte Stehplatztribüne Europas wie eine riesige Hüpfburg. Aufgrund der zahlreichen abgefackelten bengalischen Feuer roch es im Stadion zudem wie in der Silvesternacht. Hummels schwärmte: "Diese Südtribüne ist für jeden eine Verpflichtung. Das motiviert uns jedes Mal unglaublich. Für diese Leute spielen wir."
"Wir sind hier eine Familie"
Während die Spieler vor der Südtribüne feierten, standen ihre Frauen und Kinder am Mittelkreis und klatschten ihnen zu. Lewandowski sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir sind hier eine Familie. Wir mögen uns. Wir kennen uns. Unsere Familien geben uns viel Kraft."
Dabei begann der Spieltag für die BVB-Zuschauer eher dramatisch. Nachdem sich Tausende Fans bereits fünf Stunden vor dem Spiel gegen Mönchengladbach zum Alten Markt und ins Kreuzviertel begaben, erlebten sie in den folgenden Stunden eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Als die U-Bahn, prall gefüllt mit BVB-Fans, um 17.18 Uhr am ehemaligen Westfalenstadion ankam, dröhnte aus Hunderten Kehlen der Schlachtruf: "Deutscher Meister steigt aus." Nur wenige Sekunden später brüllten Hunderte gerade angekommene Gladbacher Fans: "Vize, Vize BVB." Sekunden zuvor hatte Franck Ribéry zum Bayern-Sieg in Bremen getroffen, Dortmund musste aus eigener Kraft Deutscher Meister werden - die perfekt spannende Ausgangslage für den Abend.
Am Ende durfte das Dortmunder Team dennoch ausgelassen feiern. "Wir sind überglücklich. Das haben wir verdient", sagte Kevin Großkreutz, der wegen eines Nasenbeinbruchs nicht gespielt hatte. Auch die Verantwortlichen jubelten: "Die Mannschaft hat es heute wieder überragend gemacht. Ich glaube, es hat selten einen verdienteren Meister gegeben als Borussia Dortmund", sagte Sportdirektor Michael Zorc.
Borussia Dortmund - Borussia Mönchengladbach 2:0 (1:0)
1:0 Perisic (23.)
2:0 Kagawa (59.)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan (73. Leitner), Kehl - Blaszczykowski (88. S. Bender), Kagawa (73. Götze), Perisic - Lewandowski
Mönchengladbach: ter Stegen - Stranzl, Brouwers, Dante, Daems - Nordtveit, Jantschke - Herrmann (64. Ring), Arango (69. Wendt) - Reus, Hanke
Schiedsrichter: Florian Meyer
Zuschauer: 80.720 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Kagawa - Stranzl (5)
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