Drei Thesen zur Bundesliga Was Dortmund noch fehlt

Ein Heimsieg zur vorläufigen Tabellenführung - viel mehr konnte man aus BVB-Sicht vom Spiel gegen Frankfurt nicht erwarten. Doch die Partie hat auch die Schwächen der Borussia aufgezeigt.

Lucien Favre
FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Lucien Favre

Von und Stephan Spiegelberg


1. Favre kann besser reagieren als agieren

Am Ende war alles gut. Ein 3:1-Sieg gegen Pokalsieger Eintracht Frankfurt, das klingt nach einem gelungenen Abend für Borussia Dortmund. Doch der Weg dahin war deutlich mühsamer, als das Ergebnis vermuten lässt. Das lag zum einen an der guten Leistung der Gäste, zum anderen aber auch an der Art, wie der neue BVB-Trainer Lucien Favre seine Mannschaft spielen lässt.

Schon mit der Aufstellung hatte Favre überrascht. Die hochkarätigen Sommerzugänge Axel Witsel und Paco Alcácer fanden sich zunächst auf der Bank wieder. Stattdessen setzte Favre auf defensive Stabilität durch ein vermeintlich kompaktes Mittelfeld und erneut auf Maximilian Philipp als zentrale Sturmspitze. Beides ging nur bedingt auf.

Im Spielverlauf offenbarte Favre aber eine seiner großen Stärken und den Vorteil des exzellent besetzten Dortmunder Kaders: Der Trainer trifft in schwierigen Momenten die richtigen Entscheidungen und hat ausreichend hochkarätiges Personal zur Verfügung, um Partien in der Schlussphase eine entscheidende Wendung zu geben. Die Einwechslungen von Jadon Sancho, Witsel und Alcácer machten den Unterschied. Sancho bereitete die beiden späten Treffer zum 2:1 und 3:1 vor, Alcácer leitete das zweite BVB-Tor ein und erzielte das dritte gleich selbst.

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Dortmunds Sieg gegen Frankfurt: Zwei Wechsel für drei Punkte

2. Die Stürmerfrage ist noch ungeklärt

21 Minuten brauchte der neue Dortmunder Stürmer für sein erstes Tor für die Borussia. Das weckt Erinnerungen an Pierre-Emerick Aubameyang und Michy Batshuayi, die auch jeweils in ihren ersten Bundesligaspielen getroffen hatten - Aubameyang nach 24, Batshuayi nach 35 Minuten. Der entscheidende Unterschied: Alcácer gab in seinen ersten BVB-Minuten nicht den klassischen Mittelstürmer, sondern hielt sich meist in der eigenen Hälfte auf, hatte er nur einen Ballkontakt im gegnerischen Sechzehner und schoss sein Tor nach einer Ecke aus der Distanz vom rechten Strafraumeck.

Ob Alcácer der Heilsbringer in der Sturmzentrale werden kann, lässt sich anhand seines ersten Kurzauftritts also nicht beurteilen. Klar scheint nur: Maximilian Philipp ist kein klassischer Mittelstürmer. In 67 Minuten gelang dem früheren Freiburger nur ein Schuss, der allerdings am Tor vorbeiging. Von seinen 14 Pässen brachte er neun zum Mann und kam - wie Alcácer - nur zu einem Ballkontakt im gegnerischen Strafraum.

Favres Problem: Mit Philipp, Sancho, Marco Reus, Marius Wolf, Jacob Bruun Larsen, Christian Pulisic und Mario Götze hat er ein Überangebot an hochklassigen Offensivspielern für die Außenposition oder als mögliche hängende Spitze. Ein echter Neuner als Anspielstation in vorderster Front, wie es Aubameyang und Batshuayi waren, fehlt bislang. Alcácer ist dafür die einzige Hoffnung.

3. Aus dem Mittelfeld muss mehr kommen

"Wir müssen lernen, den Ball unter Druck besser zu beherrschen", sagte Favre nach dem Spiel. Damit dürfte er vor allem sein defensives Mittelfeld gemeint haben. Mahmoud Dahoud und Thomas Delaney hatten vor allem in der ersten Hälfte Probleme beim Spielaufbau. Die beiden Sechser brachten nur 71,8 Prozent (Dahoud) beziehungsweise 75,4 Prozent (Delaney) ihrer Pässe zum Mitspieler, in der gegnerischen Hälfte lag die Quote bei beiden deutlich unter 60 Prozent. Schwache Werte für Spieler, die in der Schaltzentrale eigentlich für Ordnung und Struktur sorgen sollten.

Der Hauptgrund hierfür war das gute und konzentrierte Pressing der Eintracht. Den Frankfurtern gelang es über weite Strecken, durch diszipliniertes und engagiertes Spiel die Räume eng zu machen und stetig zu attackieren. Das Ergebnis: Nur vier Dortmunder Abschlüsse in der ersten Hälfte, von denen der glückliche Treffer zum 1:0 der einzig wirklich gefährliche war. Dass die Dortmunder Angreifer lange in der Luft hingen, lag vor allem daran, dass aus dem Mittelfeld zu wenige Impulse kamen. Dasselbe Problem hatte der BVB schon beim Unentschieden gegen Hannover.

Erst in der Schlussphase mussten die Gäste ihrer hohen Laufbereitschaft Tribut zollen und wurden müde. Davon profitierten die Dortmunder Joker Witsel, Sancho und Alcácer, die die entscheidenden Akzente setzten. Soll heißen: Wenn der BVB Platz hat, hat er auch die spielerische Qualität, Chancen zu kreieren und Tore zu schießen. Gegen kompakte und aggressive Gegner tut sich die Borussia aber noch schwer.

insgesamt 31 Beiträge
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geradsteller 15.09.2018
1. Es wäre der Liga zu wünschen,
dass Favre dies hinbekommt (Gut, der ehemaligen Mittelstürmer spielt in München); oder Tedesco (Gut, das größte Mittelfeld-Talent u sein Torhüter spielt in München). Wichtig, dass das Fernsehen nicht wieder fünf Spieltage vor Schluss noch eine Meisterschaft von unten spannend reden muss, weil die Bayern schon mit der gekauften Liga Auswahl Meister sind. Und ich gönne Ihnen die Meisterschaft, aber als neutraler Zuschauer gerne am letzten Spieltag.
Currie Wurst 15.09.2018
2. Letztes Jahr...
...wurde der BVB nach 5 Spieltagen schon zum Meister geschrieben, ehe es dann ganz anders kam. Dieses Mal gerne umgekehrt.
Papazaca 15.09.2018
3. Die Mannschaft ist noch nicht eingespielt, ja sie ...
steht noch nicht mal als Mannschaft. Favre probiert noch rum, was auch verständlich ist. Das wird sich zunehmend ändern. Bis dahin ist Geduld angesagt. Bei allen Problemen gibt es aber zwei große Unterschiede zu früher. Das Problem der Defensive scheint lösbar, weil Favre bessere Verteidiger zu Verfügung hat (mittelfristig sind Schmelzer und Piszeck für mich trotzdem problematisch) und das Mittelfeld besser nach hinten arbeitet. Und ganz wichtig: Die Mannschaft hat mehr Kampfkraft, Witzel steht dafür symbolhaft. Es gibt Spieler wie Delaney, die die Brechstange rausholen können. Und die dann Spiele umdrehen können, siehe gestern. Da dümpelte das Spiel auch gefühlte 70 Minuten vor sich hin. Die SPON-Analyse überzeugt mich, man muß Favre und der Mannschaft aber mehr Zeit zugestehen. Gestern hatte man nicht das Gefühl, das diese Mannschaft championsleague-tauglich ist. Aber vielleicht bekommt Favre das noch hin. Übrigens, alle, die Maxi Philips die Mittelstürmer-Rolle zugetraut haben, haben ihm sicher keinen Gefallen getan. Es war nicht nur "wishfull thinking" sondern vielleicht auch eine psychologische Überforderung. Ich traue ihm einiges zu, aber man sollte ihn nicht überfordern. Das gilt auch für die ganze Mannschaft. Einige scheinen die letzte Saison und den damaligen Zustand der Mannschaft verdrängt zu haben, ich sage nur Bosz und Stöger. Also bitte mehr Realismus! Trotz allem habe ich ein gutes Gefühl!
kino.moskwa 15.09.2018
4. Einkaufspolitik
Dortmund hat sich ohne Not ein Überangebot an teils viel versprechenden, teils völlig überschätzten Halbstürmern eingekauft (Schürrle jetzt gerade so verliehen, zu unklaren Bedingungen; Götze wirkt bereits wie ein Sportinvalide; seine Situation wird aber nicht ehrlich benannt). Andere Positionen (die Außenverteidiger z.B.) wurden nicht oder nicht angemessen verstärkt, die Innenverteidigung und der zentrale Sturm erst auf den letzten Drücker. Reus schafft es nicht, die Erwartungen zu erfüllen, weder in Dortmund noch in der N11 - trotz toller Schusstechnik. Schmelzer hat nicht das erforderliche Niveau für Dortmunds Ansprüche, Piszczek hat es nicht mehr. Wenn es nicht gut läuft, sollte Favre früher auswechseln - ein Dribbler wie Sancho kann defensiv starke Teams knacken, Phillip und Wolf (und leider auch Götze) eher nicht. Immerhin steht mit den neuen defensiven Mittelfeldspielern und den beiden neuen Innenverteidigern endlich die Abwehr halbwegs sicher (schade nur, dass vorher das Geld für Toprak ausgegeben wurde und Zagadou gar keine Einsätze mehr bekommt). Es wird ein langer Weg für Dortmund.
Objectives 15.09.2018
5. Habe das Spiel gestern gesehen
und muss klar sagen, dass es in dieser Form für Dortmund niemals zum Titel reichen wird. Die Schwächen des Teams waren offensichtlich. Gerade gegen stärkere Mannschaften und vor allem auswärts werden diese offensichtlich zu Tage treten. Wenn man Dortmund mit Bayern vergleicht, ist da momentan einfach mindestens eine Klasse Unterschied. Gut, die Saison ist noch lang und vieles kann passieren, aber Dortmund müsste sich schon erheblich steigern und vor allem die direkten Duelle gegen Bayern siegreich bestreiten.
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