Frankfurt-Sportchef beklagt Transferpolitik englischer Klubs Kauft England der Bundesliga wirklich die Stars weg?

"20 Millionen für Spieler, die dann irgendwo im Kader stehen" - Frankfurts Sportdirektor Bruno Hübner ärgert sich über das viele Geld der englischen Vereine und sieht die Bundesliga vor einem Ausverkauf. Stimmt das?

Bruno Hübner
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Bruno Hübner


Sportdirektor Bruno Hübner von DFB-Pokalsieger Eintracht Frankfurt sieht immer größere Wettbewerbsnachteile der Fußball-Bundesliga im Vergleich mit der wesentlich finanzkräftigeren englischen Premier League.

"England kann einfach mal einen Spieler für 20 bis 30 Millionen dazunehmen - und dann ist er irgendwo im Kader. Das ist schon Wahnsinn, was mittlerweile die Premier League an Ablösen und Gehältern zahlt", sagte Hübner bei "100 Prozent Bundesliga - Fußball bei Nitro": "Wir müssen aufpassen, da die Gefahr besteht, dass die ganzen Stars und guten Spieler aus der Bundesliga weggeholt werden."

Tatsächlich hat es in diesem Sommer mehrere Abgänge von Bundesligaprofis in Richtung England gegeben, für diese Spieler wurden die höchsten Ablösesummen gezahlt:

  • Naby Keita hat RB Leipzig verlassen und ist für 60 Millionen Euro Ablöse zum FC Liverpool gewechselt.
  • Mönchengladbachs Ex-Verteidiger Jannik Vestergaard spielt jetzt für den FC Southampton. Die Borussia kassierte über 25 Millionen Euro Ablöse.
  • Bernd Leno steht nun beim FC Arsenal unter Vertrag - Bayer nahm für den Torwart 25 Millionen Euro Ablöse ein.
  • Das Abwehrtalent Caglar Söyüncü hat Freiburg in Richtung Leicester City verlassen. Ablöse: 22 Millionen Euro.
  • Andriy Yarmolenko spielt seit dieser Saison für West Ham. Dortmund bekam für den Ukrainer knapp 20 Millionen Euro Ablöse.
Naby Keita
REUTERS

Naby Keita

Bei diesen fünf Transfers haben die Bundesligisten über 20 Millionen Euro Ablöse verdient. Bei keinem dieser fünf Spieler ist es jedoch so, dass der Profi "irgendwo im Kader" steht, wie Hübner sagt und damit indirekt die Transferpolitik englischer Vereine kritisiert. Es ist eher das Gegenteil der Fall, die Premier-League-Klubs investieren sinnvoll.

Keita, Vestergaard und Leno sind bei ihren neuen Vereinen als Stammspieler eingeplant. Söyüncü gilt als Toptalent auf seiner Position und dürfte wahrscheinlich auch bei Leicester auf Einsätze kommen. Yarmolenko könnte hinter den Sturmkonkurrenten Marko Arnautovic und Chicharito Ersatz sein. Am ersten Spieltag kam Yarmolenko zu einem Kurzeinsatz.

Was Hübner in seiner Kritik nicht erwähnt: Die Bundesligisten profitieren auch von den hohen Ablösen, die Englands Klubs bezahlen. Der BVB kassierte mit 20 Millionen Euro eine ordentliche Summe für Yarmolenko, zumal der 28-Jährige nach seiner Verletzung nicht mehr in Dortmund gesetzt war. Die Einnahmen konnte der BVB an anderer Stelle ausgeben - für den belgischen Topspieler Axel Witsel beispielsweise, der künftig die Rolle des Strategen im Dortmunder Mittelfeld übernehmen soll.

Leverkusen kassierte 25 Millionen Euro für Bernd Leno - und hat mit Lukás Hradecky einen gleichwertigen Ersatz gefunden, der aus Frankfurt gekommen ist. Bitter für die Eintracht und ihren Sportdirektor Hübner: Der Klub kassierte keine Ablöse, der Vertrag von Hradecky lief aus. Wenn man so will: Ausgerechnet Frankfurt profitierte nicht vom Geld aus England, während Leverkusen mit dem 18-jährigen Paulinho (18 Millionen Euro Ablöse) aus Brasilien noch ein Toptalent unter Vertrag nehmen konnte.

Bis Januar muss Hübner übrigens keine Abwehrversuche aus England fürchten. Das Transferfenster in der Premier League ist seit der vergangenen Woche geschlossen. Das bedeutet auch, die deutschen Erstligisten können auf keine lukrativen Einnahmen aus England mehr hoffen. Die Bundesligisten dürfen hingegen noch bis Ende August auf dem Transfermarkt tätig werden - und auch Spieler aus der Premier League abwerben.

jan



insgesamt 42 Beiträge
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volkerrachow 14.08.2018
1. Das Problem sind die Berater, nicht die Ablösesummen
Die Sklavenhändler, Berater genannt, sind das Problem. Sie sorgten und sorgen dafür, daß Spieler permanent wechseln und die Verträge nichts gelten. Und sei der Wechsel für den Spieler noch so unsinnig. Wenn der moderne Sklavenhandel eingedämmt würde, würde sich vieles andere auch erledigen bzw. auf ein normales Maß reduzieren. Aber dafür halten in dem Bereich zu viele die Hände auf.
kub.os 14.08.2018
2. Solange...
...in England solch aberwitzige Summen gezahlt werden, ist die Schraube in Deutschland noch nicht überdreht. Ein wenig Demut würde weiterhelfen. Unsere Europameister in der Leichtathletik müssen mit 1.500 Euro/Mo. auskommen. Wird irgendwie verdrängt oder vergessen.
misterknowitall2 14.08.2018
3. Ist doch super!
Endlich können die Vereine der BL noch mehr Geld abschöpfen und damit tolle Dinge tun. Wenn sie jetzt hier die Manager beschweren, wollen sie eigentlich sagen, dass mehr Geld vom TV (oder sonst wem) haben wollen. Die Wahrheit ist doch, dass jeder Fußballer ersetzbar ist. Ab mit den Stars nach England und hier wieder junge Talente nach vorne bringen. Finde ich gar nicht so blöd. Auf die CL können wir gerne verzichten, ist eh reserviert für 6-8 Vereine, die aufgrund des Modus immer nach vorne kommen.
pariah_aflame 14.08.2018
4. Recht hat Hübner
Man muss schon sehr blauäugig sein, um Hübner nicht zuzustimmen. Die Qualität geht nach zum großen Teil in die PL nach England. Das ist natürlich kein von heute auf morgen, sondern ein langfristiges Ausbluten der Bundesliga und anderer Ligen in Europa. Unter den 25 Vereinen, die im Sommer 2018 in Europa am meisten ausgegeben haben, sind 12 Vereine aus der PL. Da macht tatsächlich eher die Masse den Schaden, denn wenn schon so namhafte Vereine wie der FC Fulham nahezu 110 Millionen Euro ausgeben können, wird klar, dass die BL langfristig nur zweitklassig sein wird - wenn sich die Einnahmenseite nicht gravierend verbessert.
jowitt 14.08.2018
5. @ volkerrachow heute, 13:50 Uhr
Zitat von volkerrachowDie Sklavenhändler, Berater genannt, sind das Problem. Sie sorgten und sorgen dafür, daß Spieler permanent wechseln und die Verträge nichts gelten. Und sei der Wechsel für den Spieler noch so unsinnig. Wenn der moderne Sklavenhandel eingedämmt würde, würde sich vieles andere auch erledigen bzw. auf ein normales Maß reduzieren. Aber dafür halten in dem Bereich zu viele die Hände auf.
Es mag ja sein, dass Berater auch einen gewissen Einfluß auf die Transfers haben, sie und diese Praxis allerdings "Sklavenhalterei" zu nennen ist schon eine zynische Verharmlosung von echter Sklavenhalterei: 1. : Nenenn Sie mir einen Sklaven, der sich seine Halter selbst aussucht. Die Spieler können jederzeit ihre Berater wechseln. 2.: Nennen Sie mir einen Sklaven, der Millionen verdient. Soplche sprachlichen Übertreibungen sind leider heute gang und gäbe und tragen in unsäglicher Weise zur Verrohung unserer Sprache bei.
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