Ex-Schiedsrichter Strampe: "Nur Scholl war noch ansprechbar"

Aus Lüneburg berichtet

Er war Fifa-Schiedsrichter, leitete fünfmal die Duelle zwischen Borussia Dortmund und Bayern München. Einmal jedoch entglitt Hartmut Strampe die Partie völlig. Im Interview erinnert sich der damaligen Referee an das Kartenfest mit Kahn und Co. - und zieht den Vergleich zum aktuellen Top-Spiel.

Bayern vs. Dortmund: Historische Kartenflut im Top-Spiel Fotos
Getty Images

Weder in den Jahren davor, noch danach erreichte die Gesichtsfarbe von Uli Hoeneß ein solch kräftiges Rot. Als der damalige Manager des FC Bayern am 28. Spieltag der Saison 2000/2001 nur wenige Minuten nach dem Rückspiel zwischen Borussia Dortmund und dem Rekordmeister aus München vor die TV-Kameras trat, war jedem auch ohne ein Wort bewusst, wie die Stimmungslage aussah.

In den Katakomben des ehemaligen Westfalenstadions bellte Hoeneß wutentbrannt in die Mikrofone: "Zu einem Spitzenspiel gehört auch ein Spitzenschiedsrichter, das ist Strampe sicherlich nicht. Ich habe noch nie eine Partie gesehen, in der ein Schiedsrichter von der ersten bis zur 94. Minute so viele Fehler gemacht hat. Der DFB sollte sich überlegen, ob er Herrn Strampe nicht mal eine Zeitlang aus dem Verkehr zieht." Danach drehte der heute 60 Jahre alte Bayern-Präsident ab, brüllte aber noch im Weggehen: "Der hat heute über 50 Fehler gemacht."

Hartmut Strampe, damaliger Fifa-Schiedsrichter und einer der angesehensten Referees der Bundesliga, saß zu diesem Zeitpunkt in der Schiedsrichterkabine tief im Bauch des Stadions. Von draußen drangen weiterhin die gellenden Pfiffe des Publikums zu ihm. Die Spielbilanz verdeutlicht, was die Gemüter so erhitzte: zwölf Gelbe Karten, davon zehn für die Bayern und zwei für den BVB. Eine Gelb-Rote für den Münchner Bixente Lizarazu, eine Rote für seinen Mannschaftskameraden Stefan Effenberg. Ein weiterer Platzverweis gegen Dortmunds Evanilson. Dazu zwei nicht anerkannte Tore der Borussia, eines der Bayern. Dass das Spiel am Ende 1:1 ausging war damals lediglich eine Randnotiz.

Hartmut Strampe sitzt in seinem kahl eingerichteten Büro im Erdgeschoss der Landesbehörde Niedersachen, für die der heute 56-Jährige seit über 30 Jahren arbeitet. Sein Schnäuzer von damals ist abrasiert, ansonsten wirkt er immer noch durchtrainiert und fit. Vor dem Aufeinandertreffen zwischen dem BVB und Bayern München am Samstagabend (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) erinnert er sich noch mal an eines der außergewöhnlichsten Duelle der beiden Clubs.

SPIEGEL ONLINE: Herr Strampe, wann haben Sie gemerkt, dass das Spiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München vollkommen aus den Fugen geriet?

Strampe: Es gab nicht den einen besonderen Moment. Es war vielmehr so, dass man von vornherein gespürt hat, dass irgendetwas mit diesem Spiel nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die Anzeichen?

Strampe: Die Bayern hatten ja wenige Tage zuvor 1:0 gegen Manchester United gewonnen. Deren Brust war also riesengroß, die wollten es gegen Dortmund unbedingt wissen. Es war ja bereits das Ende der Saison, in dem Spiel ging es um eine erste Vorentscheidung in der Meisterschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich dieser besondere Druck geäußert?

Strampe: Das geht schon beim Anpfiff los. Man sieht Spieler wie Oliver Kahn, Stefan Effenberg oder Jens Jeremies und merkt ihre Anspannung, Aggressivität und Konzentration. Es war zudem ein Live-Spiel auf das ganz Deutschland schaute.

Vor dem Spiel war Dortmund Tabellenzweiter, lediglich einen Punkt hinter Tabellenführer Bayern. Spieler beider Teams sowie Funktionäre provozierten sich bereits seit Wochen gegenseitig. Die Quittung dafür bekam Strampe. Am Ende verteilte er in der hitzigen Partie nur vier Gelbe Karten für Fouls. Die restlichen Verwarnungen sprach er für Unsportlichkeiten wie Ballwegschlagen, Trikotziehen oder Meckern aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Saison 2000/2001 auch das Hinspiel der beiden Clubs gepfiffen. Auch dort verteilten sie schon neun Gelbe Karten und eine Gelb-Rote. Das Spiel endete 6:2 für die Bayern. Vom "Kicker" bekamen sie dafür die Note Zwei.

Strampe: Aber an das Spiel erinnert sich doch niemand mehr. Ich auch nicht. Ich habe etliche Spiele zwischen Dortmund und Bayern gepfiffen. Aber keines war so turbulent wie das 1:1.

SPIEGEL ONLINE: Die Münchner, insbesondere Uli Hoeneß, machten Sie dafür verantwortlich, dass das Spiel dermaßen eskalierte.

Strampe: Nicht nur die Münchner. Nach dem Spiel wollten ja alle etwas von mir. Vor meiner Schiedsrichterkabine standen die Journalisten in Dreierreihen, jeder hatte Fragen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie während des Spiels nicht gemerkt, dass die Partie aus dem Ruder lief?

Strampe: Doch. Ab einem gewissen Zeitpunkt spürte ich, dass die Spieler auf die Karten nicht mehr reagierten. Der einzige Spieler, den ich in der Partie noch normal ansprechen konnte, war Mehmet Scholl. An den Rest kam ich nicht mehr heran.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre größte Fehlentscheidung in der Partie?

Strampe: Richtige Fehlentscheidungen habe ich dort bis heute nicht erkannt. Als ich Effenberg für sein Foul die Rote Karte gab, wusste ich, dass das in den Tagen darauf hohe Wellen schlagen würde. Mich hat im Nachhinein geärgert, dass keine TV-Kamera seinen Ellenbogenschlag so richtig eingefangen hatte. Aber von meiner Position aus konnte ich das ganz genau erkennen.

Strampe pfiff nach diesem Unentschieden noch zwei Jahre weiter, leitete dabei 32 Bundesliga-Partien. Die Partie Bayern gegen Dortmund aber nie wieder. Auch heute arbeitet er noch für den DFB, ist beinahe jedes Wochenende als Schiedsrichterbeobachter unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Gefahr, dass es auch diesmal zu einem solch turbulenten Spiel kommt?

Strampe: Relativ gering. Zum einen gibt es nicht mehr die Typen Effenberg, Kahn oder Jeremies, die auch mal überzogen hart foulten. Diese Sorte von "hinterhältigen" Fouls hat sich mittlerweile überlebt. Die heutigen Spieler wissen, dass sie sich aufgrund der medialen Präsenz kaum noch etwas leisten dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Hat dieses Duell mittlerweile an Brisanz verloren?

Strampe: Nein. Aber alles ist professioneller geworden. Beim vergangenen Aufeinandertreffen zwischen Dortmund und Bayern kam der Schiedsrichter Knut Kircher trotz Elfmeter und reichlich Turbulenzen ohne eine einzige Gelbe Karte aus. Nach dem Spiel hat niemand über ihn gesprochen. Das ist für Schiedsrichter die höchste Auszeichnung.

SPIEGEL ONLINE: Die heutige Begegnung pfeift Peter Gagelmann. Wie groß ist der Druck auf ihn?

Strampe: Sehr groß. Aber alle DFB-Schiedsrichter sind körperlich und psychisch in der Lage, das auszuhalten.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Was ein Spiel
sherminho 01.12.2012
Ich war damals live auf der Süd dabei... Hartmut Strampe ist mir allerdings nicht negativ in Erinnerung geblieben, was wohl an der Kartenverteilung gelegen haben mag ;-) vielmehr der angesprochene Freistoß von Rosicky an den Pfosten und dann in Kahns Arme. Die Bayern haben damals von Schiedsrichter die Quittung für ihr überhartes und unfaires Spiel erhalten... leider sprang kein Sieg für den BVB heraus. Heute wird es anders laufen!!
2. Sach
Stauxx 01.12.2012
"Aber von meiner Position aus konnte ich das ganz genau erkennen." Als einziger in einem Stadion mit 80.000 Menschen. Alle sichtbehindert, auch die Millionen von Fernsehzuschauer.
3. Keine Fehlentscheidungen?
kuechenchef 01.12.2012
War das nicht das Spiel, bei dem Kahn zwei mal hätte vom Platz gestellt und in Summe für ca 36 Spiele gesperrt müssen?
4.
sponner_hoch2 01.12.2012
Zitat von Stauxx"Aber von meiner Position aus konnte ich das ganz genau erkennen." Als einziger in einem Stadion mit 80.000 Menschen. Alle sichtbehindert, auch die Millionen von Fernsehzuschauer.
Vor allem sind die 80.000 ja auch alle wie der Schiri auf dem Feld, direkt in der Nähe der Tat. Ach, nicht? [QUOTE auch die Millionen von Fernsehzuschauer.[/QUOTE] Leicht selektive Wahrnehmng, oder? Sie sollten schon komplett zitieren: "Mich hat im Nachhinein geärgert, *dass keine TV-Kamera seinen Ellenbogenschlag so richtig eingefangen hatte.* Aber von meiner Position aus konnte ich das ganz genau erkennen." Wenn die Kamera das nicht eingefangen hat, können es die Fernsehzuschauer auch schlecht sehen.
5. genau das
dopaul 01.12.2012
Und Effenberg hat die Rote aus Sicherheitsgründen gekriegt - ansonsten hätten ihn spätestens fünf Minuten später die Zuschauer selbst vom Platz geholt... Ein Spiel, welches ich nie vergessen werde.
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Bayern vs. BVB: Die letzten 10 Liga-Duelle
Datum Spielort Ergebnis
01.12.12 München 1:1
11.04.12 Dortmund 1:0
19.11.11 München 0:1
26.02.11 München 1:3
03.10.10 Dortmund 2:0
12.09.09 Dortmund 1:5
08.02.09 München 3:1
23.08.08 Dortmund 1:1
13.04.08 München 5:0
28.10.07 Dortmund 0:0

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