Tabellenletzter Hannover 96 "Auf Wiedersehen!"

Hannover 96 ist kaum noch zu retten. Gegen den HSV gab es die zehnte Niederlage unter Trainer Thomas Schaaf. Das Umfeld scheint längst resigniert zu haben. Einige Fans begleiten den nahenden Abstieg sogar mit Häme.

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Von , Hannover


Thomas Schaaf muss sich seit Wochen die gleichen Fragen anhören, und er gibt darauf seit Wochen ähnliche Antworten. Auch nach dem 0:3 gegen den Hamburger SV wurde Hannovers Trainer gefragt, ob er denn nicht ans Aufgeben denke, und ob er noch Hoffnung auf den Klassenerhalt habe. Schaaf antwortet wie gewohnt. Nein, sein Ziel sei es, die Saison ordentlich zu Ende zu bringen. Und, na klar: Die Hoffnung schwinde mit jedem Spiel, das seine Mannschaft verliere.

Die Hannoveraner bleiben Tabellenletzter nach der zehnten Niederlage im elften Spiel unter Schaaf. Der Rückstand auf den Relegationsplatz beträgt weiter zehn Punkte. Hoffnung auf den Verbleib in der Liga haben nicht einmal mehr eiserne Optimisten. Zu lange schon spielt die Mannschaft zu schlecht, auch wenn sie ihre Sache gegen den HSV eine Stunde lang gut gemacht hatte. Doch nach dem ersten Gegentor durch Cléber zerfielen die Hannoveraner. "Wir müssen zusehen, dass wir uns in den verbleibenden sechs Spielen ordentlich verkaufen", sagte Torwart Ron-Robert Zieler. Das Team ist auf Erstliga-Abschiedstour.

Von einigen Fans gab es die geballte Häme. "Oh, wie ist das schön", schallte es in der Schlussphase durch das ehemalige Niedersachsenstadion. Als die Spieler nach Schlusspfiff in die Kabine marschierten, wurden sie mit bitterbösen Rufen verabschiedet: "Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!" Es gab ein paar Pfiffe, es wurde ein bisschen rumgebrüllt, und natürlich erklangen aus der Nordkurve die fast schon obligatorischen Schmähungen gegen Klubchef Martin Kind. Echte Empörung war aber nicht spürbar. Die Fans scheinen sich längst mit dem Abstieg abgefunden haben. Überhaupt scheint der drohende Abstieg von Hannover 96 vielen Hannoveranern egal zu sein.

Die Stadt stemmt sich nicht gegen den Abstieg

Seit Wochen ist im Umfeld des Klubs Resignation spürbar. Ein echtes Aufbäumen gegen den Sturz in die Zweitklassigkeit ist nicht zu erkennen. Ein Beispiel sind die Zuschauerzahlen in der Rückrunde. Gegen den HSV war das Stadion in Hannover mit 49.000 Zuschauern zum ersten Mal in diesem Jahr ausverkauft, was aber auch am besonderen Reiz des Duells mit dem Nordrivalen gelegen haben dürfte und daran, dass die Hamburger rund 8000 Fans mitgebracht hatten. Davor war der Zuspruch meistens mau. 35.600 Zuschauer kamen zu Schaafs Debüt gegen Darmstadt zum Rückrunden-Start. Gegen Mainz, Augsburg und Wolfsburg waren es es noch weniger. Dass sich eine Stadt gegen den Abstieg stemmt, wie es in der Vorsaison in Hamburg zu besichtigen war, ist in Hannover nicht zu spüren.

Dazu passt, dass sich die Verwaltung vom Klub abgewandt hat. Zumindest gab es im Februar eine krachende Ohrfeige von Hannovers Tourismuschef Hans Nolte, als er nach einer möglichen Kampagne zur Unterstützung des strauchelnden Bundesligisten gefragt worden war. "Eine Kampagne macht nur Sinn, wenn alle mitziehen, sich die Hand geben - und das Produkt stimmt. Das stimmt nach meiner Auffassung aber nicht", ließ sich Nolte in örtlichen Medien zitieren.

Bei Teilen der Fans findet schon seit Jahren eine Entfremdung statt, weil sie sich schlecht behandelt fühlen, vor allem von Klubchef Kind. Unter anderem lasten sie ihm das Ende des Fan-Verbandes "Rote Kurve" und die Schließung eines selbstverwalteten Fan-Ladens an. Die Ultras blieben in der vergangenen Saison komplett weg, bis es in der entscheidenden Phase der Spielzeit einen öffentlich in Szene gesetzten Friedensschluss gab.

"Mit dem Verein habe ich kein Mitleid"

Fans wie Maren Hellemann hat der Verein nicht zurückgewinnen können. Sie gehört dem Fanklub "Die Roten Mädels" an. Früher waren sie mit 20 Leuten regelmäßig im Stadion. Heute gehen nur noch ein paar von ihnen. Hellemann hat ihre Dauerkarte abgegeben. "Viele von uns haben keinen Bock mehr, sich bei minus 15 Grad ins Stadion zu stellen. Daran ist der Verein selbst schuld", sagt sie. Viele Fans haben sich verstoßen gefühlt durch Klubchef Kind und seiner Vision von Hannover 96 als einer nationalen Marke. "Der Verein wollte immer ein Premium-Produkt für seine Kunden. Das hat er jetzt. Aber die Fans bleiben weg", sagt Hellemann.

Der Frust über den drohenden Sturz in die zweite Liga hält sich daher bei Teilen der Gefolgschaft in Grenzen. "Mir tun die Spieler leid. Mit dem Verein habe ich kein Mitleid", sagt Hellemann. Die sportliche Entwicklung der vergangenen Jahre sei so konsequent auf den Abstieg ausgerichtet gewesen, dass man zwar enttäuscht, aber kaum überrascht sein könne, schreibt der Fan-Beirat, ein Gremium, in dem auch die Ultras vertreten sind. Der Beirat lastet dem Klub an, viele Fans verprellt zu haben.

Und man kann sich vorstellen, dass einige Anhänger, die auch bei der Niederlage gegen den HSV wieder ein Banner mit der Aufschrift "Kind muss weg" in der Nordkurve gespannt haben, eine gewisse Schadenfreude über den fast feststehenden Abstieg verspüren.

insgesamt 32 Beiträge
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Navygo 02.04.2016
1.
Die Personen auf dem Photo über dem Artikel sind alles - aberKEINE Fans.
eigener 02.04.2016
2. Das Beispiel Hannover zeigt ...
wo ein Verein landet, wenn Egozentriker und Selbstdarsteller einen Verein führen wollen. In der zweiten Liga, Mindestens. Bader hat schon in Nürnberg bewiesen, was er kann: nichts. Und über Kind braucht man keine Silbe verlieren. Gar keine.
Öko Nom 02.04.2016
3. Kind muss weg
Kommerz steht mittlerweile in weiten Teilen der Liga weit über dem Sport an sich, in Hannover ist das nicht anders, im Gegenteil, seit Kind den Verein auch als Eigentümer übernommen hat, ist es wirklich schlimm geworden, Entertainment statt Sport. Ich habe meine Dauerkarte schon in der Saison 13/14 abgegeben. Bundesliga ist nur noch interessant zu beobachten bei Bayern und BVB, weil die wirklich guten Fussball spielen. Wenn jemand nicht die Budgets hat wie Bayern oder BVB sollte man andere Aspekte verfolgen, zB einen regionalen Bezug der Spieler nach vorn stellen. Das ewige Rotieren von zweitklassigen Spielern aus allen Herrenländern zerstört Authentizität und Bindung zum Umfeld. Back to roots, junge Spieler aus der region bevorzugt einsetzen wäre eine Alternative, die funktionieren könnte. Dass Kind insb. die treuesten aller Fans bekämpft macht es in Hannover besonders schlimm. Leider ist H96 aber mittlerweile das private Eigentum dieses Herrn, also keine wirkliche Veränderung zu erwarten. Da geh ich lieber zu Arminia Hannover ...
2dorland 02.04.2016
4. Steckt System dahinter?
Manager ohne nachweisbare Erfolge, drittklassige Spieler, Abgänge von Leistungsträgern ohne jeden Ersatz, glücklose Trainer. - Wenn es irgendeinen Sinn ergäbe, könnte man meinen, hier wird gezielt auf den Abstieg hin gearbeitet.
alanw 02.04.2016
5. Beinahe geschafft !
Martin Kind hat sein Ziel fast erreicht - die 2. Liga ! Man kann nur bewundern wie zielgerichtet und konsequent er über die letzen Jahre agiert hat - ob mit Fans, Trainer, Berater, Manager oder Spieler hat er alles vermasselt was zu vermasseln wäre. Zu denken, dass alles ohne Absicht geschehen ist, käme eine Beleidigung gleich. Und wir wollen Herrn Kind doch nicht beleidigen.
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