Bayern gewinnt in Augsburg Zittersieg

Augsburg sollte der Testlauf werden für die Bayern vor dem Champions-League-Duell gegen Liverpool. Stattdessen lieferte das Team dem genervten Niko Kovac die Erkenntnis, dass ein Debakel drohen könnte.

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Aus Augsburg berichtet Florian Kinast


Auf die letzte Frage an diesem späten Abend wollte Bayern-Trainer Niko Kovac nicht mehr so recht antworten. Welche Konsequenzen er aus diesem Spiel ziehen würde, diesem erzitterten 3:2 gegen den FC Augsburg, hinsichtlich der Startaufstellung für Dienstag? "Lassen Sie mich eine Nacht darüber schlafen", entgegnete Kovac und zitierte ein altes russisches Sprichwort: "Der Morgen ist schlauer als der Abend."

Kovac hatte davor auch schon genug gesprochen. Und das was er gesagt hatte, war eindeutig, denn so deutlich wie nach dem Auftritt in Augsburg hatte er seine Mannschaft selten kritisiert. Fazit: Was der FC Bayern am Freitag zeigte, reicht bei weitem nicht für Champions League-Gegner Liverpool. Nie und nimmer. Deswegen lagen die Nerven bei Kovac spürbar blank.

Einzig das Endergebnis war erfreulich aus Münchner Sicht. Und die Tatsache, den Rückstand auf Tabellenführer Dortmund bis auf zwei Punkte verkürzt zu haben. Den gerade taumelnden BVB, der am Montag in Nürnberg spielt, wieder unter Druck zu setzen. Das war es dann auch schon mit den positiven Aspekten. Denn ansonsten setzten die Spieler nichts von dem um, was ihnen Kovac mit auf den Weg gegeben hatte. Wie etwa die Vorgabe, endlich mal wieder zu Null zu spielen, mit einer stabilen Defensive, die sich Selbstvertrauen holt für Dienstag.

Und dann stand es nach 13 Sekunden 0:1.

Weil sich die komplette Abwehr übertölpeln ließ und Leon Goretzka mit dem schnellsten Eigentor der Bundesligahistorie den Ball ins Bayern-Tor kickte. Auch bei der Szenerie des zweiten Gegentreffers wirkten die Verteidiger wie unbeteiligte Randfiguren. Wieder ging es über die rechte Seite von Joshua Kimmich, bevor Niklas Süle den Ball halbherzig den Augsburgern in die Füße spielte und Dong-Won Ji zum 2:1 unter die Latte schoss.

Zwischen Augsburg und Anfield liegen Welten

"Ich glaube, das ganze Spiel über hatten die Augsburger drei Schüsse, und zwei waren wieder drin", schimpfte Kovac später über die erschütternde Defensivleistung. "Das ist das, was uns schon die ganze Saison verfolgt. So etwas darf uns in Liverpool nicht passieren."

Dabei sollte Augsburg zum idealen Testlauf werden. Kovac schickte eine Startformation auf den Platz, die sich einspielen sollte für das Achtelfinale in der Champions League gegen den FC Liverpool (19. Februar, 21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: Sky.) Zumal auch Augsburg früh attackierte, ekliges Pressing spielte. Genau das, was die Bayern auch am Dienstag erwarten wird.

Nur wenn sie sich dabei schon gegen den Tabellenfünfzehnten der Bundesliga so plagen, wie soll das erst gegen den Zweiten der Premier League werden? Zwischen Augsburg und Anfield liegen Welten.

Drohendes Debakel

Spielerisch wie auch im Zweikampfverhalten wirkten die Bayern völlig verunsichert. Dass sich Thiago widerstandslos den Ball abjagen ließ, dass man auch in der zweiten Halbzeit Gegenspieler am Fünfmeterraum frei zum Kopfball ansetzen ließ, dass Niklas Süle weitere Fehlpässe spielte, all das dürfte Niko Kovac beschäftigen und beunruhigen.

Denn am Dienstag heißen die Gegenspieler nicht Jan Moravek, Reece Oxford oder Michael Gregoritsch. Dann geht es in der Defensive gegen Mohamed Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino. "Wenn wir in Liverpool anfangen, die drei da laufen zu lassen, dann werden wir uns alle paar Minuten in einer brenzligen Situation befinden. Wenn man die laufen lässt, wenn man sagt, der Hintermann macht das schon..." Den Rest des Satzes ließ Kovac unvollendet. Man konnte ihn sich auch selbst zusammenreimen. Dann droht ein Debakel. Dann ist eben im Achtelfinale Schluss mit Champions League.

Kovac wirkte sichtlich angefasst. Die Reizbarkeit bei ihm war schon während des Spiels zu beobachten. Bei jeder nächstbesten Entscheidung von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus echauffierte er sich beim Linienrichter oder beim Vierten Offiziellen, wer ihm eben gerade über den Weg lief. Zwischendrin ließ er sich sogar auf einen wort- und gestenreichen Ferndisput mit Trainerkollege Manuel Baum ein. Die Nervosität von Kovac ist freilich gut nachzuvollziehen. Es steht am Dienstag viel auf dem Spiel, das Duell mit Liverpool dürfte richtungsweisend sein für den Verlauf der restlichen Saison.

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Bayern-Sieg in Augsburg: King Coman

Atmosphärische Störungen

Der Freitag jedenfalls wies noch nicht in die gewünschte Richtung, hatte Kovac unter der Woche doch noch gesagt: "Das Spiel in Augsburg ist sehr wichtig für die Atmosphäre im Hinblick auf das Liverpool-Spiel." Deswegen herrschten auch atmosphärische Störungen am späten Freitagabend, zwischen Kovac und seiner Mannschaft. Gerade die Fehler in der Verteidigung ließen ihn nicht mehr los, immer wieder kam er auf die Abwehr zu sprechen. "Dass der FC Bayern eine offensiv orientierte Mannschaft ist, ist klar. Aber die Defensive gehört auch dazu. Da müssen wir uns verbessern."

Was Kovac personell ändern wird? Kommt doch wieder Jérôme Boateng für den unsicheren Süle? Umstellen muss der Coach vermutlich in der Offensive, notgedrungen. Dass ausgerechnet Doppeltorschütze Kingsley Coman kurz vor Schluss in die Kabine humpelte und für Dienstag auszufallen droht, war das betrübliche Ende eines ernüchternden Abends. Inzwischen gab der FC Bayern aber Entwarnung.

Mag schon sein, dass am Dienstag alles wieder anders ist und sich die Bayern in Anfield doch in einen Rausch spielen. Der Auftritt am Freitag schürte daran aber mehr Zweifel als Hoffnung.

FC Augsburg - FC Bayern 2:3 (2:2)
1:0 Goretzka (1., Eigentor)
1:1 Coman (17.)
2:1 Ji (23.)
2:2 Coman (45.+3)
2:3 Alaba (53.)
Augsburg: Kobel - Oxford, Khedira, Danso - Schmid, Moravek (78. Koo), Stafylidis (69. Richter), Max- Ji - Cordova, Gregoritsch
Bayern: Neuer, Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Thiago (82. Martínez) - Goretzka - James (56. Müller) - Gnabry (64. Ribéry), Lewandowski, Coman
Schiedsrichterin: Steinhaus
Gelbe Karten: Richter / Goretzka, Martínez
Zuschauer: 30.660



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
ge1234 16.02.2019
1. Dieselbe...
... Abwehr, die in den letzten 4 Jahren unter drei verschiedenen Trainern die mit Abstand wenigsten Tore der Liga zu verzeichnen hatte, hat jetzt schon fast mehr Gegentore kassiert als alle anderen Teams des oberen Tabellenviertels (nur der Tabellenfünfte hat ein Gegentor mehr!). Was sagt uns das? Der Albtraum geht weiter....
Papazaca 16.02.2019
2. Droht den Bayern die Vertreibung aus dem Paradies?
Falls der BVB und Bayern frühzeitig aus der CL rausfliegen, wird die finanzielle Ausstattung der Bundesliga wieder zum Thema. Denn mit den jetzigen finanziellen Mitteln ist die BL - verglichen mit den TV-Einnahmen der Premier League, Scheichgeldern oder den zwei etablierten Großen aus Spanien - nicht mehr konkurrenzfähig. Diese Diskussion kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Ach ja, ich habe ja thematisiert, warum die Bayern, obwohl sie im Paradies leben, momentan so aggressiv sind: Richtig, es droht ein Sturz, die Vertreibung aus dem Paradies. National wie international. Da kann man schon mal aggressiv werden. Das Thema - soviel ist sicher - wird uns noch beschäftigen, auch wenn die Bayern sich gegen Liverpool durchsetzen, was ich hoffe.
Nonvaio01 16.02.2019
3. sehe ich voellig anders
es zeigt das die schreiber ghier nicht viel ahnung vom Fussball haben, und schon garnicht vom coachen. natuerlich wird man gegen Liverpool nicht so spielen wie gegen Augsburg, da wird von vornherein etwas defensiver agaiert, man sielt ja in Liverpool und nicht zuhause, da reicht es zu kontern. Liverpool wird nicht soviel platz bekommen wie Augsburg bei Kontern. Vondaher ist es voellig absurd aus der leistung gegen Augsburg eine vorhersage fuer das spiel gegen Liverpool zu machen. Und 2 klatschen in einer Woche gegen englische teams muss nicht sein..;-) Ein debakel drohen koennte.....da spricht die hoffung des SPON...;-)
Abel Frühstück 16.02.2019
4.
Abwarten. Bin kein Bayern-Fan, aber Liverpool ist nicht Augsburg. in wichtigen Spielen reißen sich die Bayernspieler meist erstaunlich zusammen. Gegen mittel- oder gar unterklassige Vereine (Düsseldorf hat es auch gezeigt), ist zu viel Arroganz im spiel (das Problem hat auch der BVB). Da rutschen große Mannschaften (übrigens auch Liverpool) hin und wieder aus. Auf Liverpool würde ich nicht alles Geld setzen.
Nonvaio01 16.02.2019
5. das die qualitaet der angreifer
Zitat von ge1234... Abwehr, die in den letzten 4 Jahren unter drei verschiedenen Trainern die mit Abstand wenigsten Tore der Liga zu verzeichnen hatte, hat jetzt schon fast mehr Gegentore kassiert als alle anderen Teams des oberen Tabellenviertels (nur der Tabellenfünfte hat ein Gegentor mehr!). Was sagt uns das? Der Albtraum geht weiter....
besser geworden ist...;-)
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