Bayerns Sieg beim BVB Der Gigant rollt wieder

Effizienz, Seriosität, Einsatzbereitschaft - Jupp Heynckes hat den FC Bayern mit einfachen Mitteln an die Spitze zurückgeführt. Das spricht weder für die Professionalität dieses Teams noch für den Rest der Liga.

Jupp Heynckes (l.), Arjen Robben
REUTERS

Jupp Heynckes (l.), Arjen Robben

Aus Dortmund berichtet


Irgendwie hatte der Gedanke eines Reporters Arjen Robben auch geschmeichelt, die Empörung, mit der der Kapitän des FC Bayern nach dem 3:1-Sieg in Dortmund auf die Frage nach dem Triple reagierte, war jedenfalls gespielt. Mit solchen Überlegungen müsse man "sofort aufhören", sagte der Niederländer. Die sagenhafte Verwandlung der Münchner vom Krisenteam zum souveränen Tabellenführer weckt nun einmal wilde Fantasien.

Seit Jupp Heynckes zurück ist, der Mann, mit dem die Bayern 2013 das bislang einzige Triple aus Meisterschaft, Champions-League-Sieg und DFB-Pokal in ihrer 117-jährigen Geschichte erspielten, haben die Münchner ausschließlich gewonnen. Der FC Bayern hat einen Fünf-Punkte-Rückstand auf den BVB in einen Sechs-Punkte-Vorsprung verwandelt. "Als Kapitän darf ich sagen: Ich bin stolz auf die Mannschaft. Wir haben von sieben Spielen sieben gewonnen. Das ist eigentlich der Wahnsinn, Wahnsinn, da gibt es gar keine Worte", sagte Robben.

Fotostrecke

13  Bilder
Fotostrecke: Bayrische Dominanz, ideenloser BVB

Die Bayern haben in Dortmund zwar keinesfalls perfekt gespielt, dazu haben sie viel zu viele gegnerische Großchancen zugelassen, aber immerhin in der ersten Hälfte fand Heynckes sein Team "überragend". Doch das Hauptmerkmal der Bayern ist seit dem Trainerwechsel nicht die Entwicklung einer immer perfekteren Spielweise, sondern die Aktivierung des legendären Münchner Siegergens, vor dem sich sogar Real Madrid fürchtet. "Am Ende hat die Effektivität den Ausschlag gegeben", sagte Mats Hummels.

Robben erzielte ein hübsches Tor, Robert Lewandowski traf einmal, das 3:0 wurde offiziell David Alaba zugeschrieben, auch wenn der polnische Starstürmer angab, den Ball noch "leicht berührt zu haben". Doch der große Star dieser leuchtenden Münchner Herbstwochen ist der große Zauberkünstler Heynckes, der ein energieloses Krisenteam zu einer Mannschaft formte, die einfach immer gewinnt. Mit einer Portion Sadismus, die man dem Ex-Rentner eigentlich gar nicht mehr zugetraut hätte.

Heynckes ist nie zufrieden

Schon Mitte der Neunzigerjahre hatte der heute 72-Jährige den Ruf, ein harter Knochen zu sein. Damals überwarf er sich bei Eintracht Frankfurt mit den wichtigsten Stars, die er nach einem unmotivierten Training mit einem Waldlauf bestraft hatte, was zum Bruch mit dem Team führte. Schulmeisterei wurde Heynckes vorgeworfen, am Samstag trat dieser Wesenszug mal wieder in erstaunlicher Deutlichkeit zum Vorschein.

Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht erzählte Heynckes, dass Abwehrchef Hummels sich in der Halbzeit wegen muskulärer Probleme auswechseln lassen wollte. "Aber das habe ich verweigert", sagte der Trainer, der regelrecht berauscht wirkte von der sensationellen Kraft, die seine Arbeit entfaltet. Und dann berichtete er ungefragt von all den fiesen Maßnahmen, mit denen er die Spieler während der vergangenen Wochen gequält hat. Er sei "nie zufrieden" und habe einen "Leistungsanspruch, der sehr hoch ist", daher nerve er das Team permanent mit "Korrekturen im Training, Powerpoint-Präsentationen, Analysen und so weiter", was für die Spieler "etwas ungewohnt" sei.

Fotostrecke

14  Bilder
FC Bayern in der Einzelkritik: Robbens Rache

Außerdem zwinge er seine Spieler ganz grundsätzlich mit gesteigerten "Intensitäten und anderen Umfängen zu trainieren", weshalb auch David Alaba, Jérôme Boateng und James Rodríguez körperliche Probleme hätten. Heynckes gefällt das, und er hat mit Robben einen kongenialen Mitstreiter für das Projekt "totale Professionalität". Denn der verletzungsanfällige Offensivspieler stand im Gegensatz zu den meisten Kollegen in allen sieben Heynckes-Spielen von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz, ganz ohne muskuläre Probleme. "Ich mache auch viel dafür", sagte Robben, "das Schönste ist, mit 33 so fit zu sein", all die Jüngeren, deren Körper streiken, können sich ein Beispiel am Kapitän mit seiner Yoga-Matte nehmen.

Das Team muss "noch besser werden"

Der Heynckes-Erfolg beruht also weniger darauf, dass er dem Team neue Strategien und fein ziselierte Matchpläne vermittelt hat, es sind die ewigen Erfolgsgrundlagen des Fußballs, an denen der Altmeister Hand anlegt: Fitness, Einsatzbereitschaft und die Stärkung des Glaubens an die naturgegebene Überlegenheit des FC Bayern. Mit diesen Eigenschaften scheint die Münchner Siegermaschine wieder jeden Gegner überrollen zu können, wobei Heynckes schon einräumte, dass sein Team in den kommenden Monaten fußballerisch "noch besser werden" müsse.

Robben forderte sein Team auf, trotz der Bewunderung, die den Bayern nun wieder zufliegt, "bodenständig" zu bleiben. Die Hoffnung der Fußballnation auf ein Meisterschaftsrennen ist erst mal zerstört. Dass es so einfach war, diesen Zustand nach dem misslungenen Saisonstart wieder herzustellen, spricht aber nicht nur für Heynckes, sondern auch gegen die Arbeit, die im Moment bei Borussia Dortmund verrichtet wird.

insgesamt 105 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wolke:sieben 05.11.2017
1. Der Gigant rollt
....und wird auch in Europa alles überrollen wie 2013, dank Jupp !!!
wahrsager26 05.11.2017
2. Aha,jetzt wissen wir es!
Nur jeder der diesen Bericht liest,wird ( wieder mal) etwas anderes als sein Mitleser , darin erkennen, oder eben nicht erkennen.Es ist wie an unseren Schulen: auch dort müssten wieder althergebrachte Tugenden und Lehrinhalte zum Tragen kommen,nicht dagegen der Ruf nach elektronischen Tafeln. So könnte ganz nebenbei vom Fussballspiel gelernt werden! Danke
muehle11 05.11.2017
3. jeden Spieltag ...
gibt es hier gefühlte 10 Artikel über die Bayern - läuft es, läuft es nicht, läuft es dank JH wieder, trifft Lewa wieder, Martinez der Matchwinner... Mir geht das auf die Nerven. Die Bundesliga ist doch nicht nur Bayern München, auch wenn manche das gerne so hätten.
Brandolino 05.11.2017
4. Fußball ist ein einfaches, menschengemachtes Spiel
Deshalb reichen auch einfache Mittel aus, um eine Mannschaft besser zu machen. Außerdem werden die psychische Befindlichkeit der Spieler gern unter- und Spielstrategien überschätzt. Millionengehälter hin oder her. Spieler sind vor allem Menschen! Oder, um es mit Jupp zu sagen, Menchen. :-) Ganz wichtig dabei: Die Vorbildfunktion des Trainers. Der Fisch stinkt immer vom Kopf; in Ancellottis Fall stank er nach Zigarette und und dolce far niente. Das konnte nicht gut gehen.
Papazaca 05.11.2017
5. Heynckes holt das Maximale raus. Und Bosz?
Und das ist eine Menge. Strukturelle Defizite der Bayern kann er natürlich nich lösen. Aber aus dem vorhandenen Potential holt er 100%. Beim BVB ist es genau umgekehrt. Da ist die Mannschaft verunsichert, viele Spieler sind deutlich unter Ihrem Niveau und Bosz hat die Mannschaft nicht verbessert sondern verschlechtert. Bei beiden Vereinen müssen die jeweiligen Schlüsse gezogen werden, die natürlich sehr unterschiedlich sind. Die Bundesliga aber als Ganzes abzuschreiben halte ich für arg übertrieben. Aber muß sie sich verändern, um Konkurrenzfähig zu werden? Klares Ja. Wie schnell man in einer Krise sein kann zeigt gerade Real. Und wie schnell man sie bewältigen kann die Bayern. Jedes Zucken eines Vereins muß nicht gleich medial als Zeitenwende ausgerufen werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.