Freiburgs Keeper Baumann Slapstick in drei Akten

Oliver Baumann leistete sich gegen den HSV drei Patzer, die in jeden Fußball-Jahresrückblick gehören. Obwohl er durch die Niederlage die Krise des Clubs verschärfte, bewies der Freiburger Torwart Rückgrat - und erhielt Aufmunterung von ungewöhnlicher Seite.

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Aus Freiburg berichtet


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In Freiburg sind die Wege kurz. Gott sei Dank auch in der sogenannten Interviewzone, wo sich nach dem Spiel die Akteure beider Mannschaften begegnen, ehe sie in die jeweiligen Umkleidekabinen verschwinden. Nach dem 0:3 gegen den HSV, bei dem Freiburgs Keeper Oliver Baumann alle drei Gegentore verschuldet hatte, nahm Hamburgs Torhüter René Adler den Kollegen in den Arm und sagte: "Wenn sich einer hier so was erlauben kann, dann du."

So falsch ist das nicht. Denn dieser Oliver Baumann, der sich in den 90 Minuten gleich dreimal so tapsig anstellte, als stehe er zum ersten Mal bei einem Bundesliga-Spiel im Tor, gehört in Normalform zu den besten Keepern der Liga.

Doch bedauerlicherweise hatte das, was der 23-Jährige zeigte, mit Normalform nicht das Geringste zu tun - sonst wäre die Partie vielleicht sogar 0:0 ausgegangen. Die Chronik eines slapstickartigen Spielverlaufs:

  • 37. Minute: Baumann ließ ("Ich wollte den Ball wegköpfen, aber er ist höher abgesprungen, als ich gedacht habe") einen planlos nach vorne geschlagenen Ball von Milan Badelj passieren, anstatt ihn wegzuschlagen - Hamburgs Maximilian Beister traf zum 1:0 ins leere Tor.
  • 47. Minute: Kurz nach Wiederanpfiff leistete sich Baumann fast den gleichen Fehler wie beim 0:1 ein zweites Mal. Erneut ließ er einen langen Ball passieren, diesmal war es Pierre-Michel Lasogga, der einschob. Getroffen hatte zu allem Unglück auch noch ein Spieler, dessen Mutter mit dem früheren Werder-Torhüter Oliver Reck zusammen ist, der unter dem Namen "Pannen-Olli" in die Geschichte einging.
  • 63. Minute: Die HSV-Fans quittierten nach dem 2:0 jeden weiteren Ballkontakt Baumanns mit ironischem Applaus. Und der wurde nicht leiser, als der langjährige U-21-Nationalkeeper den dritten Hamburger Treffer auch noch verschuldete. Einen harmlosen Schuss von Beister ließ Baumann abprallen, und Rafael van der Vaart staubte zum Endstand ab.

Verdient war der Sieg für den HSV trotz der Patzer, zumal sich der SC im zweiten Durchgang endgültig von der Nervosität seines Keepers anstecken ließ und kaum etwas Durchdachtes zustande brachte. Und dennoch: So ein Spiel kann ohne Torwartfehler auch Remis ausgehen. Für eine Mannschaft, die wie Freiburg im Abstiegskampf jeden Punkt braucht, ist das nicht unwichtig.

"So fühlt man sich als Schiedsrichter"

Ganz persönlich ist es tragisch für Baumann, der seit zweieinhalb Jahren fast durchgehend starke Leistungen zeigt, ohne dass das überregional ausreichend gewürdigt worden wäre - und der nun drei grobe Fehler begeht, die garantiert im Gedächtnis bleiben werden.

Für sein immer noch siegloses Team, das als Tabellen-17. schon fünf Punkte Abstand auf Rang 15 hat, geht es am Samstag im Kellerduell in Nürnberg (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bereits um viel. Das ist Baumann bewusst, der nach dem Spiel betonte, dass er natürlich "weiß, was gerade passiert ist. Mir tut das sehr leid". Glaubt man SC-Coach Christian Streich muss es das aber nicht einmal: "Entscheidend ist, ob er das übersteht, und er wird es überstehen, das ist klar. Oliver ist ein außergewöhnlich guter Torhüter."

Außerdem ist er offenbar ein Torwart mit Rückgrat: Dass sich der Unglücksrabe der Presse stellte, ist an sich schon bemerkenswert. Wer hätte es Baumann verdenken können, wenn er nach solch einem Seuchentag schnurstracks in die Kabine verschwunden wäre und sich dort verbarrikadiert hätte, bis der letzte Fan zu Hause angekommen wäre?

Stattdessen ging er gemessenen Schrittes in die Fankurve (wo er mit Sprechchören gefeiert wurde), verabschiedete sich von den HSV-Spielern und dem Schiedsrichtergespann und gab den Journalisten bereitwillig Auskunft. Dass er sich "jetzt nicht verrückt machen" werde, glaubte man ihm genauso, wie dass er sich "auch so genug ärgert". Überraschender war da schon, dass Referee Peter Gagelmann einer der ersten gewesen war, der Baumann nach dem Schlusspfiff gut zusprach: "Der Schiedsrichter kam zu mir und sagte: 'Sehen Sie, so fühlt man sich als Schiedsrichter.'"

SC Freiburg - Hamburger SV 0:3 (0:1)
1:0 Beister (37.)
2:0 Lasogga (47.)
3:0 van der Vaart (63.)
Freiburg: Baumann - Sorg, Krmas (63. Schuster), Diagne, Günter (83. Pilar) - Fernandes (46. Freis), Ginter - Schmid, Coquelin - Darida, Mehmedi
Hamburg: Adler - Westermann, Tah, Djourou (22. Sobiech), Jansen - Badelj, Arslan - Beister, van der Vaart, Calhanoglu (78. Ilicevic) - Lasogga (84. Rudnevs)
Schiedsrichter: Gagelmann
Zuschauer: 24.000
Gelbe Karten: Coquelin (74.), Diagne (83.) - Sobiech (40.)



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
windexx 27.10.2013
1. Ach,...
...jetzt schiebt das mal nicht alles auf den armen Baumann. Der HSV war einfach zu gut an diesem Abend. Wenn die Jungs so weitermachen, heisst es bald schon wieder, "Wer wird Deutscher Meister? H-H-H-HSV!"
waldemar 27.10.2013
2. Ich möchte ja niemanden ...
... zu nahe treten, aber vielleicht sollte man sich die Wettquoten mal anschauen ...
Saminho 27.10.2013
3. jaja
Häuzer lässt grüßen. sah irgendwie alles unnatürlich aus. ich hoffe ich bilde mir das nur ein....
Atavist 27.10.2013
4. Kopf hoch, Herr Baumann ...
... gebrauchte Tage erwischen wir alle mal zwischendurch. Ich erinnere mich an ein Interview mit dem ehemaligen Freiburger Torwart Richard Golz, der nach einem schlechten Spiel dem verdutzten Reporter erzählte, dass man ohne Torwart ja kein Spiel gewinnen könne. Auf die irritierte Frage, wie er das denn meine, sagte er: "Na, haben Sie hier heute einen Torwart bei uns gesehen? Ich nicht." ;-) Selbstironie ist das beste Mittel, um solche Patzer zu verarbeiten.
simmeseins 27.10.2013
5. HSV besser? bulls*
ein zitat von der toilette im stadion unmittelbar nach abpfiff: "was n s*&/*ss spiel...und die mannschaft macht auch noch aus 2,5 chancen 3 tore." eine treffendere kurzbeschreibung des spiels geht nicht
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