Bundesliga-Gipfel: Last-Minute-Toni schießt Bayern zum Sieg

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Es war ein echtes Spitzenspiel, von der ersten bis zur letzten Minute: Erst in der Nachspielzeit gelang Luca Toni der Siegtreffer beim Bundesliga-Gipfel in München. Hoffenheim aber spielte über weite Strecken brillant - ein Unentschieden wäre mehr als gerecht gewesen.

In der 94. Minute sprang Jürgen Klinsmann höher als seine Spieler auf dem Platz, nach dem Spiel blickte er euphorischer drein: Der späte Siegtreffer in der 93. Minute ließ seinen Endorphinspiegel in die Höhe schnellen. Sein Kollege Ralf Rangnick hatte dagegen alle Mühe, wenigstens noch ein paar Sätze zum Spiel zu sagen, ehe er in die Kabine verschwand: "Das Ergebnis ist für uns extrem bitter. Ein Unentschieden wäre absolut verdient gewesen, zumal wir dem 2:1 näher waren als die Bayern. Wenn man das Spiel dann so verliert, ist das schon brutal."

Den Bayern dürfte die Gemütslage der wackeren Hoffenheimer reichlich egal sein. Punktgleich sind sie nun mit ihrem Widersacher, von dem sie nur noch vier Törchen trennen. Die Herbstmeisterschaft erscheint plötzlich wieder in Reichweite. Dabei hatten sie bis zum folgenschweren Aussetzer von Andreas Ibertsberger, der Luca Tonis Tor in der Nachspielzeit erst ermöglichte, offenbar selbst nicht mehr so richtig daran geglaubt, dieses Spiel noch umbiegen zu können: "Tonis Tor ist aus dem Nichts gefallen", gab Bayern-Kapitän Mark van Bommel ebenso zutreffend wie atemlos zu Protokoll. "Das war ein echtes Spitzenspiel."

Und das von der ersten Spielminute an. Kaum war die "Carmina Burana" verklungen, die die Stadionregie als Einstimmung gewählt hatte, legten die beiden Kontrahenten auch schon los. Und das in einem Tempo, das man ansonsten nur von Spitzenspielen der englischen Premier League kennt. In atemberaubender Geschwindigkeit trieb besonders Bayerns Spielmacher Franck Ribéry den Ball immer wieder in die Hoffenheimer Hälfte, nicht weniger flink konterten die Hoffenheimer Gäste.

140.000 Fans dürften sich erneut geärgert haben

Dass es trotz des hohen Spielniveaus kaum zu erwähnenswerten Torchancen kam, machte das Spiel nicht langweiliger. Als die Spieler nach 45 Minuten ein Viertelstündchen Luft holten, dürften sich die 140.000 Fans, die nach Angaben der Bayern erfolglos Karten für das Spiel bestellt hatten, erneut geärgert haben. Verpasst hatten sie ein bissiges, offensivfreudiges Hoffenheimer Kollektiv, bei dem allenfalls Keeper Daniel Haas durch zwei Unsicherheiten negativ auffiel. Und einen FC Bayern, bei dem der hochmotivierte Ribéry und der Brasilianer Lucio herausragten.

Ebenfalls von Spielen auf der Insel kennt man die Intensität der Zweikämpfe, die der Spitzenspiel-taugliche Schiedsrichter Florian Meyer zuließ. Schon im Mittelfeld wurde kein Ball gespielt, um den sich nicht mindestens vier Kontrahenten umgehend balgten. Doch Meyer brachte das Kunststück fertig, im richtigen Moment konsequent durchzugreifen, ohne den Spielfluss durch allzu kleinliche Regelauslegung zu zerstören.

Manch einer der 69.000 Zuschauer im Stadion muss sich von der Leistungsdichte auf dem Platz anstecken lassen haben. So laut wie an diesem Freitagabend war es in der Allianz-Arena jedenfalls schon lange nicht mehr zugegangen. Vielleicht hatte sich aber auch mancher Sympathisant der Bayern von der Häme Rangnicks motivieren lassen. Der hatte im Vorfeld der Partei genüsslich erzählt, man könne die Stimmung in der Allianz-Arena nicht mit der in Dortmund oder Köln vergleichen - "die Zuschauer wollen von den Bayern unterhalten werden, und es liegt an uns, das zu verhindern."

Das Tor von Vedad Ibisevic (49.) - halb fiel Gegenspieler Massimo Oddo, halb wurde er gestoßen, was der Schütze mit "ich habe mir Räume geschaffen" umschrieb - leitete dann eine Phase ein, in der die Gäste so deutlich dominierten, dass Uli Hoeneß jede abfällige Bemerkung der vergangenen Tage bitter bereut haben dürfte. Die gesamte Zone bis zum Strafraum der Münchner war in dieser Phase Hoffenheimer Hoheitsgebiet, jeder Ball, den die Münchner in die Füße bekamen, war binnen kurzem wieder verloren. Doch in der 60. Minute wendete sich das Blatt. Nationalspieler Philipp Lahm tat das, was er am liebsten tut, wenn man ihn denn lässt. Den Ball eng am Fuß über die linke Seite treiben, nach innen ziehen und mit rechts abziehen - es stand 1:1. "Nach dem Rückstand haben wir uns viele Torchancen erarbeitet", bilanzierte der Torschütze zu Premiere, "am Schluss haben wir es erzwungen."

Bayern dominierte nun die Partie. Kurzzeitig präsentierte sich Hoffenheim wie eine technisch verbesserte Ausgabe von Bielefeld oder Cottbus, indem es sich ängstlich hinten einigelte. Gerade noch rechtzeitig, um den brillanten Gesamteindruck nicht zu verwässern, berappelten sich die Gäste dann wieder. Ein Unentschieden wäre mehr als verdient gewesen, zumal der eingewechselte Sejad Salihovic noch zwei Chancen der Gäste vergab.

Und dann kam die 93. Spielminute. Sie brachte den Fehlpass von Ibertberger, das daraus resultierende Tor von Toni. Kurz darauf den Schlusspfiff. Und einen Ralf Rangnick, der sich nur mit Mühe dazu durchringen konnte, Jürgen Klinsmann kurz die Hand zur Gratulation hinzustrecken.

Angeschaut hat er ihn dabei nicht.

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