HSV nach dem Nordderby Keine zündenden Ideen

Beim Hamburger SV brennt es lichterloh - aber nur auf der Tribüne. Auf dem Rasen lassen die Profis das nötige Feuer vermissen. Ohne eigene Tore wird der Abstieg nicht zu verhindern sein.

Aaron Hunt (rechts)
Bongarts/Getty Images

Aaron Hunt (rechts)

Aus Bremen berichtet


Die Spieler des Hamburger SV gingen nach der 0:1-Niederlage bei Werder Bremen kommentarlos Richtung Kabine. Bessergesagt, sie stampften regelrecht dorthin. Nur Kyriakos Papadopoulos und Filip Kostic blieben am Ende der 20 Meter langen Mixed Zone stehen. Dort, wo es rechts Richtung Umkleide geht und wo links ein Fernseher angebracht ist. Auf dem TV-Bildschirm wurde die Szene gezeigt, die dieses erschreckend schwache 108. Nordderby entschied - das Eigentor von Rick van Drongelen in der 86. Minute.

Aron Jóhannsson hatte aus wenigen Metern Entfernung den Ball HSV-Torwart Christian Mathenia durch die Beine geschossen und Verteidiger van Drongelen das Leder anschließend unter heftiger Bedrängnis von Werder-Stürmer Ishak Belfodil ins eigene Netz gedrückt. "Der ist doch im Abseits - oder nicht?", schimpfte Papadopoulos, als er in den Katakomben das Standbild sah. Da Kostic neben ihm schwieg, suchte der HSV-Verteidiger Zustimmung bei den Journalisten und marschierte anschließend noch wütender und mit einem lauten "Arschloch"-Ausruf Richtung Kabine.

"Ein korrektes Tor"

Der Kraftausdruck war an Felix Zwayer gerichtet, den Schiedsrichter. Der tauchte nach Spielschluss ebenfalls in der Mixed Zone auf und war ein vielgefragter Mann. Er habe sofort aus dem Videokontrollraum in Köln das Feedback bekommen, so Zwayer, dass die Situation hinsichtlich einer möglichen Abseitsposition überprüft werde. Doch kurze Zeit später hieß es vom dortigen Videoassistenten, Günter Perl: "Gleiche Höhe und somit korrektes Tor."

Heribert Bruchhagen wollte diese knappe, aber richtige Entscheidung nicht akzeptieren. Der Vorstandsvorsitzende der HSV Fußball-AG ist für gewöhnlich kein Lautsprecher - und klang auch diesmal ziemlich ruhig. Doch seine Worte waren deutlich: "Abseits, klar Abseits. Aber wenn in Köln das nicht als Abseits erkannt wird, dann sagt das etwas über die Qualität derer, die in Köln sitzen", echauffierte sich Bruchhagen. Sein Outfit an diesem kalten Abend im Bremer Weserstadion passte zur Gesamtsituation des HSV. Bruchhagen trug eine schwarze Hose, schwarzes Jackett und über seinem weißen Hemd einen schwarzen Pullover.

Keine Chancen, keine Tore

Hamburg hat in 24 Spielen 18 Tore geschossen, 17 Punkte geholt, seit elf Partien nicht gewonnen und als Tabellen-17. bereits sieben Zähler Rückstand auf den Relegationsplatz. Auch Neu-Trainer Bernd Hollerbach, der Ende Januar auf Markus Gisdol folgte, kann die Talfahrt nicht stoppen. Unter ihm hat der HSV in fünf Partien zwei Zähler verbucht - und die vergangenen drei Spiele verloren. Wie zu Gisdols Zeiten erarbeiten sich die Hamburger auch unter Hollerbach kaum Torchancen. Das 0:1 in Bremen war das 13. Spiel ohne eigenen Treffer. Dem Gegner reicht, wie diesmal Werder, oft schon ein Tor zum Sieg.

"Du musst natürlich, wenn du auswärts für eine Überraschung sorgen willst, auch mal ein Tor erzielen, auch mal ein Tor erzwingen", betonte Bruchhagen. Trotz keiner echten Torchance sah Hollerbach sein Team in der ersten Halbzeit "als bessere Mannschaft." Man hätte, so der 48-Jährige, "einen Punkt verdient gehabt, wenn wir kurz vor Schluss nicht die Fehlentscheidung hätten hinnehmen müssen."

Im Gegensatz zu Bruchhagen sprach Hollerbach jedoch nicht von Belfodils vermeintlichem Abseits. Den Trainer regte vielmehr die Szene danach auf. Als van Drongelen den Ball ins eigene Netz drückte, habe Belfodil seinem Verteidiger "von hinten ins Standbein getreten", monierte Hollerbach. "Das Foul muss man auch in Köln sehen", betonte er in Richtung des Videoassistenten. Hier lagen die Hamburger allerdings falsch, denn Belfodils rechter Fuß hatte van Drongelen gar nicht berührt.

Feuer auf den Rängen, nicht auf dem Rasen

Der HSV hat in dieser Saison viele Baustellen - und nun auch noch ein Problem mit einem Teil seiner Anhänger. Die Stimmung wird mit der Gefahr des drohenden ersten Abstiegs der Vereinsgeschichte aggressiver. Bei der 1:2-Heimniederlage in der Vorwoche gegen Leverkusen stand auf einem Plakat: "Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt".

In Bremen wurde mit Spielbeginn im Hamburger Fanblock Feuerwerk gezündet. Die Durchsagen des Stadionsprechers, dass das Abbrennen untersagt sei und eine Gefährdung für die Zuschauer im Unterrang bestehe, verhallten ungehört. Schiedsrichter Zwayer unterbrach die Partie dreimal.

"Das sind alles Leute, die den Fußball nicht lieben. Das hat mit Fans nichts zu tun", sagte Bruchhagen. "Es hat uns geschadet, keine Frage. Da kommt wieder was auf uns zu", sagte Sportchef Jens Todt in Bezug auf eine mögliche Geldstrafe. Keine zündenden Ideen auf dem Rasen, stattdessen Feuer auf den Rängen - in diesem womöglich letzten Nordderby lief für den HSV einfach alles falsch.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
dr.joe.66 25.02.2018
1. nicht Bundesliga-tauglich
Die überforderte, verunsicherte und deshalb teilweise unter ihren Möglichkeiten spielende Mannschaft tut mir Leid. Der Trainer auch, in dem Umfeld etwas zu bewegen ist offenbar mehr als schwierig. Der Verein allerdings ist vom Sponsor über den Vorstand und dem Sportdirektor bis zu diesen sogenannten Fans absolut nicht Bundesliga-tauglich - und das schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Also: Knippst.denen.bitte.endlich.diese.saublöde.Uhr.aus! Danke!
peter.lange 25.02.2018
2. Einfach abbrechen
Gleich bei den ersten Pyros in dem Ausmaß: Spielabbruch. Eintrittskarten verfallen. Ich habe überhaupt keinen Spaß daran mir soetwas anzusehen. Für mich ist so ein Verhalten ein Grund warum mich die Bundesliga immer weniger interessiert.
moick 25.02.2018
3.
Sieg war natürlich glücklich, da Werder auch nix auf die Reihe bekommen hat, aber so ist Fußball, lucky punch kurz vor Ende und verloren,hätte auch andersrum passieren können und Bremen hätte sich nicht beklagen dürfen.liebe Hamburger, erstmal die eigene Leistung in den Mittelpunkt stellen, ihr zeigt euch als schlechte Verlierer
mullertomas989 25.02.2018
4. Die sind einfach zu satt und bekommen keinen Druck
Viel Geld und keine Erwartungshaltung im Verein. Man kann ja viel Geld verdienen, aber dann muss - wie in der Wirtschaft auch - die Erwartungshaltung entsprechend hoch sein. Aber diesen Druck gibt es in Hamburg nicht. Da kannst du selbst angetrunken nen Unfall bauen und deine Identität verschleiern und wirst trotzdem noch verhätschelt.... Mann, mann, mann. So wird das nichts mit dem Klassenerhalt. PS: So ein Zufall dass der Sportchef mal beim SPIEGEL war....
hileute 25.02.2018
5. @peter.lange
sie haben Recht. ich frag mich sowieso wie die Pyro ins Stadion kommt bei den Einlasskontrollen, die scheinen ja nicht so gut zu sein, obwohl ich als ich Mal im Stadion war nicht den Eindruck hatte, das ich Pyro hätte mitnehmen können. im Falle dieses Spiels war die Pyro aber wahrscheinlich ansehnlicher als das Spiel des HSV...
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