Aus Gelsenkirchen berichtet Andreas Morbach
Nach dem letzten Heimspiel der Saison war auf Schalke alles anders als sonst. Die ausgiebigen Abschiedsfeierlichkeiten, allen voran für Publikumsliebling Raúl, gingen nach dem 4:0 der Gelsenkirchener gegen Hertha BSC geplant gefühlstrunken über die Bühne. Sportdirektor Horst Heldt garnierte die geglückte direkte Qualifikation für die Champions League mit der Nachricht über die Vertragsverlängerung von Jefferson Farfán.
Inmitten des ganzen Trubels machten sich die Gäste klammheimlich aus dem Staub.
Die übliche Pressekonferenz mit den Trainern der beteiligten Teams kam diesmal zerstückelt daher: Als S04-Coach Huub Stevens um 18.30 Uhr vor die Journalisten trat, war sein Berliner Kollege Otto Rehhagel längst in Herthas Mannschaftsbus Richtung Flughafen davon gerollt. Seine Statements zur heftigen Abreibung seines Teams hatte der 73-Jährige zuvor immerhin noch mannhaft abgegeben. Im Stehen, vor einer Handvoll Journalisten. Aus den Fernsehern rings um das Grüppchen dröhnte in unverminderter Lautstärke die königsblaue Fußballfete im Stadion.
"Die Schalker haben gezeigt, warum sie demnächst wieder in der Champions League spielen", sagte Rehhagel, dem beim Gegner vor allem Jermaine Jones imponiert hatte. Der allzeit wilde Mittelfeldmann, der in seinen Zweikämpfen immer an und manchmal jenseits der Grenze des Erlaubten agiert, kommt als Gegenstück zu den lammfrommen Berliner Kickern daher. "Wir haben", so Rehhagels resignierte Erkenntnis nach der vorletzten Partie, "zu viele Spieler, die keine Körpersprache haben, die zu still sind." Einträchtige Harmlosigkeit, mit der das Hertha-Personal weiter in großer Konsequenz dem sechsten Abstieg der Clubgeschichte entgegentrudelt.
"Am Ende mussten wir aufpassen, dass wir nicht abgeschossen werden", seufzte Rehhagel, der sich nach diesem Nachmittag nur bei einem bedanken wollte: "Der Fußballgott", so der Trainer, "hat uns noch eine Chance gegeben - auch wenn wir heute fast chancenlos waren."
Der gesperrte Lewan Kobiaschwili, der einzige Hertha-Profi, der sich zu dem Debakel im Revier äußern wollte, nannte diesen Fußballgott auch beim Namen. "Großen Respekt vor Freiburg, das ist Fair Play", lobte der Georgier den seit einer Woche geretteten SC. Die Freiburger, Kobiaschwilis früherer Verein, hatten den 1. FC Köln, Herthas letzten verbliebenen Konkurrenten im Schneckenrennen um Relegationsplatz 16, 4:1 besiegt. Bei einem Kölner Sieg wäre der direkte Wiederabstieg der Berliner besiegelt gewesen. Nun könnte der FC - einen Hertha-Sieg gegen Hoffenheim vorausgesetzt - selbst bei einem Remis gegen den FC Bayern München am letzten Spieltag ins Unterhaus absteigen.
Doch neben dem großen Rätsel, wie die Berliner in ihrem aktuellen Zustand zu einem Sieg kommen sollen, macht den Kölnern auch der Name des Hoffenheimer Trainers keine große Hoffnung auf ein gutes Ende: Markus Babbel, bis Dezember 2011 noch Hertha-Coach, wurde in Berlin am Ende eines unappetitlichen Streits beurlaubt und dürfte nun mit entsprechend unschönen Erinnerungen zurück an die Spree reisen. "Wir spielen gegen Hoffenheim, nicht gegen Babbel", sagte Hertha-Manager Michael Preetz. Kobiaschwili findet es im Grunde unglaublich, dass sein Verein überhaupt noch über den Klassenerhalt nachdenken darf.
Um ihn herum schlichen Team-Kollegen wie Keeper Thomas Kraft ("Ich will nichts sagen, sonst muss ich aufpassen"), Kapitän Christian Lell ("Wir sollen nichts sagen") oder Ersatzspieler Andreas Ottl ("Fragt die Protagonisten") mit vielsagend-nichtssagenden Satz-Häppchen dem Ausgang entgegen. Vorbei am 34-jährigen Ex-Schalker Kobiaschwili, der murmelte: "Wir haben noch immer eine Chance - komischerweise." Und der zum Thema Hoffnung sagt: "Also Hoffnung... Nach dieser Woche und der Woche davor ist es schwer, dieses Wort zu finden."
Schalke 04 - Hertha BSC Berlin 4:0 (1:0)
1:0 Huntelaar (32.)
2:0 Holtby (73.)
3:0 Raúl (84.)
4:0 Huntelaar (88.)
Schalke: Unnerstall (90. Schober) - Uchida, Höwedes, Matip, Christian Fuchs - Jones (85. Höger), Holtby - Farfán, Raú, Jurado (88. Marica) - Huntelaar
Berlin: Kraft - Lell (53. Ebert), Hubnik, Janker, Bastians - Perdedaj, Ronny - Rukavytsya (71. Torun), Raffael, Ben-Hatira - Ramos (46. Lasogga)
Schiedsrichter: Perl
Zuschauer: 61.673 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Jones (14) - Ben-Hatira (2)
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