Bundesliga-Historie: Die tapferen sieben Ulmer

Es ist der 10. September 1999, Rostock spielt in der Bundesliga gegen Ulm. Schiedsrichter Herbert Fandel zieht vier Rote Karten, alle gegen Ulm. Sascha Rösler, damals beim SSV, erinnert sich im Fußballmagazin "11 FREUNDE": "Ich hätte eigentlich auch runter gemusst."

Vier Rote Karten in einem Spiel! Selbst Trainer Martin Andermatt und Manager Steer mussten auf die Tribüne. Warum das Spiel so eskaliert ist? Es war einer dieser Tage, an denen alles gegen dich läuft. Wir hatten bis zum 4. Spieltag erst einen Punkt geholt und lagen in der 4. Minute bereits 0:1 zurück.

Rösler im Trikot des SSV Ulm (l.): "Wir fühlten uns benachteiligt"
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Rösler im Trikot des SSV Ulm (l.): "Wir fühlten uns benachteiligt"

Egal, was wir probierten: Wir hatten das Gefühl, dass mit Publikum, Schiedsrichter und gegnerischer Mannschaft eine Übermacht gegen uns kämpft. Die erste Gelb-Rote Karte für uns kam relativ früh, mit etwas mehr Fingerspitzengefühl hätte man die nicht geben müssen. Rostocker Fouls wurden nicht geahndet, wir fühlten uns benachteiligt, die Emotionen kochten hoch.

Dabei sind wir nicht mal übereifrig an das Spiel herangegangen. Andermatt hatte uns mit vier Stürmern einfach sehr offensiv aufgestellt. Van de Haar, der als erster vom Platz flog, beging in der Defensive zwei Fouls, die machst du normalerweise nur als Stürmer! Bei der zweiten Gelb-Roten Karte für Uwe Grauer waren wir bereits wütend. Die dritte Karte ging an Evans Wise, der nicht mal zehn Minuten nach seiner Einwechslung seinen Gegenspieler brutal ummähte. Die vierte war Janos Radokis Notbremse in der 93. Minute.

Ein kompletter Irrsinn! Wir standen am Strafraum und wussten schon gar nicht mehr, wo wir hinlaufen sollten, überall waren Rostocker frei! Irgendwann hatte ich das Gefühl, wir spielen mit acht Mann gegen 15. Und was hatte ich einen Hass auf Schiedsrichter Fandel! Nach der dritten Karte rannte ich auf ihn zu, stand Nase an Nase mit ihm und wurde richtig laut. Eigentlich hätte ich sofort unter die Dusche gemusst!

Der Frust setzte Energie frei, ich bin in die Zweikämpfe reingesprungen, Harakiri war das. Die Rostocker Abwehrspieler merkten natürlich, dass bei uns die Sicherungen durchgeknallt waren. Die hatten Angst, sich zu verletzen und hielten sich gerade in den Luftduellen zurück. Sie wussten, wir sind brutal aggressiv.

Das Kuriose war: Wir steckten trotz Unterzahl nicht auf, wir hatten ja auch nichts mehr zu verlieren. Mit acht Mann hielten wir das 0:1, sogar Torwart Philipp Laux hatte eine gute Kopfballchance! Wir schlugen die Bälle lang nach vorne und hofften, dass der Fandel mal einen Freistoß für uns pfeift, der keiner ist. Vielleicht, weil er ein schlechtes Gewissen hat. Und so war’s dann auch. Ein Freistoß aus 25 Metern, weder gefährlich noch gut geschossen. Aber Pieckenhagen machte einen Riesenfehler, und es stand 1:1. Sagenhaft!

Umso bitterer war es dann, in der 90. Minute das 1:2 zu kassieren. Natürlich ging es nach dem Spiel im Kabinengang heiß her, inklusive Rangelei mit den Rostocker Ordnern. Die Heimfahrt war eine Katastrophe, eine nächtliche Busfahrt von Rostock nach Ulm ist ganz, ganz fies. Wir haben uns aber gegenseitig nichts vorgeworfen, wir hatten uns ja zerrissen.

Das Spiel war ein Lernprozess. Wir waren gerade erst aufgestiegen und hatten Spieler ohne Bundesligaerfahrung. Wenn du zwei, drei Nächte darüber schläfst, relativiert sich das Ganze wieder. Der Fandel hat es ja auch nicht mit Absicht gemacht, der ist ja wirklich ein guter Schiedsrichter. Wenn du dir das Spiel heute anschaust – die Roten Karten kannst du allesamt geben.

Es war kein Skandalspiel. Aber damals, als Janusz Góra "Skandal" in die Kameras brüllte, das hat unsere Stimmung kurz nach dem Spiel gut ausgedrückt. Wir haben uns einfach beschissen gefühlt.

Protokoll: Ayla Kiran

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