Von Christoph Ruf, Sinsheim
Mike Diehl griff direkt nach dem Schlusspfiff zum Mikrofon: "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte der Hoffenheimer Stadionsprecher nach der ernüchternden 0:1-Niederlage gegen den VfB Stuttgart. Eine gutgemeinte Floskel, die am Sonntagabend allerdings ein wenig deplatziert wirkte. Diejenigen Zuschauer, die das Ende eines desaströsen Auftritts noch abgewartet hatten, waren sich jedenfalls sicher, dass ihre Mannschaft die Hoffnung schon lange vor diesem tristen Winterabend im Kraichgau aufgegeben hatte.
Zehn Punkte trennen Hoffenheim nun vom viertletzten Tabellenplatz, zwölf Zähler vom VfB, gegen den man hätte gewinnen müssen, um überhaupt noch einmal Hoffnung schöpfen zu können, dass der Relegationsplatz nicht das Höchste der Gefühle ist.
Immerhin versuchten die Hoffenheimer Verantwortlichen erst gar nicht, so zu tun, als lasse sich dem öden Kick irgendetwas Positives abgewinnen. "Nach so einem Auftritt braucht man in der Tabelle nicht nach oben zu schauen", sagte Trainer Marco Kurz, der auch erhebliche Zweifel zu haben schien, ob sich seine Spieler am kommenden Samstag in Augsburg (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wenigstens "um den Relegationsplatz balgen" werden. Setzt es auch dort eine Niederlage, steht der Club mit dem achthöchsten Lizenzspieleretat der Liga auf dem vorletzten Tabellenplatz.
"So wird das nichts"
Mit "dickem Hals" (Eigendiagnose) stand 1899-Manager Andreas Müller im Kabinengang. Wie denn angesichts eines solchen Auftritts das wohl vorentscheidende Match am kommenden Spieltag in Augsburg erfolgreich bestritten werden könne? "Fragen Sie die Spieler", bat Müller. "So wird das jedenfalls nichts." Während Pressesprecher Holger Tromp den wütenden Manager immer wieder dezent am Arm zupfte, fuhr der ungerührt fort: "Wenn zwei Spieler Normalform erreichen und acht spielen darunter, dann kann man gegen Stuttgart nicht gewinnen. Das war unterirdisch."
Tatsächlich reichte dem VfB ein guter Start in die Partie und die Vermeidung allzugroßer Leichtsinnsfehler, um das saft- und kraftlose Ensemble in Blau zu schlagen. Nach drei Minuten stand es auch schon 1:0 für die Schwaben. Ein engagierter Spurt von Ibrahima Traoré reichte, um Rechtsverteidiger Andreas Beck zu düpieren, ein Blick, eine Flanke - und Martin Harnik köpfte drei Stuttgarter Punkte herbei. Danach setzte der VfB noch zwei, drei Nadelstiche, bei denen Traoré (8.), Vedad Ibisevic (13.) und Raphael Holzhäuser (37.) knapp das Tor verfehlten. Für den Rest der Partie genügte Dienst nach Vorschrift, oder "taktische Disziplin", wie VfB-Coach Bruno Labbadia sagte.
Hoffenheim mit dem Tempo von Nordic Walkern
Von Hoffenheim kam: nichts. Die Mannschaft zeigte im ersten Durchgang einen Auftritt, der mit Leistungssport wenig zu tun hatte. Nach den immer wiederkehrenden Ballverlusten gab man das Mittelfeld komplett preis, weder Danny Williams noch Eugen Polanski stemmten sich den Stuttgartern entgegen. Auf den Außenbahnen fiel Fabian Johnson besonders negativ auf. Der Mann, der zuletzt auch gute Partien gezeigt hatte, verlor jeden Zweikampf. Und da der Großteil der Mannschaft das atemberaubende Tempo von Nordic Walkern an den Tag legte, hatte Stuttgart bis zum gegnerischen Strafraum komplette Narrenfreiheit.
Im zweiten Durchgang wurde es ein klein wenig besser, doch außer bei zwei Abschlüssen in der Schlussphase, die der starke Sven Ulreich (84./90.) zunichte machte, hatten die tapferen Zuschauer zu keiner Zeit den Eindruck, dass sich da eine Mannschaft gegen ein ausgesprochen unerfreuliches Schicksal wehrte. Wenn ein Team, das nach eigenem Bekunden weiß, dass es um die Existenz in der ersten Liga kämpft, in drei Spielen hintereinander frühe Gegentore kassiert, ist auch das ein Alarmzeichen erster Güte.
Nach dem Schlusspfiff herrschte dann auch Totenstille in der Wirsol-Arena. Völlig desillusioniert waren auch die 400 Hoffenheimer Fans, die die Mannschaft vor der Partie bei der Einfahrt des Mannschaftsbusses begrüßt hatten, um ihr den Rücken zu stärken. "Das war ein phantastischer Empfang", sagte Trainer Marco Kurz: "Wir können uns bei den Fans nur entschuldigen."
1899 Hoffenheim - VfB Stuttgart 0:1 (0:1)
0:1 Harnik (3.)
Hoffenheim: Gomes - Beck, Abraham, Delpierre, Johnson - Williams (54. Weis), Polanski (81. Grifo) - Usami, Volland - De Camargo (54. Derdiyok), Joselu
Stuttgart: Ulreich - Sakai, Tasci, Niedermeier, Boka - Kvist - Gentner, Holzhauser (82. Molinaro) - Harnik (90.+2 Rüdiger), Traore (87. Okazaki) - Ibisevic Schiedsrichter: Guido Winkmann
Zuschauer: 28.750
Gelbe Karten: Williams (7), Joselu (2) - Boka (3), Traore (4), Harnik (3), Okazaki (3), Rüdiger (3), Ibisevic (7)
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