Hoffenheim-Sieg gegen BVB: "Wir leben - noch"

Aus Dortmund berichtet

Die denkbar schlechteste Ausgangslage vor dem Spiel, im Match selbst kaum eigene Akzente. Dann eine Schlussphase, die sogar einem Stein einen Pulsschlag verschaffen könnte: Die TSG Hoffenheim rettet sich in Dortmund mehr als spektakulär auf den Relegationsplatz.

Hoffenheim-Rettung gegen Dortmund: Drama in Blau-Weiss Fotos
DPA

Andreas Beck schüttelt seinen Kopf, immer und immer wieder. Er konnte es selbst nicht fassen. "Wir waren tot, dann wieder da, dann wieder tot - und jetzt leben wir", sagte der Hoffenheimer Kapitän in den Katakomben des Dortmunder Stadions, die Schweißperlen tropften von seinem nackten Oberkörper: "Wahnsinn, was für ein Spiel."

Die TSG Hoffenheim, vor der Partie gegen Borussia Dortmund als Tabellen-17. mit zwei Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz sowie dem schlechtesten Torverhältnis der drei um den Klassenerhalt kämpfenden Mannschaften schon abgeschrieben, hat nach einer vollkommen verrückten letzten Viertelstunde eine Restchance auf den Bundesliga-Verbleib. Und das 2:1 (0:1) gegen den Champions-League-Finalisten aus Dortmund wird zum Sinnbild der gesamten Hoffenheimer Saison.

Hoffenheim, das von Mäzen Dietmar Hopp mit den allerbesten wirtschaftlichen und personellen Möglichkeiten in die Saison geschickt worden war, bekam 27 Spieltage lang überhaupt keinen Zugriff auf das sportliche Geschehen. Es war vergleichbar mit dem jetzigen Spiel gegen den BVB, in dem die TSG 75 Minuten kaum etwas zu Stande brachte. Sie wirkte zumeist lethargisch, taktisch undiszipliniert, hielt sich weder an Laufwege, noch an Zuordnungen.

Mit Gisdol ging ein Ruck durch die Mannschaft

In einer ähnlichen, wenn auch deutlich desolateren Verfassung hatte Markus Gisdol die Mannschaft kurz vor dem 28. Spieltag vorgefunden, mit nur 20 Punkten zeigte die Kurve steil nach unten. Gisdol ist bereits der vierte Cheftrainer der Hoffenheimer in dieser Saison, dazu beschäftigte der Club insgesamt drei Manager und setzte annähernd 40 Spieler ein. Keiner hatte es geschafft, den Abwärtstrend zu stoppen, nun sollte Gisdol das scheinbar Unmögliche gelingen. "Alle hatten uns abgeschrieben", sagt Sejad Salihovic.

Doch mit Gisdol, der eigentlich schon kurz vor der Winterpause auf der Wunschliste von Dietmar Hopp gestanden hatte, aber gegen den sich der damalige Manager Andreas Müller ausgesprochen haben soll, ging plötzlich ein Ruck durch das Team. Das erste Spiel gegen die nun abgestiegene Düsseldorfer Fortuna gewann die von Gisdol aufs Feld geschickte TSG prompt 3:0. Inklusive des Erfolgs in Dortmund holte Gisdol beeindruckende elf Punkte aus den letzten sieben Spielen.

"Manchmal brauchen wir anscheinend einen Tritt in den Hintern, um aufzuwachen", sagt Salihovic. Über Gisdol sagen TSG-Verantwortliche, dass er insbesondere auf die Führungsspieler wie Salihovic, Beck oder den von ihm neu installierten Torwart Koen Casteels eingewirkt haben soll. "Er spricht viel, erklärt uns, was für einen Fußball wir spielen sollen", sagt Beck. Salihovic erzielte in Dortmund mit großer Nervenstärke zwei Elfmetertore, und ließ sich auch nicht von Not-Torwart Kevin Großkreutz im Weidenfeller-Trikot irritieren, nachdem der BVB-Stammkeeper mit Rot vom Platz geschickt worden war. Beck zeigte ein vorbildliches Kämpferherz, Casteels parierte mehrfach exzellent gegen Robert Lewandowski oder Jakub Blaszczykowski.

Dass Hoffenheim nun die Chance erhält, im Relegationsspiel gegen den Zweitligadritten aus Kaiserslautern um den Ligaverbleib zu spielen, hat der Club aber ganz gewiss nicht nur dem eigenen Können oder Gisdols Konzeptfußball zu verdanken: "Wir haben wahnsinnig viel Glück gehabt", sagte Sven Schipplock - und meinte vor allem die Partie gegen Dortmund. Der BVB hätte eigentlich bis zur 75 Minute drei, vier Tore Vorsprung haben müssen. "Aber wir sind zu häufig am letzten Ball gescheitert", sagte Dortmunds Kapitän Sebastian Kehl. Beck sagte: "Wir wussten, wenn wir bis kurz vorm Ende nicht hoch zurückliegen werden, dann ist für uns alles drin. Die Dortmunder haben ja das Champions-League-Finale im Kopf, da lässt man zum Schluss vielleicht ein wenig nach. Dann wollten wir zuschlagen."

Arbeit vor Relegationsspiel gegen Kaiserslautern

Genau so kam es: Mats Hummels und Roman Weidenfeller foulten völlig unnötig im eigenen Sechzehnmeterraum, so dass Salihovic die Dortmunder Führung nach Lewandowskis Treffer mit zwei Toren zunichte machen konnte. Alles sah schon nach Happy End aus - als Hoffenheim sich, wie so oft, selbst noch alle Träume zu zerstören schien: Die TSG-Abwehr ließ Marcel Schmelzer in der Nachspielzeit frei schießen, Lewandowski lenkte den Ball leicht ins Tor und Hoffenheim schien in letzter Sekunde abgestiegen. Doch Schiedsrichter Jochen Drees erkannt nach Rücksprache mit seinem Assistenten auf Abseits - eine korrekte Entscheidung.

"Wir leben - noch", sagte Beck. Aber auch er weiß, dass für das weitere Überleben eine deutliche Leistungssteigerung notwendig ist. "Wir haben einen gemeinsamen Weg eingeschlagen, den wollen wir jetzt weitergehen. Aber es ist noch sehr viel zu tun", sagt Gisdol. Gegen Kaiserslautern kann er damit weiter machen.

Borussia Dortmund - 1899 Hoffenheim 1:2 (1:0)
1:0 Lewandowski (6.)
1:1 Salihovic (77., Foulelfmeter)
1:2 Salihovic (82., Foulelfmeter)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek (69. Schieber), Subotic, Hummels (78. Felipe Santana), Schmelzer - Sven Bender (60. Kehl), Gündogan - Blaszczykowski, Reus, Großkreutz - Lewandowski
Hoffenheim: Casteels - Beck, Abraham, Vestergaard, Johnson - Polanski, Rudy (46. Szarka) - Salihovic, Ochs (58. Schipplock) - Volland, Firmino (86. Süle)
Schiedsrichter: Drees
Zuschauer: 80.645 (ausverkauft)
Rote Karte: Weidenfeller (80.), Notbremse
Gelbe Karten: Reus (4) - Rudy (7), Vestergaard (6), Schipplock (4), Firmino (9)

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1. Kommenden Donnerstag sind wir alle Lauterer
ADie 18.05.2013
Nicht zu fassen, dass es diese Plastikmannschaft aus Entenhausen immer noch nicht erwischt hat.
2. ...
coz 18.05.2013
Lautern oder Hoffenheim? Ich denke, 98% der Fußballfans drücken den Pfälzern die Daumen.
3. Da hätte Klopp...
RedEric 18.05.2013
Zitat von ADieNicht zu fassen, dass es diese Plastikmannschaft aus Entenhausen immer noch nicht erwischt hat.
...mal lieber seinen Leuten sagen sollen, dass sie nicht so hart einsteigen und nicht über den Medien den Hoffenheimern. Dann hätts wohl keine zwei Elfmeter gegeben. wer ist Wir? Dass so viele meinen mit einen Vereinnahmenden "Wir" hätte eine Einzelmeinung mehr gewicht. Aber was soll man von Fußball Fans anders erwarten.
4. Und am Samstag
bobflag 18.05.2013
sind wir alle Bayern. Diese Dortmunder darf man nicht unterstützen. Gell.
5.
Attila2009 18.05.2013
Zitat von ADieNicht zu fassen, dass es diese Plastikmannschaft aus Entenhausen immer noch nicht erwischt hat.
Wir ?? Ich nicht. Hoffenheim ist mir gar nicht so unsympatisch, da gibt es eine andere Plastiktruppe die noch mehr aufgepumpt wird.
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