Krisenklub VfB Stuttgart Attraktiv wie Gollum

Der VfB Stuttgart war mal ein großer und erfolgreicher Fußballverein. In den vergangenen Jahren ist es immer weiter bergab gegangen - bis ans Tabellenende der Bundesliga. Hoffnung? Ist nicht in Sicht.

Von

VfB-Trainer Stevens: Sturz bis an das Tabellenende
DPA

VfB-Trainer Stevens: Sturz bis an das Tabellenende


Es hätte sogar etwas werden können mit mir und dem VfB Stuttgart. Mein Onkel wohnte dort, er versorgte uns Kinder in der westfälischen Provinz der Siebzigerjahre regelmäßig mit Fanartikeln. Einmal schickte er einen Taschenkalender, in dem mehrere Vereinslieder abgedruckt waren. Ich hab ihn bis heute aufbewahrt:

Rot und Weiß, wie lieb ich dich, Rot und Weiß verlass mich nicht. Rot und Weiß ist ja der Himmel nur, Rot und Weiß ist unsere Fußball-Garnitur.

Mein Herz war damals allerdings kurz zuvor bereits unwiederbringlich an Borussia Mönchengladbach vergeben worden. Auch das Buchgeschenk "Unser VfB" von Günter Wölbert von meinem Onkel kam daher knapp zu spät.

Heute bin ich sehr froh darüber. Die Vorstellung, zurzeit VfB-Fan sein zu müssen, ist derzeit so attraktiv wie Gollum in "Herr der Ringe".

Der Klub steht jetzt schon seit vier Wochen auf dem letzten Tabellenplatz, seitdem sind die Abstände zu den rettenden Plätzen von Woche zu Woche ein kleines bisschen größer geworden. Ringsum sammelt die Konkurrenz Punkte, sogar Paderborn hat seitdem mal gewonnen. Der VfB dagegen schießt nicht einmal gegen Hertha BSC ein Tor. Und wechselt wahrscheinlich zeitnah zum zweiten Mal in dieser Spielzeit den Trainer aus.

Vor fünf Jahren noch mit Sami Khedira und Mario Gomez

Es ist gut fünf Jahre her, da spielte der VfB noch in der Champions League. Im Kader standen Sami Khedira und Mario Gomez, Thomas Hitzlsperger, ach, ja, Jens Lehmann war im Tor.

Der VfB, der VfB ist unser Verein. Wir halten ihm die Treue, bei Sonne, bei Regen, bei Schnee, Freunde, er soll leben, unser VfB.

In jenem Buch "Unser VfB" von 1977 lernte ich die damaligen Helden des VfB kennen: Die Förster-Brüder, den jungen Hansi Müller, Hermann Ohlicher, eine Eiche von Kapitän, Dragan Holcer, der als Abwehrspieler nicht umsonst so hieß, Erwin Hadewicz, Ottmar Hitzfeld, den "Schwabenpfeil" Dieter Hoeneß. Es war eine Mannschaft, die gerade den Wiederaufstieg in die 1. Liga geschafft hatte. Aufbruch lag in der Luft. An der Seitenlinie stand mit Jürgen Sundermann ein junger Trainer, Typ Motivator. Sympathische Kerle, Optimismus stand breit in ihren Gesichtern geschrieben.

Es passt zu der aktuellen Tristesse, dass in dieser Woche die Meldung durch die Medien geisterte, in der exakt diese jungen sympathischen Kerle von damals in Verbindung zu dem berüchtigten Freiburger Doping-Doktor Armin Klümper gebracht wurden. Doping beim VfB - auch das noch. Und Sportdirektor Robin Dutt, seit knapp zwei Monaten in Amt und Würden, musste sich zu Vorgängen äußern, die mehr als 30 Jahre zurücklagen, als Dutt, Jahrgang 1965, noch in der Jugend der Spielvereinigung Hirschlanden dem Ball hinterher lief. Als hätte er keine anderen Sorgen.

"Den VfB fit machen für die Zukunft"

Dutt gehört ohnehin zu denen, die einem am meisten leidtun können. Als er im Januar als neuer Sportdirektor vorgestellt wurde, war der VfB schon 15. mit nur zwei Punkten Vorsprung auf das Tabellenende. Dem Niedergang dieses Vereins hatte man zuvor über Jahre zusehen können. "Ich will den VfB fit machen für die Zukunft", hat Dutt damals gesagt, "wir wollen den Visionen Taten folgen lassen."

Schalke, Bayern, schlagen wir, hella di hella ladeloh, Deutscher Meister werden wir, keiner wird es wagen, unseren VfB zu schlagen.

Ich mochte damals Karl Allgöwer, ein sperriger Typ, ein Fußballer, der so anders war als all die anderen Anfang der Achtzigerjahre. Einer, der als VfB-Profi und Nationalspieler seine Meinung sagte, zur Nato-Aufrüstung, zur Friedensbewegung und sich damit ziemlich viel Ärger mit dem damaligen VfB-Präsidenten und CDU-Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder einhandelte. Ich hab mir als Teenie oft vorgestellt: Wenn ich mal Profifußballer bin, will ich auch so sein wie Allgöwer.

Mohammed war ein Prophet, der vom Fußball nichts versteht. Doch aus all der schönen Fußballpracht hat er sich das Rot und Weiß herausgedacht.

Seit jenem Jahr 1977, als ich in Günter Wölberts Buch "Unser VfB" geblättert habe, ist der VfB Stuttgart nie wieder aus der 1. Bundesliga abgestiegen. Es ist zwischendurch mal eng, sogar auch mal sehr eng gewesen, aber so nah dran wie in dieser Spielzeit war es fast nie. Eine gewisse Unweigerlichkeit, mit der es auf den Abstieg zuläuft, ist derzeit rund um das Team zu spüren. Wer und was soll dies aufhalten?

Kling Glöckchen klingelingeling, der VfB wird Meister, 60 ist nur Zweiter, Offenbach wird Dritter, oh wie ist das bitter.

Irgendwo, bei Twitter war es vermutlich, habe ich diese Woche gelesen, dass selbst ein Professor Klümper dieser aktuellen VfB-Mannschaft wohl nicht mehr helfen könnte.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
joppop 07.03.2015
1. Schuhe
Was soll den Stevens anfangen mit verteidiger die eigentlich total nicht wissen warum sie fussballschuhe tragen?!
guilty 07.03.2015
2.
wir können alles .ausser fußballspielen.
G-o-C 07.03.2015
3.
"Heute bin ich sehr froh darüber. Die Vorstellung, zurzeit VfB-Fan sein zu müssen, ist derzeit so attraktiv wie Gollum im Herrn der Ringe." Sowas schreibt kein Fan, höchstens ein Sympathisant!
spitzaufknoof 07.03.2015
4. VfB
Es wäre wirklich traurig wenn es die Stuttgarter erwischen würde. Gibt wahrlich andere Klubs die man in der Bundesliga nicht sehen möchte. Aber noch ist nichts verloren.
malik1986 07.03.2015
5. VFB Stuttgart
İch bin zwar VFB - Fan aber dieses Jahr wird es wirklich sehr eng. Vielleicht braucht mal der VfB die zweite Liga um sich zu regenerieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.