Kremers-Zwillinge im Interview "Mir ist vor Schreck das Rührei aus dem Mund gefallen"

Sie legten sich mit Max Merkel an und verdroschen Teamkameraden mit einem Schaumstoffhammer: Die Zwillingsbrüder Erwin und Helmut Kremers sprechen im Interview mit dem Fußball-Magazin "11FREUNDE" über Streiche, Rote Karten - und den Bundesliga-Bestechungsskandal.

Zwillinge Erwin (l.) und Helmut Kremers: "Fühle mich nicht als Weltmeister"
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Zwillinge Erwin (l.) und Helmut Kremers: "Fühle mich nicht als Weltmeister"


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Frage: Sie sind über Offenbach 1971 auf Schalke gelandet. In den Bestechungsskandal, der sich auf die Vorsaison bezog, waren die meisten Ihrer Mitspieler verwickelt. Die Wahrheit kam erst nach und nach ans Tageslicht. Wie muss man sich die damalige Atmosphäre innerhalb der Mannschaft vorstellen?

Helmut Kremers: Furchtbar. Wenn wir uns eigentlich auf ein Spiel vorbereiten wollten, haben sich die betroffenen Jungs zusammengesetzt und darüber diskutiert, was alles passieren könnte, von lebenslänglichen Sperren bis hin zu Gefängnisstrafen. Man kann sich gar nicht vorstellen, mit welchem Druck die umgehen mussten. Insofern war es ein kleines Wunder, dass wir 1972 immerhin Vizemeister geworden sind.

Frage: Haben Sie denn nichts von Bestechungen mitbekommen? Kickers Offenbach war doch auch darin verstrickt.

Helmut Kremers: In Offenbach direkt nicht. Aber mit Arminia Bielefeld haben wir mal was erlebt. Von dort hat uns einer angerufen, der in der Presse später "Mister X" hieß.

Zur Person
    Erwin und Helmut Kremers, beide 64, sind ehemalige Bundesliga-Spieler. Das Zwillingspaar spielte lange für den FC Schalke 04, beide bestritten zudem insgesamt 23 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft.
Erwin Kremers: Mit dem hatten wir einen Termin an der Raststätte Medenbach. Dort wurden uns tolle Dinge angeboten, wenn wir nach Bielefeld wechseln.

Helmut Kremers: Autos, eine Wohnung.

Erwin Kremers: Dann kamen sie damit raus: "Das bedingt aber, dass wir am Wochenende bei euch gewinnen." Das ging so weit, dass sie uns Blankoschecks hinlegten: "Wenn wir gewinnen, könnt ihr den Betrag selbst eintragen." Wir haben die Schecks liegenlassen und gedacht, das wäre ein Einzelfall.

Frage: Sie beide waren mittlerweile Nationalspieler. Fühlten Sie sich nicht im falschen Film?

Erwin Kremers: Das schon, wobei man sagen muss, dass der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft enorm war. Zu Fischer, Abramczik oder Nigbur haben wir heute noch einen tollen Kontakt, der mittlerweile leider verstorbene Rolf Rüssmann war ein enger Freund.

Helmut Kremers: Die meisten in den Skandal verwickelten Jungs waren kaum 20 Jahre alt. Und sie haben Fehler begangen, aus Kameradschaft. Bei Arminia Bielefeld gab es einen Ex-Schalker namens Slomiany, dem sie helfen wollten. Teilweise wussten die Spieler gar nicht, dass es für die Niederlage Geld gab. Auf einmal hieß es: "Wir treffen uns heute Abend am Löwenpark, da gibt es Geld zu verteilen."

Frage: Vier Jahre nach dem Skandal ist Schalke wieder Vizemeister geworden. Wie war das möglich?

Erwin Kremers: Zum einen wurden die gesperrten Spieler nach und nach begnadigt. Zum anderen hat es geholfen, dass Max Merkel als Trainer entlassen wurde.

Helmut Kremers: Durch mich. (Lacht.) Wir hatten ja so einige Trainer, aber mit dem sind wir überhaupt nicht klargekommen. Der hat es geschafft, eine intakte Mannschaft komplett durcheinanderzubringen. Uns konnte er überhaupt nicht leiden, zu allem Überfluss wohnte er mit uns in einem Haus. In einem Interview habe ich gesagt: "Ich gehe davon aus, dass der Max Merkel die Mülleimer raus bringt." Das sollte ein Scherz sein, aber da war der schon sauer ohne Ende. Einmal wurden über Nacht seine Reifen geklaut: Auto aufgebockt und Reifen weg! Am nächsten Morgen saß er in seinem Auto und wollte zum Training. Ich bin dran vorbei, hab gelacht, mich in mein Auto gesetzt und bin los. Wir haben den nicht mitgenommen.

Erwin Kremers: Im Nachhinein hat er gesagt, wir wären das gewesen. Dabei kann ich gar keine Reifen wechseln.

Helmut Kremers: Das waren Kämpfe. Einmal hat er mich zu sich gerufen und gesagt: "Sie verdienen so viel Geld, Sie müssten zehn Kilometer mehr laufen." Darauf hab ich geantwortet: "Trainer, wenn Sie finanzielle Schwierigkeiten haben, dann sagen Sie doch Bescheid!"

Frage: Sie beide haben zusammen gerade mal 23 Länderspiele absolviert. Ein bisschen wenig für Ihr Talent.

Helmut Kremers: Ich hab mich da nie richtig wohlgefühlt. Außerdem wurde ich 1974 im Trainingslager in Malente erwischt.

Frage: Sie sind ausgebüxt?

Helmut Kremers: Genau. Einer der Polizisten, die uns bewachten - es war die Zeit der Baader-Meinhof-Gruppe -, hatte mir freundlicherweise einen Wagen zur Verfügung gestellt. Als ich am frühen Morgen zurückkam und mit ihm noch ein Bier trank, hat mich Co-Trainer Jupp Derwall erwischt. Ab dem Zeitpunkt hatte sich die WM für mich erledigt. Ich habe keine Minute gespielt und fühle mich auch nicht als Weltmeister.

Frage: Erwin, Sie waren Europameister 1972, aber 1974 waren Sie nicht dabei. Wenn man Ihrem Bruder zuhört, haben Sie ja nicht viel Schönes verpasst.

Erwin Kremers: Ich bin trotzdem traurig darüber. So eine Weltmeisterschaft daheim ist ein einmaliges Erlebnis. Aber ich habe nicht gewusst, dass ich nicht zur WM darf, wenn ich in der Bundesliga eine Rote Karte bekomme.

Frage: Sie haben im letzten Spiel der Saison 1973 / 74 Schiedsrichter Max Klauser beleidigt. Von "Blöde Sau" bis "Du Idiot" finden sich unterschiedliche Angaben.

Erwin Kremers: "Blöde Sau" kommt schon hin. Angeblich wollte er mir eine Brücke bauen und hat noch mal nachgefragt. Darauf habe ich gesagt: "Und jetzt noch mal für Doofe: Sie sind eine blöde Sau!" Dann gab es Rot.

Frage: Für Zwillinge sind Sie ziemlich unterschiedlich.

Erwin Kremers: Ich war auf dem Platz eher der Wilde, dafür außerhalb ein ganz Braver. Wie hast du mich immer genannt?

Helmut Kremers: Herr Pastor.

Erwin Kremers: Klaus Fischer hat vor ein paar Jahren zu mir gesagt: "Erwin, wenn alle so gewesen wären wie wir beiden, wären wir auch Deutscher Meister geworden."

Helmut Kremers: Dazu fällt mir noch eine Geschichte ein. Vor einem Auswärtsspiel in Frankfurt sind Rüdiger Abramczik und ich zusammen weggegangen und in einer Kaschemme gelandet, wo ein Riesenhammer aus Schaumgummi an der Wand hing. Den haben wir mit ins Hotel genommen, sind in diverse Zimmer eingedrungen und haben ihn Leuten auf den Kopf geschlagen. Da waren auch Wildfremde dabei und es gab ein Chaos, sogar die Polizei war vor Ort. Abi und ich haben uns unerkannt aufs Zimmer verdrückt. Als wir beim Frühstück saßen, meldete sich Klaus Fischer zu Wort: "Ich habe so was von schlecht geschlafen." Ich habe zu ihm immer Walter gesagt und meinte: "Walter, was ist denn passiert?" Sagt er: "Ich hab geträumt, man hätte mich überfallen, mit einem Riesenhammer." Mir ist vor Schreck das Rührei aus dem Mund gefallen.

Lesen Sie die ungekürzte Version des Interviews in der aktuellen Ausgabe des Fußball-Magazins "11FREUNDE".

Das Interview führte Jens Kirschneck



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